Ärzte Zeitung online, 12.02.2014

Interview

"Das Gesundheitssystem der Schweiz braucht Ausländer"

Das Votum der Eidgenossen zur Zuwanderungspolitik hat EU-weit Befremden ausgelöst. Der Gesundheitsökonom Volker Ulrich verweist darauf, dass die Schweizer damit auch wider ihre eigenen Interessen handeln. Deutlich wird das am Beispiel Gesundheit.

Das Interview führte Florian Staeck

"Schweizer Gesundheitssystem braucht Ausländer"

Der Gesundheitsökonom Professor Volker Ulrich lehrt Volkswirtschaft - insbesondere Finanzwissenschaft - an der Universität Bayreuth. Als Schweizer Staatsbürger ist er auch Kenner des dortigen Gesundheitssystems.

© Uni Bayreuth.

Ärzte Zeitung: Wie stark ist Ihrer Kenntnis nach das Schweizer Gesundheitswesen von Arbeitskräften abhängig, die zugewandert und nicht Staatsbürger der Schweiz sind?

Volker Ulrich: Die Schweizer Wirtschaft und auch das Gesundheitswesen dürften die Abstimmung gegen Zuwanderung entschieden ablehnen, denn der Bedarf an Fachkräften kann in einer alternden Bevölkerung wie der Schweiz nicht mehr alleine durch inländisches Angebot gedeckt werden.

2013 waren in der Schweiz 1,9 Millionen Menschen Ausländer. Das entspricht einem Ausländeranteil von 23,5 Prozent an einer Gesamtbevölkerung von mehr als acht Millionen Menschen. Von den Ausländern stammen 1,3 Millionen aus der EU.

Laut Ärzteverband FMH haben im Jahr 2012 von allen in der Schweiz tätigen Ärzten 26 Prozent ihr Diplom im Ausland erworben und die Tendenz ist weiter steigend. Deutschland ist das Land, aus dem die meisten Ärzte in die Schweiz einwandern. Nach der Statistik des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit (BAG) hatten Ende 2012 insgesamt 8897 deutsche Ärzte in der Schweiz eine Anerkennung für ihre deutsche Approbation.

Die Zahl deutscher Ärzte, die 2011 in die Schweiz ausgewandert sind, beziffern Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung auf 715. Damit ist die Schweiz weiterhin das beliebteste Auswanderungsland für deutsche Ärztinnen und Ärzte.

Die Zahl der jährlich ausgebildeten Ärzte ist in der Schweiz nicht ausreichend, um die Bevölkerung langfristig zu versorgen. Lässt sich die volkswirtschaftliche "Rendite" einer Strategie beziffern, die auf den "Import" von Ärzten (und Pflegekräften) setzt?

Ulrich: Während der überwiegende Teil der US-amerikanischen Absolventen das Medizinstudium bezahlen muss, respektive sich dafür hoch verschuldet, ist in Deutschland, wie auch in der Schweiz, das Studium nahezu kostenlos beziehungsweise nicht kostendeckend über Studiengebühren finanziert.

Der Staat geht üblicherweise davon aus, dass der Arzt als zukünftiger Steuerzahler mit dazu beiträgt, dass das Studium der Humanmedizin über Steuern finanziert werden kann.

Ökonomisch interessant im Sinne einer Rendite durch Importe von Ärzten wird die Situation, wenn Ärzte allein aufgrund von Einnahmenverbesserungen ins Ausland gehen, um dort ihren Beruf auszuüben. Die nahe Schweiz ist seit Jahren ein besonderer Magnet für bundesdeutsche Ärzte. Inwieweit ein Land sich den Export approbierter Ärzte in Nachbarländer dauerhaft leisten kann, wird die Zukunft zeigen.

Nach Berechnungen der helvetischen Behörden spart die Schweiz durch die Einwanderung ausländischer Ärzte rund 450.000 Franken an Ausbildungskosten pro Arzt.

Die Schweizer Behörden weisen allerdings darauf hin, dass die mit der Lehre eng verbundenen Forschungskosten in der vorklinischen Phase eigentlich zur Hälfte und in der klinischen Phase vollumfänglich dem Medizinstudium hinzuzurechnen wären. Damit würde sich der Betrag für die Kosten des Medizinstudiums nahezu verdoppeln und die Rendite aus dem Ärzteimport ebenfalls.

Welche Konsequenzen für die aktuell in der Schweiz arbeitenden ausländischen Ärzte erwarten Sie durch den Volksentscheid?

Ulrich: Gegenwärtig sehe ich keine direkten Folgen für die, die bereits in der Schweiz arbeiten, solange sie einen Arbeitsvertrag besitzen. Die Schweizer Regierung muss zudem in den nächsten drei Jahren ein Gesetz ausarbeiten, so dass hier noch die Möglichkeit zum Nachjustieren besteht.

Mittelfristig gibt es sicherlich auch Gründe, welche die Wanderungsströme in Richtung Schweiz dämpfen könnten: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist inzwischen sehr niedrig, und in Bayern und Baden-Württemberg herrscht quasi Vollbeschäftigung.

Sehen Sie langfristig, dass sich das Schweizer Gesundheitssystem durch eine restriktive Zuwanderungspolitik Versorgungsprobleme/-engpässe einhandelt?

Ulrich: Ja, die Gefahr sehe ich. Die Schweiz hat nach den meisten internationalen Vergleichen eines der besten aber auch der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, das auf zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Der Arbeitskräftebedarf im Gesundheitswesen wie auch in der Schweizer Wirtschaft insgesamt kann nur mithilfe der Zuwanderung befriedigt werden.

Das sehen auch Viele in der Schweiz so und es erklärt, warum die Schweiz in dieser Frage gespalten ist. Nach den vorläufigen Ergebnissen haben die Befürworter der Begrenzung der Zuwanderung gerade einmal 30.000 Stimmen mehr erhalten als die Gegner.

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