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Arzneimittel-Studien

Warnung vor blindem Vertrauen

Studien sind unverzichtbar, um die Wirkung von neuen Präparaten einzuordnen - doch blind vertrauen sollten Ärzte ihnen nicht. Davor warnten Experten auf dem Kölner Kongress für Arzneimittelinformation.

Anne-Christin GrögerVon Anne-Christin Gröger Veröffentlicht:

KÖLN. Angesichts der Fülle von Studienergebnissen in der Arzneimittelforschung sollten Ärzte und Apotheker sich mehr denn je kritisch mit den Informationen auseinandersetzen, die diese Studien liefern. Das forderten Experten auf dem 4. Kongress für Arzneimittelinformation in Köln.

Die evidenzbasierte Medizin helfe zwar einerseits bei der Einordnung von Studienergebnissen, klinischer Erfahrung und Patientenpräferenzen, sagte Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, auf der Tagung in Köln.

Aber: "Die Ergebnisse werden jedoch teilweise nur unvollständig zugänglich gemacht oder unvollständig vermittelt", kritisierte er. "So können Wirksamkeiten überhöht und Nebenwirkungen abgeschwächt dargestellt und fehlender Nutzen verschwiegen werden."

Verzerrte Studienergebnisse

Jonitz nannte zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit - von verzerrten Studienergebnissen bis hin zur Fälschung. "Da werden Medikamente an Patienten getestet, die jünger sind als die Zielgruppe", sagte er.

Durch die geringe Komorbidität zeigten sich geringere Nebenwirkungen und ein scheinbar größerer Nutzen.

Weitere Methoden seien, ein Präparat mit einem Konkurrenzpräparat in zu niedriger Dosierung zu vergleichen, eine Publikation zu verzögern oder bei negativen Studienergebnissen ganz zu verschweigen.

Um Patienten trotzdem mit den bestmöglichen Medikamenten therapieren zu können, forderte Jonitz, dass Ärzte und Apotheker sich permanent mit ihrem Wissen über Medikamente und deren Wirksamkeit beschäftigen und auch scheinbar bewiesene Thesen ständig hinterfragen.

"Die wichtigste Ressource des 21. Jahrhunderts ist ‚Sauberes Wissen‘," zitierte er den ehemaligen Chief Knowledge Officer des britischen National Health Service J. Muir Gray.

Dringend notwendig sei die Aufklärung über unvollständige, tendenziöse oder falsche Informationen. "Zudem brauchen wir analog zu internationalen Vorbildern Wissensdatenbanken und Register, die es ermöglichen, fragwürdige Studiendesigns zu identifizieren."

Auch sponsorenunabhängige Fortbildungsveranstaltung für Mediziner und Apotheker seien nötig.

Verantwortungslosigkeit der Akteure

Eine ähnliche These vertrat Professor Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums am Institut für Medizinische Biometrie und Medizinische Informatik (IMBI) des Universitätsklinikums Freiburg.

"Nur 50 Prozent aller Studien kommen in der Arzneimittelinformation und am Klinikbett an", sagte er.

Antes kritisierte die selektiven Veröffentlichungen, das Verschwinden von Studien und die Unterdrückung von Studienergebnissen als große Verantwortungslosigkeit der Akteure, die "nahe an der Fälschung liegt."

Dabei spielten tatsächliche Fälschungen oder die vorsätzliche Manipulation von Testergebnissen bei Arzneimittelstudien eine geringere Rolle als gedacht. "Es sind die kleinen persönlichen Unzulänglichkeiten, die einen Großteil des Schadens ausmachen", sagte Antes.

Gerade die Details von Dokumentationen böten zahlreiche Gelegenheiten von Manipulationsmöglichkeiten, die Testergebnisse verfälschen können, sagte Antes.

Echte Skandale wegen Fälschungen von Studienergebnissen gebe es zwar, "doch die sind vor allem gut für die Skandalisierung in den Medien."

Als "Schuldige" an der Misere machte Antes nicht nur die Pharmaindustrie aus, die Studienergebnisse durch finanzielle Anreize beeinflusse.

"Die Forscher und die Fakultäten, die Ethikkommissionen, Verlage und Zeitschriften - sie alle tragen einen Teil dazu bei, dass im Publikationsbetrieb geforderte Standards oft massiv verletzt und viele Arbeiten unvollständig, verzerrt oder gar nicht veröffentlicht werden", sagte der Experte.

Die Leidtragenden seien die Patienten, deren Leben und Gesundheit dadurch bedroht würden.

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