Ärzte Zeitung, 20.05.2008

In Polen steht eine Gesundheitsreform an

Umwandlung der staatlichen Kliniken in Aktiengesellschaften geplant / Opposition und Ärzte gegen Privatisierung

WARSCHAU (sbe). Polen hat vor, sein Gesundheitssystem zu reformieren. Möglicherweise werden auch staatliche Kliniken und Gesundheitseinrichtungen an private Investoren verkauft - und vielleicht auch an deutsche Interessenten.

"Eine Möglichkeit ist, dass die öffentlichen Einrichtungen in Aktiengesellschaften oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung umgewandelt werden, die zum überwiegenden Teil von den Gemeinden kontrolliert werden", heißt es in einer Erklärung, in der die polnische Regierung der "Ärzte-Zeitung" die Überlegungen vorstellt. Dadurch erhielten die Gemeinden die Möglichkeit, eigenständiger als bisher zu agieren und auch die Kliniken zu veräußern.

Der Hintergrund: Das polnische Gesundheitssystem wird von Schulden von über drei Milliarden Euro belastet und garantiert keine ausreichende Versorgung. Die Warteschlangen vor den staatlichen Ärztezimmern sind lang, und wer ein akutes Problem hat, muss sich aus eigener Tasche in einer privaten Einrichtung behandeln lassen, die für viele Polen aber zu teuer sind.

Einstieg in den Kliniksektor ist für Investoren interessant.

Der Einstieg in eine polnische Klinik könnte für Investoren interessant sein, weil Polen mit knapp 40 Millionen Einwohnern einer der größten EU-Märkte ist. Darüber hinaus sind die Mediziner gut ausgebildet, verfügen über westliche Auslandserfahrung und können aufgrund der relativ niedrigen Lebenshaltungskosten für vergleichsweise geringe Gehälter arbeiten.

Zusätzlich klettert das Einkommen der Patienten stetig. Immer mehr Bürger können sich immer mehr Gesundheitsdienstleistungen leisten. Aber auch Deutsche, für die das Nachbarland schnell erreichbar ist, können sich in Polen behandeln lassen. "Man kann sich einen stationären Aufenthalt in einer polnischen Einrichtung von seinem Kostenträger genehmigen lassen", sagte ein Sprecher der AOK auf Anfrage der "Ärzte Zeitung".

Trotzdem nimmt die Regierung das unpopuläre Wort "Privatisierung" nicht in den Mund, weil Opposition und Ärzte-Gewerkschaften befürchten, dass sich ein Investor nur an der Gewinnmaximierung orientiert und nicht am Wohl des Patienten. Sie betont, dass es dabei nur um eine Umwandlung in eine andere Rechtsform handele, ohne den Eigentümer zu wechseln. Obwohl die Bedingungen für einen Investor in Polen gut sind, zeigen deutsche Kliniken bisher wenig Interesse. "Wir konzentrieren uns auf den deutschen Markt", sagte eine Sprecherin der Marseille Kliniken AG der "Ärzte Zeitung".

[20.05.2008, 10:52:59]
Bernd Grieger  bernd.grieger@freenet.de
Gesundheitsreform in Polen
Der Begriff "Gesundheitsmarkt" bekommt eine andere Bedeutung. Die Länder lagern ihre Verantwortung für die Versorgung ihrer Bürger aus. Ähnliche Erfahrungen habe ich als ehrenamtlicher Berater in einem osteuropäischen Land gemacht. Die jeweiligen Regierungen haben die Sensibilität für dauerhaften sozialen Frieden verloren. zum Beitrag »

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