Ärzte Zeitung online, 10.10.2017
 

KV Nordrhein

Auf Kurs in schwerer Zeit – mit der Freiberuflichkeit

Sie hat an Attraktivität verloren und muss dringend den Stellenwert zurückbekommen, den sie einmal hatte: Ohne Freiberuflichkeit ist die professionelle Identität der Ärzteschaft gefährdet, warnt KV-Chef Dr. Frank Bergmann aus Nordhein.

Von Ilse Schlingensiepen

Auf Kurs in schwerer Zeit –mit der Freiberuflichkeit

Das Ruder selbst in der Hand: Ärzte wehren sich gegen Fremdbestimmung .

© Anton Sokolov /stock.adobe.com

DÜSSELDORF. Das Prinzip der ärztlichen Freiberuflichkeit wird künftig wieder an Bedeutung gewinnen, erwartet der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) Dr. Frank Bergmann. "Eine Renaissance dieses Konzepts drängt sich geradezu auf angesichts problematischer Trends, die uns in KV und Kammer gleichermaßen beschäftigen", sagte Bergmann beim gemeinsamen Sommerempfang von KVNo und Ärztekammer Nordrhein in Düsseldorf.

Als eine solche Fehlentwicklung bezeichnete er den Einfluss von Fremdkapital in der ärztlichen Versorgung. "Sie hat eine Menge mit dem Thema Freiberuflichkeit zu tun und mit dem Bedeutungsverlust, den dieses Konzept in den letzten zehn Jahren erlitten hat."

Versäumnisse der Ärzteschaft

Die Tatsache, dass die Freiberuflichkeit und das hinter ihr liegende Wertesystem zumindest vordergründig an Attraktivität verloren haben, sieht Bergmann als Folge politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Diskurse. "Und vielleicht hat es auch die Ärzteschaft selbst von Zeit zu Zeit versäumt, den Sinn und den Nutzen der Freiberuflichkeit überzeugend zu vermitteln."

Der KVNo-Chef erkennt aber Zeichen einer Rückbesinnung. "Ärztinnen und Ärzte wehren sich zunehmend selbstbewusst gegen Fremdbestimmung, egal ob diese ökonomisch, politisch-ideologisch oder bürokratisch motiviert ist."

Das sehe man bei den Tarifkonflikten in den Krankenhäusern. Als weitere Beispiele nannte er die Proteste der niedergelassenen Ärzte in den Regionen, die durch die Honorarreform 2009 besonders benachteiligt wurden, und den Widerstand gegen als ungerecht empfundene Prüfmaßnahmen.

"Ich bin davon überzeugt, dass uns die Idee der Freiberuflichkeit als Koordinatensystem dienen kann, wenn wir unsere professionelle Identität auch unter dramatisch veränderten Bedingungen der Arbeitswelt bewahren und selbstbestimmt fortentwickeln möchten", erläuterte Bergmann seine Vorstellungen. Er nannte in diesem Zusammenhang die Digitalisierung, den medizinischen Fortschritt sowie Integration und Vernetzung der Versorgung.

Es gibt kein Allheilmittel

Bergmann sieht eine enge Verbindung von Freiberuflichkeit und dem Modell der Selbstverwaltung. Beide geraten seiner Einschätzung nach von verschiedenen Seiten unter Beschuss: durch europäische Konformitätsbestrebungen, ökonomische Interessen und darüber hinaus auch durch die Fiskalpolitik.

Die Freiberuflichkeit sei kein Allheilmittel für alle Herausforderungen, betonte Bergmann. Er verwies auf die Sicherstellung und den Ärztemangel. "Dafür bedarf es einer konzertierten Aktion und eines langen Atems aller Beteiligten: Bundes- und Landespolitik, ärztliche Selbstverwaltung, Kostenträger, Hochschulen und die Kommunen."

Hausarztsitze bleiben unbesetzt

In Nordrhein liege das Durchschnittsalter in manchen Fachgruppen bei 55 Jahren oder höher, berichtete er. Immer mehr Hausarztsitze blieben unbesetzt, die Nachwuchssituation bei Haus- und einigen Fachärzten sei nicht gerade ermutigend. Hinzu komme der rückläufige Trend bei der Wochen- und Lebensarbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten.

Das betreffe nicht nur die zunehmende Zahl angestellter Kollegen, sondern auch die mit eigener Zulassung, betonte Bergmann. "Ganz offenkundig verliert das Modell der Selbstausbeutung, welches die jungen Kollegen bei ihren Vorgängern hinreichend beobachten konnten, an Attraktivität."

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