Ärzte Zeitung, 12.01.2017
 

Medizinische Versorgung

Griechenlands harter Winter

Die Eiseskälte in Griechenland bereitet auch der medizinischen Versorgung Probleme. Vor allem in den Flüchtlingslagern ist die Situation dramatisch. Ärzte ohne Grenzen kritisiert die mangelnde Vorbereitung auf den Winter scharf.

Von Jana Kötter

Griechenlands harter Winter

Quelle: Europäische Kommission

ATHEN. Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten, Flüchtlinge frieren in Zelten, die Schule fällt aus: Das extreme Winterwetter der vergangenen Tage sorgt in weiten Teilen Griechenlands für Probleme. In der Ortschaft Kymi auf der Insel Euböa etwa sind die Bewohner am Mittwochmorgen auf einer fast zwei Meter hohen Schneedecke gelaufen. Unter den Schneehügeln liegen die Autos verborgen, die am Straßenrand geparkt haben. Drei weitere Dörfer der Insel sind komplett von der Außenwelt abgeschnitten, ohne Strom und Wasser warten die Menschen auf Hilfe. Am Dienstag wurde ein Hubschrauber geschickt, um Kranke zu versorgen.

Militär, Feuerwehr und Polizei sind in diesen Tagen im Dauereinsatz. Auf solch ein Wetter ist man – außer hoch im Norden des Landes – nicht vorbereitet. In Westgriechenland ging bereits das Streusalz aus. In Thessaloniki hingegen fror das Salz in den Streumaschinen ein: Seit 50 Jahren habe man solches Wetter nicht gesehen, sagt der Bürgermeister. Eilande wie Skopelos und Alonissos sind komplett eingeschneit und seit Tagen immer wieder ohne Elektrizität.

Ein Südwind brachte am Mittwoch zwar bereits wärmere Temperaturen, jedoch warnte das meteorologische Amt nun vor Überschwemmungen, da der viele Schnee innerhalb weniger Stunden schmelzen werde.

Harte Kritik von Hilfsorganisationen

Bitter sind die Zustände vor allem auf Inseln mit vielen Flüchtlingen – wie etwa Lesbos. Seit dem Wochenende herrschten Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Und doch harrten zuletzt etwa 1000 der 6000 hier gestrandeten Migranten und Flüchtlinge seit Tagen in Zelten aus. "Die Lage der Menschen, die auf den griechischen Inseln in Zelten leben, ist besonders besorgniserregend", kritisiert Ärzte ohne Grenzen. Die Hilfsorganisation hatte die Behörden wiederholt dazu aufgerufen, die Lebensbedingungen für den Winter zu verbessern (die "Ärzte Zeitung" berichtete).

"Die Überfüllung und die fehlenden Wintervorbereitungen stellen große Gesundheits- und Sicherheitsrisiken dar", erklärt Clement Perrin, Landeskoordinator der Organisation für Griechenland. "Die Mehrzahl der Menschen, die unsere Psychologen auf Samos und Lesbos behandelt haben, nennen die schwierigen Lebensbedingungen als Grund für ihre psychischen Probleme, oder zumindest als Faktor für eine Verschlechterung."

Kriegsschiff soll helfen

Der griechische Migrationsminister Ioannis Mouzalas musste sowohl von Hilfsorganisationen als auch von der Opposition harte Kritik einstecken, weil für die Flüchtlinge und Migranten nicht ausreichend beheizbare Wohncontainer bereitstehen. Noch Anfang Januar hatte Mouzalas verkündet, kein Flüchtling werde frieren.

Das Gegenteil war der Fall. Also wurde zunächst versucht, die Menschen in Hotels unterzubringen. Als das nicht klappte, fiel am späten Dienstagnachmittag, vier Tage nach Beginn des Schneefalls, die Entscheidung, ein Kriegsschiff nach Lesbos als schwimmende Unterkunft zu schicken. Das Schiff, das am Mittwochmittag anlegte, brachte Heizlüfter, warme Decken und anderes Material. An Bord des Truppentransporters "Lesbos" sollten mehr als 500 Menschen untergebracht werden, hieß es offiziellen Angaben zufolge.

Derweil berichten Hilfsorganisationen und Migranten per Facebook und Twitter von dem Elend vor Ort. Bilder zeigten in den vergangenen Tagen tief verschneite Zelte und gefrorenen Boden, oder auch matschige Wege überall dort, wo es tagsüber ein bisschen taut. "Das soll mir mal einer erklären", sagt Inselbewohner Kostas Tanainis, der den Flüchtlingen auf Chios seit Jahren hilft. "Dann sind es eben jetzt nicht minus fünf Grad, sondern plus fünf Grad – das macht die Sache auch nicht besser."

Die Situation im Lager "Souda" sei einfach nur höchst deprimierend für die Menschen, berichtet Tanainis. "Mich erreichen Anrufe von Flüchtlingen, die krank sind oder die sagen: Wir frieren, wir haben keinen Strom, kein Wasser, kein Licht." (mit dpa)

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