Ärzte Zeitung online, 26.05.2017
 

Neuer WHO-Chef Tedros

Amtsantritt mit "Leidenschaft und praktischer Erfahrung"

Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Nachfolger von Margaret Chan im Amt des WHO-Generaldirektors, geht mit Elan in seine Aufgabe. Mit dem Ex-Gesundheits- und Ex-Außenminister von Äthiopien leitet erstmals ein Nicht-Mediziner die WHO.

Von Pete Smith

Mangelndes Selbstbewusstsein kann man Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus nicht vorwerfen. Er sei "der Generaldirektor, den die Weltgesundheitsorganisation braucht", bewarb sich der Äthiopier auf seiner Homepage für den Posten. Zudem "ein visionärer Führer", "ein erfahrener Reformator", "ein qualifizierter Diplomat" – kurzum: ein "weltweit respektierter", "lösungsorientierter" Experte, dem es gelingen sollte, "die Gesundheit aller Menschen besser zu schützen".

Besser als seiner Vorgängerin Dr. Margaret Chan, von der Tedros den WHO-Vorsitz am 1. Juli übernimmt. Der chinesischen Ärztin, die zehn Jahre lang an der Spitze der Organisation stand, wurden vor allem im Zusammenhang mit dem Ebola-Ausbruch 2014 und 2015 in Westafrika schwere Versäumnisse vorgeworfen. Sie habe zu spät und zu zögerlich auf die Krise reagiert. Zudem werfen Kritiker der WHO seit Jahren Interessenkonflikte vor: Die GatesStiftung als zweitgrößter Geldgeber lege den Schwerpunkt zu sehr auf Impfprogramme, von denen vor allem Pharmafirmen profitierten, mit denen die Stiftung des Microsoft-Gründers aber kooperiere. Auch die vermeintlich übertriebenen Warnungen der WHO vor der Schweinegrippe 2009 hätten letztlich der Pharmaindustrie genutzt.

"WHO muss sich weiterentwickeln"

"Ich habe die Leidenschaft für diesen Job und die praktische Erfahrung", erklärt Tedros und verweist darauf, dass er das Gesundheitssystem Äthiopiens in seiner Zeit als Gesundheitsminister (2005-2012) grundlegend reformiert habe und als Außenminister (2012-2016) politisches Wissen und diplomatische Fähigkeiten erworben habe, um seine neue Aufgabe zu meistern. Die WHO habe zwar viel erreicht in ihrer 70-jährigen Geschichte, sagt der 52-Jährige mit Blick auf die Eradikation der Pocken und den erfolgreichen Kampf gegen Polio. Allerdings müsse sich die Organisation, um den globalen Veränderungen auch künftig gewachsen zu sein, weiterentwickeln.

Als Herausforderungen der Zukunft nennt Tedros die Auswirkungen des Klimawandels, die ungesunde Lebensweise, die "zu nicht übertragbaren Krankheiten" führe, die Gefahr von Pandemien als Folge der zunehmenden Globalisierung, die globalen Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen sowie den ungleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung. Außerdem bedürfe die WHO einer grundlegenden Reform.

Ob der neue Chef in der Genfer WHO-Zentrale, der sich in einer Kampfabstimmung gegen zwei Mediziner – den Briten David Nabarro und die Pakistanerin Sania Nishtar – durchgesetzt hat, tatsächlich der Richtige für die anstehenden Aufgaben ist, davon sind nicht alle überzeugt. Vertreter der Exil-Äthiopier hatten bis zuletzt versucht, seine Wahl zu verhindern. Als Außenminister seines Landes sei Tedros für den Tod Hunderter Demonstranten verantwortlich, die bei Protesten gegen die Regierung der Tigray People's Liberation Front (TPLF) 2015 und 2016 von Sicherheitskräften getötet wurden, zudem wurden Zehntausende Oppositionelle inhaftiert. Die Zustände im Land prangerte damals auch das Europäische Parlament an. Zuletzt musste sich Tedros noch des Vorwurfs erwehren, er habe während seiner Zeit als Gesundheitsminister der WHO mehrere Cholera-Ausbrüche verschwiegen, um die eigene Bilanz zu schönen. Humans Rights Watch kritisierte, dass lokale Gesundheitsmitarbeiter unter Druck gesetzt worden seien, statt von Cholera lieber von Diarrhö zu sprechen.

Auf der anderen Seite hat das äthiopische Gesundheitsministerium unter Tedros' Führung tatsächlich Tausende von Kliniken und Zehntausende von Gesundheitsposten errichten lassen. So wurde die Kindersterblichkeit um zwei Drittel verringert, die Zahl der HIV-Infektionen um 90 Prozent, die Mortalität von Malaria um 75 Prozent und die Mortalität von Tuberkulose um 64 Prozent gesenkt. Zehntausende von Äthiopiern, darunter viele Frauen, wurden geschult, um das Gesundheitswesen weiter zu stärken.

Liebste Hobbys: Lesen, Weltgeschichte und Reisen

Mit Tedros, der in seiner Bewerbung als seine liebsten Hobbys Lesen, Weltgeschichte und Reisen angab, leitet zum ersten Mal ein Nicht-Mediziner die WHO, die etwa 7000 Mitarbeiter aus 150 Ländern beschäftigt und einen Etat von jährlich zwei Milliarden Euro verwaltet. Darüber hinaus ist der Public-Health-Experte, der an der London School of Hygiene & Tropical Medicine einen Master of Science erworben und an der Universität von Nottingham promoviert hat ("Die Auswirkungen von Dämmen auf die Malaria-Übertragung in der Tigray-Region, Nord-Äthiopien und entsprechende Kontrollmaßnahmen"), der erste WHO-Generaldirektor aus Afrika. Erstmals in der 70-jährigen Geschichte der WHO konnten sich die 194 Mitgliedsländer zudem vorab nicht auf einen Kandidaten einigen.

Einmal gewählt, gibt sich der 1965 geborene Kandidat im Übrigen bescheidener als in seiner Bewerbung. "Ich werde zuhören", versprach der fünffache Vater in seiner Dankesrede.

gp@springer.com

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