Ärzte Zeitung online, 29.10.2015

Hausärzte üben Selbstkritik

Nur Facharzt für Überweisungsmedizin?

Hausärzte üben Selbstkritik: Viele Kollegen würden zu oft Aufgaben an andere Fachärzte delegieren.

BAD ORB. In Hausarztpraxen wird immer seltender ein diagnostisches und therapeutisches Spektrum vorgehalten, das die selbst gestellten Ansprüche erfüllen kann, den Großteil der Patientenprobleme umfassend und selbst lösen zu können.

Auf dieses Dilemma hat Dr. Frederic M. Mader, wissenschaftlicher Leiter der practica 2015, in einem Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" in Bad Orb hingewiesen. Als Beispiele nennt Mader die Ergometrie, aber auch die Spirometrie.

Eine Hausarztpraxis ohne Spirometrie?

"Ich kann nicht nachvollziehen, wie eine Hausarztpraxis ohne Spirometrie auskommen könnte." Mader fürchtet, dass der Trend dahin gehen könnte, auch kein EKG mehr vorzuhalten und auch dieses per Überweisung beim Kardiologen anfertigen zu lassen.

Generell führt der Facharzt für Allgemeinmedizin diese Entwicklung darauf zurück, dass immer mehr technische Leistungen des Hausarztes in "Pauschalen versenkt" würden und daher nicht mehr zwingend erbracht werden müssten. Um zur Behandlung der COPD in der Hausarztpraxis die geeigneten Medikamente herausfinden zu können, sei jedoch eine Lungenfunktionsprüfung unumgänglich.

In Österreich oder in den USA sei der Kompetenzanspruch von Hausärzten höher. Mader sieht daher die Gefahr, dass der Hausarzt zunehmend zum "Facharzt für Überweisungsmedizin" degradiert werden könnte.

Das fürchtet der Hausarzt und langjährige practica-Referent Dr. Diethard Sturm aus Chemnitz ebenfalls. Zum Beispiel sei ein Teil der Allgemeinärzte nicht mehr in der Lage, Untersuchungen des Bewegungsapparats fachgerecht vorzunehmen und "das Problem selbst zu lösen."

Zu hohe Bereitschaft zur Delegation

Auch nach Ansicht von Sturm ist die Bereitschaft zur Delegation viel zu hoch. Allein dadurch würden die Hausärzte Kompetenz einbüßen.

Selbst der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Eberhard Mehl gestand ein, dass es nicht ausreicht, die Hausärzte an diesem Punkt "an der Ehre zu packen."

Auch im Verband sei eine "hart geführte Diskussion" im Gange, ob man künftig wieder mehr Leistungen etwa aus der HNO oder der Orthopädie aus den Pauschalen herausnehmen sollte. Fortbildungsmüde seien die Hausärzte hingegen keinesfalls.

Rund 15 000 Hausärzte seien bisher allein über das Institut für hausärztliche Fortbildung (IhF) fortgebildet worden. Zudem sei die practica inzwischen die größte Fortbildungsveranstaltung für Hausärzte in Europa, bemerkte Mehl. (ras)

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