Ärzte Zeitung, 05.08.2009

Kammer Bremen warnt vor Aktionismus

Ärzte sehen sich immer öfter in einem Dilemma zwischen Patientenwünschen und medizinischer Vernunft

HANNOVER/BREMEN (cben). Keine "Wunschverordnungen" von Relenza® und Tamiflu®! Die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) und die KV Bremen (KVHB) haben vor Aktivismus bei der Bekämpfung des pandemischen H1N1-Virus (Schweinegrippe) gewarnt.

Kammer Bremen warnt vor Aktionismus

Foto: GSK, www. fotolia.de

Immer mehr Patienten verlangen von ihren Ärzten Grippemittel wie Tamiflu® oder Relenza® - häufig, weil sie glauben, erkrankt zu sein, manchmal als reine Vorsichtsmaßnahme. "Wie erklärt ein Arzt in dieser aufgeheizten Situation, dass die medizinische Indikation gar nicht gegeben ist und die Mittel schon gar nicht prophylaktisch wirken?", erklärte Bremens KV-Chef Dr. Till Spiro das Dilemma vieler niedergelassener Ärzte.

Auch die ÄKN kritisierte die zu großzügige Verschreibungspraxis für diese Medikamente in Form von "Wunschverordnungen" auf Privatrezept. Dies sei "höchst problematisch", weil sie die ärztliche Steuerung des Behandlungsprozesses unmöglich mache und zugleich Resistenzen Vorschub leisten könne. Der Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Gisbert Voigt, forderte die Ärzte in seinem Bundesland auf, diesen Aspekt bei ihrer Verordnungsentscheidung mit zu berücksichtigen.

Unterdessen seien Vorräte in den Apotheken und beim pharmazeutischen Großhandel an Oseltamivir und Zanamivir fast gegen Null zurückgegangen, so die ÄKN.

Spiro kritisierte zudem die widersprüchlichen Angaben im Zusammenhang mit der Pandemie: "Was heute gilt, ist morgen überholt. Wer soll da den Überblick behalten?" Und sei in Anbetracht des bisher harmlosen Pandemieverlaufs eine solche aufgeregte Organisations- und Informationswut notwendig? Die hierdurch aufkommende Hysterie und der Beigeschmack von Überregulierung seien das, was die Schweinegrippe bisher so ungesund machten, nicht die Krankheit selbst.

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