Ärzte Zeitung online, 02.10.2017
 

Sachsen-Anhalt

"Ambulant vor stationär hat Schlagseite

In Sachsen-Anhalt könnten viele Klinikaufenthalte vermieden werden. Doch de facto tragen Vertragsärzte dort einen Teil des Morbiditätsrisikos – das hat Folgen.

Von Petra Zieler

MAGDEBURG. Die ambulante Versorgung "kann" mehr und sie kann stationäre Aufenthalte von Patienten auch ersetzen – wenn die Bedingungen stimmen. Das war der Tenor eines Symposiums, zu dem die KV Sachsen-Anhalt Politiker, Kassenvertreter und Wissenschaftler eingeladen hat.

Sachsen-Anhalt ist dem demografischen Trend in Deutschland Jahre voraus und hat die zweitniedrigste Arztdichte. Daraus ergeben sich durchaus Chancen. So verwies der Gesundheitsökonom Professor Volker Ulrich, Universität Bayreuth, auf eine Studie, nach der bundesweit 3,7 Millionen Krankenhausfälle – mit Kosten von rund 7,2 Milliarden Euro – durch eine koordinierte Versorgung vermieden werden könnten. Bezogen auf Sachsen-Anhalt und jeweils 100.000 Einwohner beträfe das im Altmarkkreis Stendal 1704, im Jerichower Land 1563 oder im Kreis Mansfeld-Südharz 1502 Patienten. Lücken im System würden die Schieflage "stationär vor ambulant" begünstigen.

Ulrich verwies auf Wettbewerbsverzerrungen durch den Morbi-RSA und sprach sich für die Ablösung des nicht mehr leistungsgerechten Honorarbudgets aus. Damit könnten zugleich ländliche und strukturschwache Gebiete stärker berücksichtigt werden. Ulrich: "Das ideale Vergütungssystem müsste auf eine adäquate Verteilung des Kostenrisikos abzielen und sicherstellen, dass Unwirtschaftlichkeiten auf Seiten der Leistungserbringer nicht zu höheren Erlösen führen. Andererseits aber müssten Kostensteigerungen wegen höherer Krankheitslast oder echten medizinischen Fortschritts von Krankenversicherungen getragen werden."

Dagegen aber spreche ein Urteil des Bundessozialgerichts vom August 2014, das einer Klage der KV Sachsen-Anhalt eine Abfuhr erteilt hatte. Nach Auffassung der Richter ist eine Neujustierung des notwendigen Behandlungsbedarfs und der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung auf Basis der tatsächlich behandelten Erkrankungen rechtlich unzulässig.

"Ein selbst mit exakten Veränderungsraten fortgeschriebenes unzutreffendes Morbiditätsniveau führt damit zwangsläufig zu einem unzutreffenden Behandlungsbedarf", erläuterte Ulrich. Liegt dieser Behandlungsbedarf zu niedrig, dann trügen entweder Vertragsärzte einen Teil des Morbiditätsrisikos oder die regionale Versorgung werde gefährdet. Im Land mit dem bundesweit höchsten Altersdurchschnitt wirke sich das besonders fatal aus. Würde in Sachsen-Anhalt die tatsächliche Morbidität berücksichtigt, müsste das jährlich zu verhandelnde Honorar statt um vier bis fünf um bis zu 20 Prozent steigen. "Das Geld muss dorthin fließen, wo der Bedarf ist", forderte Ulrich. "Wir brauchen eine grundlegende Reform des Vergütungssystems, ein bedarfsorientiertes Finanzierungsverfahren, das reale regionale Abweichungen stärker berücksichtigt."

Ulrich forderte zudem strukturelle Weichenstellungen für eine sektorenübergreifende Versorgung sowie bei den Themen drohende ärztliche Unterversorgung und digitale Innovationen. Er kritisierte, dass Versorgung noch immer viel zu häufig dort stattfindet, wo sie besser bezahlt wird, statt dort, wo die Qualität am besten ist.

20 Prozent Zuwachs beim Honorar müssten bei der KV Sachsen-Anhalt realisiert werden, wenn die tatsächliche Morbidität bei der Ermittlung des Behandlungsbedarfs zu Grunde gelegt würde.

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