Ärzte Zeitung online, 11.10.2017
 

Tag des Bereitschaftsdienstes

KBV-Chef Gassen – Hunderte Klinik-Ambulanzen überflüssig

Die Reform der Notfallversorgung zieht die Schließung von hunderten, vielleicht 1000 Ambulanzen an Kliniken nach sich, sagt die KBV. Krankenhäuser warnen vor Wartezeiten.

Von Anno Fricke

Einige hundert Ambulanzen könnten wegfallen

Eine Reform des Bereitschaftsdienstes steht an.

© Michael Reichel / dpa

BERLIN. Für eine Reform des ärztlichen Bereitschaftsdienstes und der Notfallversorgung am Krankenhaus in der kommenden Legislaturperiode bringen sich Vertragsärzte und Krankenhäuser in Stellung.

Eine am Mittwoch vorgestellte forsa-Umfrage im Auftrag der Katholischen Krankenhäuser (kkvd) kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland (53 Prozent) die Krankenhäuser als erste Anlaufstelle in einem Notfall sehen, nur 35 Prozent wenden sich an Haus- und Fachärzte. "Die Krankenhäuser müssten daher realpolitisch als Erstanlaufstelle bei Notfällen in den Fokus rücken", sagte kkvd-Geschäftsführerin Bernadette Rümmelin bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Berlin. Der Sicherstellungsauftrag für den ambulanten Notdienst müsse auf beide Schultern verteilt werden.

Für die Vertragsärzte gilt trotz des sich verändernden Inanspruchnahmeverhaltens der Patienten der Sicherstellungsauftrag für die ambulante Versorgung als unantastbar. "Wenn jemand nicht lebensbedrohlich erkrankt ist und in der Nacht oder am Wochenende einen Arzt braucht, dann wird er von uns behandelt", sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen am Mittwoch anlässlich der Tage des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

In gemeinsam an Krankenhäusern betriebenen Notfallstrukturen sollten die Ärzte unabhängig Patienten versorgen und in die jeweils zuständige Ebene weiterleiten können, betonte Gassen. Das sei Teil des Sicherstellungsauftrags. Die Chefärzte der Kliniken sollten dort nicht weisungsbefugt sein. Die KBV wolle nicht Herrin der Stroke Units oder der Intensivstationen werden, beschwichtigte KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister. Darüber gebe es in der Diskussion nach wie vor große Missverständnisse zwischen Krankenhäuser und Vertragsärzten.

Beide Vorstände betonten, dass es keine bundeseinheitliche Lösungen gebe. Welche ambulante Versorgungsstruktur vorgehalten werde, solle alleine die regionale Ebene entscheiden. Unterschiedliche Varianten seien denkbar.

Anfang September hatte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) Vorschläge für den Aufbau Integrierter Versorgungszentren an Kliniken gemacht, die von Vertragsärzten und Kliniken gemeinsam betrieben werden könnten. Dort sollten Patienten gemeinsam in die vertragsärztliche oder die stationäre Versorgung geleitet werden – je nach medizinischem Bedarf.

Nicht jede heute betriebene Notfallambulanz könne in ein solches Integriertes Zentrum überführt werden, sagte Gassen. Hunderte Ambulanzen könnten wegfallen.

Um den Ansturm auf die Notfallambulanzen auszudünnen, soll die bundesweite Notfallnummer des Bereitschaftsdienstes 116.117 weiter bekannt gemacht und mit der Notrufnummer 112 verzahnt werden, sagen die KBV-Vertreter. Es sei notwendig, die Nummer auch zu Öffnungszeiten der Praxen freizuschalten, da die Menschen auch dann die Krankenhäuser den Praxen vorzögen. Das ist im Moment aus gesetzlichen Gründen nicht zulässig. Eine Stärkung der sektorübergreifenden Zusammenarbeit hält die Sprecherin des Katholischen Krankenhausverbands Bernadette Rümmelin gleichwohl für geboten. "Wir brauchen eine Entlastung, viele Notfallambulanzen laufen am Limit", sagte Rümmelin am Mittwoch in Berlin.

[12.10.2017, 14:27:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Tag des Bereitschaftsdienstes"? - Wer hat hier eigentlich "seine Tage"?
Wer als Vorstand der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und orthopädischer Kollege Dr. med. Andreas Gassen bzw. als KBV-Vize und Hausarzt-Vertreter Dr. med. Stephan Hofmeister nur und ausschließlich in freier Praxis niedergelassene Vertragsärztinnen und -ärzte vertritt, kann und darf sich nicht dahingehend äußern: "Die Reform der Notfallversorgung ziehe die Schließung von hunderten, vielleicht 1.000 Ambulanzen an Kliniken nach sich". Das ist unintelligent, sach- und fachfremd!

Wer den Sicherstellungsauftrag für die ambulante Versorgung für unantastbar hält, kann auch als KBV-Chef nicht versorgungs- und realitätsfremd konfabulieren: "Wenn jemand nicht lebensbedrohlich erkrankt ist und in der Nacht oder am Wochenende einen Arzt braucht" könne der-/diejenige exklusiv auf den ambulanten vertragsärztlichen Notdienst (ZND) verwiesen werden.

Mein Praxisbeispiel dazu: Montag, 9.10.2017, 7.35 Uhr, (zusammengefasster) Anruf meiner 59-jährigen Patientin H. K., "ich habe Fieberschübe seit Donnerstag (5.10.2017) und bin am Mittwoch (4.10.2017) von einer 4-wöchigen Ghana-/Burkina Faso-/Afrika-Rundreise (Hotel,Gasthof,Zelt) total schlapp und müde zurückgekehrt." Stark reduzierter AZ; nur Repellents, keine spezifische Malaria-Prophylaxe.

Diese Patientin musste sofort und unverzüglich in eine Klinikambulanz verbracht und stationär über Notruf 112 aufgenommen werden. Praxis, ZND oder Portalpraxis wären eine klare Fehlallokation gewesen. Es war eine Malaria tropica Infektion mit Plasmodium falciparum. Die Therapie mit LONART DS (Artemether 80 mg + Lumefantrine 480 mg) nach Einnahme-Schema 0-8-24-46-48-60 Stunden je 1 Tab schlug so gut an, dass die Patientin gestern, am 11.10.2017 entlassen wurde und heute bei mir in der Sprechstunde aufschlug. Bleibt nur noch der Hinweis an den Feuerwehrtransport: Keine Isolierung, keine Übertragung, keine Kontamination im KTW, RTW, NEF und NAW; deshalb keine besonderen Desinfektionsmaßnahmen nötig.

Zurück zu KBV-Zentrale: Wer jahrzehntelang keinen Notdienst mehr geschoben hat, wer seine Klinikzeit allenfalls vage erinnern kann und wer nur die Straßenseite wechseln muss, um zu den Experten der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG) zu gelangen, sollte nun wirklich den Ball flach halten und sich nicht als blutiger Laie outen.

Laut Destatis gab es 2013 in Deutschland "Krankenhäuser Anzahl 1.996 Gesamt, davon 596 öffentliche, 706 freigemeinnützige und 694 private".
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Krankenhaeuser/Tabellen/KrankenhaeuserJahreVeraenderung.html
Wie soll da "die Schließung von hunderten, vielleicht 1000 Ambulanzen an Kliniken…sagt die KBV" auch nur rein rechnerisch möglich sein?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[12.10.2017, 07:13:14]
Dr. Friedrich H. Methfessel 
Triage
Der große Unterschied ist, dass wir Kassenärzte gewohnt sind, in 5 min. Takt und ohne Labor, Röntgen, Ultraschall und andere Sonderuntersuchungen die Patienten zu Untersuchen, dokumentieren und eine Behandlungsstrategie einzuleiten.

In Krankenhausambulanzen sind es oft Assistenzärzte -inzwischen oft auch der Deutschen Sprache nicht vollständig beherrschend- die einen Zustrom von Patienten bewältigen müssen.
Erschreckend ist wenn aus der KV Notfallambulanz mit eindeutiger (und korrekter) Diagnose Einwrisungen veranlasst werden und die Patienten später berichten, dass sie dennoch 2, 3 oder sogar 4 Stunden in der Krankenhausambulanzen sitzen mussten, bevor die stationäre Aufnahme erfolgt ist und die Therapie eingeleitet wurde.

Als junger Assistenzarzt war ich keineswegs besser, Entscheidungen schnell zu treffen und umzusetzen. Soll nur heissen, dass die Krankenhausambulanzen gut tätne, die Erfahrung der Niedergelassenen mehr zu respektieren und izu ntegrieren.



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