Ärzte Zeitung, 04.05.2017
 

Demente Patienten am Steuer

Ärzte im Interessenkonflikt

Es ist ein Tabuthema: Autofahren im hohen Alter oder bei beginnender Demenz. Das stürzt Ärzte in Konflikte: Zwischen Wahrung der Vertraulichkeit von Gesundheitsdaten des Patienten, seinem Interesse an Autonomie – und dem möglichen Risiko für Dritte.

Von Ilse Schlingensiepen

Demente Patienten am Steuer – 
            Ärzte im Interessenkonflikt

Im hohen Alter noch am Steuer? Womöglich mit Demenz? Für Ärzte ein heikles Thema.

© Maximilian Boschi / panthermedia.net

Seit Dienstag steht ein 85-jähriger Mann vor dem Amtsgericht in Bad Säckingen, der eine Irrfahrt durch das Zentrum der Kleinstadt zu verantworten hat, bei der zwei Menschen getötet und 27 verletzt wurde. Eine 92-jährige Patientin sucht ihren Hausarzt auf, weil sie immer vergesslicher wird, und erzählt, dass sie mit dem Auto gekommen ist. Sie ist schlecht zu Fuß, der Arzt weiß, dass die Frau allein lebt. Ein anderer Allgemeinmediziner wird telefonisch von einer Frau gebeten, dafür zu sorgen, dass ihr Vater nicht mehr Auto fährt. Der Mann ist an Demenz erkrankt, besucht die Praxis sehr selten. Der Arzt schlägt der Tochter vor, zusammen mit dem Vater in die Sprechstunde zu kommen, das ist bis heute nicht passiert.

Die Hausärzte, die beim 7. Tag der Allgemeinmedizin an der Universitätsklinik Düsseldorf den Workshop zum Thema "Autofahren und Demenz" besuchen, kennen eine Reihe solcher Beispiele. "Viele Hausärzte sagen: Das Thema kommt in der Praxis zwar nicht allzu häufig vor, aber wenn, dann ist es oft mit Schwierigkeiten und Unsicherheiten verbunden", berichtet der Psychologe Dr. Michael Pentzek, Forschungskoordinator am Düsseldorfer Institut für Allgemeinmedizin.

Was die Sache nicht gerade einfacher macht: Autofahren bei Demenz ist ein Tabuthema. "Viele Hausärzte sprechen es nicht gern an", weiß Verena Leve. Die Gerontologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin.

Leve und Pentzek haben gemeinsam mit Kollegen Empfehlungen zum Thema Autofahren und Demenz erarbeitet. Sie basieren auf einer umfangreichen Literaturrecherche und der Arbeit mit Fokusgruppen aus Hausärzten, Patienten mit Demenz sowie Angehörigen und sollen im Laufe des Jahres erscheinen. Das Projekt wird von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gefördert.

"Ein ganz wichtiger Schritt ist die frühe Sensibilisierung", sagt Leve. Bei ersten Warnzeichen für ein Fahrsicherheitsrisiko sollten Hausärzte das Gespräch mit den Patienten suchen. Gute Aufhänger sind der Medikationsplan oder die Check-up-Untersuchung. Hausärzte können erklären, dass bestimmte Arzneimittel oder sensorische Probleme die Fahrtauglichkeit beeinträchtigen. "Für die Patienten ist es leichter, wenn die kognitiven Einschränkungen nicht direkt im Vordergrund stehen." Gemeinsam mit den Patienten können die Ärzte prüfen, welche Alternativen zum Autofahren sie haben. "Es geht um die weitere Sicherung von Mobilität und Autonomie der Patienten, auch im Falle eines Fahrverzichts."

Leve empfiehlt, schon früh gemeinsam mit Patienten ein Mobilitätsprofil zu erstellen, zum Beispiel im Rahmen des geriatrischen Basisassessments. "Das Mobilitätsprofil ist ein gutes Instrument, um etwas über die Mobilitätsbedürfnisse zu erfahren und Patienten auch im Verlauf einer Demenz an Entscheidungen zu beteiligen", erläutert Leve.

Sie rät den Ärzten, auch in der frühen Phase die Aufklärung über mögliche Einschränkungen der Fahrsicherheit in der Patientenakte zu dokumentieren und vom Patienten unterschreiben zu lassen. Rechtzeitig mit den Patienten abklären und dokumentieren sollten die Ärzte auch, welche Angehörigen sie gegebenenfalls informieren und in Entscheidungen einbeziehen können.

Wenn Patienten aufgrund der Demenz nicht mehr fahrgeeignet sind, aber nicht vom Autofahren lassen wollen, bringt das die Hausärzte häufig in einen Konflikt zwischen Schweigepflicht und Sorge um Selbst- und Fremdgefährdung. Müssen sie sich an die Straßenverkehrsbehörden wenden? "Falls die Demenz der primäre Grund der fehlenden Fahreignung ist, haben sie unter bestimmten Voraussetzungen das Recht, aber nicht die Pflicht, das zu tun", betont Pentzek.

Wenn Ärzte offizielle Stellen einschalten, sollten sie das nicht anonym tun, sonst können die Ämter nicht tätig werden. Voraussetzung für eine Meldung ist, dass die Diagnose Demenz dokumentiert ist und Patienten darüber und die Folgen für die Fahreignung aufgeklärt worden sind. Gegebenenfalls sollte sich der Arzt das unter Zeugen gegenzeichnen lassen. In Einzelfällen kann es notwendig sein, Patienten Fristen zu setzen. "Der Arzt kann sagen: Wenn Sie weiterhin fahren, werde ich in drei Wochen die Straßenverkehrsbehörde informieren", so Pentzek.

Einige Hausärzte haben gute Erfahrungen damit gemacht, ältere Menschen zu einer freiwilligen Fahrprobe bei einer Fahrschule zu motivieren, berichtet er. "Dann haben sie eine direkte Rückmeldung zu ihrem Fahrverhalten und können vor diesem Hintergrund über ihre weitere Fahraktivität entscheiden."

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