Ärzte Zeitung, 17.01.2012

NICE-Chef rät Patienten: Verklagt die Klinik!

Aufregung in Großbritannien: Weil Patienten zu selten innovative Arzneien erhalten, ruft der Chef der National Institute of Clinical Excelence (NICE) zum gerichtlichen Widerstand auf.

NICE-Chef rät Patienten: Verklagt die Klinik!

Sparen bei Medikamenten im Königreich?

© imagebroker / imago

LONDON (ast). Die wirtschaftliche Rezession und der anhaltende Geldmangel in den öffentlichen Kassen in Großbritannien führen offenbar dazu, dass innovative Arzneimittel seltener verordnet werden, als das therapeutisch wünschenswert wäre.

Einer der einflussreichsten Arzneimittelexperten im Königreich forderte kürzlich gar die Patienten öffentlich dazu auf, ihre Krankenhäuser zu verklagen, um pharmazeutisch ordentlich versorgt zu werden.

Großbritannien erleidet gegenwärtig die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Das führt zu Geldmangel im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS). Ärzteverbände und Patientenorganisationen klagen seit Monaten über immer neue Sparaktionen in den Arztpraxen und Kliniken.

Wirtschaftskrise schlägt sich in NHS-Ausgaben nieder

Jetzt meldete sich der Chef der britischen Pharma-Evaluierungsbehörde (National Institute of Clinical Excelence, NICE), Professor Sir Michael Rawlins, öffentlich zu Wort. In Gesprächen mit Journalisten forderte Sir Michael die Patienten auf, vor Gericht zu ziehen, sollte der behandelnde Arzt nicht die optimalen Arzneimittel verschreiben.

Er wünsche sich, dass "Patienten den Mut aufbringen, ihre Klinik zu verklagen", sollte ein innovatives Arzneimittel aus Kostengründen vorenthalten werden, so der NICE-Chef.

NICE evaluiert regelmäßig neue Arzneimittel und Therapien, wobei die Kosteneffizienz dabei ein wichtiges Kriterium ist.

Der Rat des NICE-Chefs sorgt in Großbritannien für gesundheitspolitische Schlagzeilen. Britische Medien berichten, dass zahlreiche Gesundheitsverwaltungen und NHS-Kliniken aus Kostengründen immer mehr innovative Medikamente auf sogenannte Schwarze Listen stellen.

Schwarze Listen enthalten Präparate, die nicht verordnet werden dürfen. Oftmals stehen die Listen in direktem Widerspruch zu den NICE-Empfehlungen. Konkret: NICE empfiehlt die Verordnung eines bestimmten Arzneimittels auf NHS-Kosten, die lokale Gesundheitsverwaltung lehnt die Verordnungen ab, weil das Geld dafür fehlt.

Wie unterschiedlich NHS-Kliniken und Gesundheitsverwaltungen an Therapien sparen, zeigt sich am deutlichsten in der Onkologie. Während einige Kliniken und Gesundheitsverwaltungen jährlich durchschnittlich 136 Pfund (rund 174 Euro) pro Versichertem für onkologische Versorgungsangebote der Krebspatienten einplanen, stehen in anderen Kliniken und NHS-Regionen lediglich 96 Pfund (123 Euro) zur Verfügung.

In anderen Fachgebieten gibt es ähnlich große Diskrepanzen. Gesundheitspolitische Beobachter rechnen damit, dass die anhaltende Wirtschaftsflaute auch 2012 für Budgetkürzungen im NHS sorgen wird.

NICE gilt eigentlich nicht als Freund der Patienten

NICE ist in den vergangenen Jahren oft von der Pharmaindustrie und von britischen Ärzte- und Patientenverbänden kritisiert worden, weil bestimmte neue Arzneien nicht zur Verordnung durch NHS-Ärzte empfohlen wurden.

Industrievertreter sprechen immer wieder von einer "zusätzlichen Zulassungsschranke". "NICE gilt eher als Feind der Patienten", so eine Sprecherin der "Patients Association".

Umso erstaunlicher sind die jüngsten Äußerungen des NICE-Chefs. Allerdings haben NICE-Richtlinien nur Empfehlungscharakter, sind also nicht bindend für Ärzte.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Irritierender Appell

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