Ärzte Zeitung online, 04.05.2017
 

Berlin

Pädiater nehmen Kinderschutzambulanzen nur zögerlich an

Was bringen die Kinderschutzambulanzen in Berlin? Ein Jahr nach dem Start wurde für das Modellprojekt eine Zwischenbilanz gezogen.

Von Angela Misslbeck

Pädiater nehmen Kinderschutzambulanzen nur zögerlich an

Missbrauch? Ein Besuch in einer Kinderschutzambulanz kann helfen.

© pegbes / fotolia.com

BERLIN. Um Gesundheitswesen und Kinderschutz in Berlin besser zu vernetzen, sind im Frühjahr 2016 regionale Kinderschutzambulanzen an fünf Kliniken geschaffen worden. Sie sollen bei Verdachtsfällen abklären, ob Kinder Gewalt oder Vernachlässigung ausgesetzt waren.

Das Modellprojekt läuft nun langsam an. Für den neuen Berliner Gesundheitsstaatssekretär Boris Velter (SPD) heißt das aber nicht, dass die Einrichtungen am Bedarf vorbei gehen. Erfahrungen aus anderen Städten würden zeigen, dass es ein bis anderthalb Jahre dauern kann, bis die Arbeit der Ambulanzen angenommen werde. "Wir können davon ausgehen, dass die Zahlen deutlich ansteigen werden", meint Velter.

Das zeigen vorläufige Zahlen aus den fünf Ambulanzen. In allen Einrichtungen nahmen die Fallzahlen im ersten Quartal 2017 deutlich zu. So hat die Kinderschutzambulanz des Helios Klinikums Berlin-Buch seit dem Start im April 2016 insgesamt 59 Kinder untersucht, davon allein 22 von Januar bis März 2017. An den DRK Kliniken wurden nach ganzen 18 Fällen im Jahr 2016 in den ersten drei Monaten dieses Jahres schon 17 Kinder untersucht. Im Sankt Josef-Krankenhaus Tempelhof sind von 28 Anfragen bei der Kinderschutzambulanz rund die Hälfte in diesem Jahr erfolgt."Es nimmt deutlich zu", so der Leiter der Ambulanz Dr. Hans Willner.

An der Charité hat die Ambulanz 57 von insgesamt 92 Kindern in den letzten beiden Quartalen untersucht. Für die Ambulanz des Vivantes Klinikums Neukölln fehlten die Zahlen aus diesem Jahr noch. Sie hat 2016 insgesamt 80 Kinder untersucht.

Niedergelassene erreichen

Bei fast allen Ambulanzen zeigt sich: Von den Jugendämtern werden die Einrichtungen zunehmend genutzt. Auch innerhalb der Kliniken werden sie als feste Ansprechpartner bei Kinderschutzfragen wahrgenommen. Doch niedergelassene Kinderärzte nehmen die Ambulanzen bisher nur selten in Anspruch. An der Charité und bei Vivantes kam nur jedes zehnte Kind von einem niedergelassenen Kinderarzt.

"Da müssen wir vielleicht noch ein bisschen Werbung machen", sagte Dr. Sylvester von Bismarck, einer der Leiter der Neuköllner Ambulanz. Auch seine Kollegin aus Buch, Dr. Antje Hoffmann sagt: "Wir müssen die Kinderärzte noch mehr erreichen." Dort hatten niedergelassene Pädiater 13 Kinder hingeschickt.

Über die Gründe für diese Zurückhaltung lässt sich bislang nur mutmaßen. Unter Umständen werden die Klinik-Einrichtungen als Konkurrenz gesehen. Doch möglicherweise ist der Bedarf am Spezialwissen der Einrichtungen auf Seiten der Jugendhilfe bedeutend größer als von medizinischer Seite. Denn schließlich sollen die Ambulanzen in erster Linie dazu dienen, mehr Verdachtsfälle aufzuklären.

Ob sie dieses Ziel erreichen, lässt sich nach einem Jahr Laufzeit noch nicht sagen. Bereits jetzt zeichnet sich aber ab, dass am häufigsten Kinder mit Verdacht auf körperliche Misshandlung vorgestellt werden. Am seltensten prüften die Ambulanzen Verdacht auf emotionale Misshandlung. Verdacht auf Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch hatten unterschiedlich hohe Anteile.

Auch die Aufklärungsquoten waren in den fünf Einrichtungen sehr unterschiedlich. So blieben in Neukölln 62 Fälle ungewiss, sechs mal wurde der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bestätigt und zwölf mal ausgeschlossen. In Buch hat die Ambulanz in elf Fällen eine Kindeswohlgefährdung ausgeschlossen, 15 Fälle bestätigt und bei 33 Kindern blieb der Verdacht ungewiss. "Hier war es unsere Aufgabe zu schauen, was diesen Familien begleitend als Hilfe angeboten werden kann", sagte Hoffmann.

Hilfesystem entlastet

An der Charité blieben 31 Prozent der Verdachtsfälle ungewiss, bei den DRK Kliniken 35 Prozent, und im Sankt Josef Krankenhaus ist die Hälfte der Fälle geklärt, ein Viertel unbestätigt und ein weiteres Viertel in Bearbeitung.

Was zunächst nicht viel klingt, ist dennoch ein wertvoller Beitrag zum Kinderschutz. Jedes Fünkchen mehr Gewissheit nutzt den betroffenen Kindern, und wenn ein Verdacht sicher ausgeschlossen werden kann, hilft das nicht nur den Familien, sondern es entlastet auch das Hilfesystem.

1,2 Million Euro investiert das Land Berlin allein in den Jahren 2016 und 2017 in die Kinderschutzambulanzen.

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