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Ärzte Zeitung, 17.01.2012

Nachfolger für Gothaer "Seniorenpraxis" gefunden

Sechs Ärzte in Gotha vertagten ihren Ruhestand und gründeten 2009 eine "Seniorenpraxis". So konnte ein Versorgungsnotstand verhindert werden. Jetzt haben sich Nachfolger gefunden - zwei Österreicher.

Von Robert Büssow

Österreicher übernehmen "Seniorenpraxis"

Gesundheitsministerin Heike Taubert (li.) gratuliert vier der sechs "Senioren-Ärzte": Christine Jankowski, Uta Dehmel, Joachim Dehmel, Helga Trautmann (von links).

© Robert Büssow

GOTHA. Knuth Kreuch, Oberbürgermeister von Gotha, nannte sie im Scherz seine "Mumienpraxis": Schon vor fünf Jahren habe er besorgt festgestellt, dass die Hausärzte seiner Stadt immer älter wurden. Als 2007 gleich acht Hausärzte aufhören wollten, wusste er, es muss etwas geschehen.

Gemeinsam mit der KV Thüringen (KVT) bastelte er an einer ungewöhnlichen Lösung: einer Seniorenpraxis. Sechs Ärzte, die ihre Kassenzulassung schon abgegeben hatten, konnte Kreuch zum Weitermachen überreden. Der Clou daran: Die KV übernahm die Praxis als Eigeneinrichtung und beschäftigte die Ärzte als Angestellte. Im Juli 2009 begann das Experiment. Am ersten Tag kamen 185 Patienten.

Service und Infrastruktur überzeugte die Österreicher

Zweieinhalb Jahre später ist in der Praxis im Gothaer "Knevelshaus" großer Empfang. Die KV-Vorsitzende Regina Feldmann ist da und Thüringens Gesundheitsministerin Heike Taubert (SPD) scherzt, dass die Rente mit 67 für Ärzte in Thüringen offenbar kein Thema ist. Sekt, Saft und Kanapees werden gereicht. Der Anlass ist ein Grund zum Feiern.

Österreicher übernehmen "Seniorenpraxis"

Führen seit Januar die ehemalige "Seniorenpraxis" in Gotha: Werner Plörer und Vaitsa Dimitriadou aus Österreich.

© Robert Büssow

Seit Januar führt das österreichische Ärztepaar Werner Plörer und Vaitsa Dimitriadou (beide 36) die Rentner-Praxis fort.

"Es wurde eine ganz große Versorgungslücke in Gotha geschlossen", begrüßt Feldmann die Nachfolger. "Wir hätten auch nach Berlin, Köln und ins Allgäu gehen können", erzählt Plörer, der erst einmal einen Strauß Blumen "einwassern" muss, bevor er Ruhe für ein Gespräch findet.

Es sei der Service und die Infrastruktur gewesen, mit der Gotha überzeugte. Plörer und seine Familie wurden hofiert: Kita-Platz für die Kinder, Baugenehmigung, Verwaltungsgänge - Bürgermeister Kreuch half, wo er konnte.

Modell Eigeneinrichtung

Auch beim Systemwechsel, der Plörer noch am meisten schreckte, hilft die KV. Das Ärzteehepaar wird die Praxis zudem als Eigeneinrichtung übernehmen, allerdings zunächst getragen von der Stiftung zur Förderung der ambulanten ärztlichen Versorgung, die 2009 in Thüringen von Land und KV gegründet wurde.

"Das Modell Eigeneinrichtung unterscheidet Thüringen von anderen Ländern", lobt Plörer den Innovationsgeist.

Der Hauptgrund für den Umzug nach Deutschland sei allerdings gewesen, dass er mit seiner Frau zusammen auf vollen Stellen eine Praxis führen wollte. In Österreich sei dies schwierig gewesen, erklärt er.

Sehr sympathisch findet Helga Trautmann ihre Nachfolger. Die frühere Sanitätsrätin übernahm zweimal in der Woche die Sprechstunde, dazu viele Hausbesuche. "Es waren wunderbare Jahre, in denen wir viel Gutes tun konnten", sagt die rastlose Hausärztin.

In Gotha könnten sofort 20 Hausärzte anfangen

"Fast 2000 Patienten hätten in der Luft gehangen. Wir konnten die Patienten doch nicht im Stich lassen", sagt Trautmann. Allein in Gotha, immerhin eine Stadt mit 45 000 Einwohnern, könnten sofort etwa 20 Hausärzte anfangen. In ganz Thüringen sind sogar 255 Stellen frei.

Trautmann und ihre fünf Kollegen kennen sich bereits seit über 40 Jahren. Zum Team gehörte Joachim Dehmel. "Ich habe keine Defizite bei der Leistungsfähigkeit gemerkt", sagt er schmunzelnd. Gerade einmal ein halbes Jahr hatte er nach dem Verkauf seiner Praxis die Beine hochgelegt, als es dann doch wieder weiterging. "Die hausärztliche Tätigkeit ist mühevoll. Du musst als Ansprechpartner für deine Patienten ständig erreichbar sein. Hinzu kommt die Bürokratie, die Abrechnung, Weiterbildung", erklärt Dehmel, der in diesem Jahr 70 wird, warum Berufsstarter zurückhaltend sind.

Die Eigeneinrichtung könnte da helfen. Deshalb soll das Gothaer Modell Schule machen. Weitere Eigeneinrichtungen in Thüringen sind geplant - die Nächste bereits in diesen Tagen im südthüringischen Gräfenthal.

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