Ärzte Zeitung online, 30.05.2018

Bedeutung wächst

So stark ist die deutsche Gesundheitswirtschaft

Die Nationale Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock hat es wieder einmal bewiesen: Deutschland kann in puncto Gesundheit international als Standort punkten. Gerade weil das Gesundheitssystem Planungssicherheit bietet.

Von Dirk Schnack

Gesundheitswirtschaft – ein Pfund, mit dem Deutschland durchaus wuchern kann

Forschung und Fachkräfte – Rückgrat der deutschen Gesundheitswirtschaft.

© Franz Pfluegl / Fotolia

ROSTOCK. Die gesundheitliche Versorgung der Menschen in Deutschland verschlingt Jahr für Jahr steigende Summen. Entsprechend wächst auch die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft.

Auf rund 350 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung kam die Branche im vergangenen Jahr laut der kürzlich vorgestellten gesundheitswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Anders als früher wird dieses Geld aber nicht mehr ausschließlich unter Ausgabengesichtspunkten betrachtet. Nach Meinung von Experten wie Harald Kuhne, Leiter der Zentralabteilung im Bundeswirtschaftsministerium, werden heute die mit diesen Ausgaben verbundenen Chancen stärker beachtet.

"Der Wandel ist längst eingetreten", sagte Kuhne vor Kurzem bei der Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock zur veränderten Wahrnehmung der Branche in Politik und Öffentlichkeit.

Das liegt auch daran, dass die Gesundheitsausgaben einen doppelten Effekt hervorrufen, wie Kuhne deutlich machte: Sie tragen zu einer verbesserten Gesundheit der Menschen in Deutschland bei und haben zugleich einen positiven Effekt auf die Volkswirtschaft.

7,3 Millionen Beschäftigte, Tendenz steigend

Der zweite Effekt wird in der Gesamtrechnung deutlich:

»11,9 Prozent beträgt der Anteil der Gesundheitswirtschaft an der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland. Zum Vergleich: Der Fahrzeugbau kommt auf fünf Prozent, der Maschinenbau auf drei Prozent. Jährlich wächst die Bruttowertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft um 3,8 Prozent, in der Gesamtwirtschaft um 2,8 Prozent.

»16,6 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland – das sind 7,3 Millionen Beschäftigte – arbeiten in der Gesundheitswirtschaft. Der Fahrzeugbau steuert zwei Prozent bei, der Maschinenbau drei Prozent. Jährlich wächst die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen um 1,9 Prozent, in der Gesamtwirtschaft um ein Prozent.

»Das Volumen der Exporte der Gesundheitswirtschaft betrug im vergangenen Jahr 126,4 Milliarden Euro. Jährlich wächst dieses Volumen um 6,6 Prozent, in der Gesamtwirtschaft um 4,1 Prozent.

Robust bei Konjunkturschwankungen

Imponierende Zahlen – aber mit Luft nach oben, wie auf der Branchenkonferenz mehrfach deutlich wurde. Dies gilt insbesondere für den Export und für die Ansiedlung ausländischer Gesundheitsunternehmen in Deutschland.

Derzeit kommen Produkte und Dienstleistungen aus der Gesundheitswirtschaft auf einen Anteil von 8,4 Prozent an den gesamten deutschen Exporten. Der Fahrzeugbau kommt auf 20 Prozent, der Maschinenbau auf zwölf Prozent bei deutlich weniger Beschäftigten.

Daraus eine Schwäche des Gesundheitssystems abzuleiten, wäre allerdings falsch: Denn mit der geringeren Exportquote ist das Gesundheitswesen bei Konjunkturschwankungen deutlich robuster als exportabhängige Branchen. Das hat sich schon in der Finanzkrise gezeigt und könnte auch in Zeiten von Importzöllen wieder an Bedeutung gewinnen.

Hinzu kommt: Selbst wenn sich die Konjunktur abschwächt, wird die Nachfrage nach Leistungen der Gesundheitsversorgung darunter kaum leiden – und die ist laut Gesamtrechnung immer noch stärker als die industrielle Gesundheitswirtschaft.

Potenzial weist der größte europäische Gesundheitsmarkt aber wie gesagt auch bei der Ansiedlung ausländischer Unternehmen auf. Dabei hat der deutsche Standort Vorteile zu bieten, die Investoren überzeugen.

Für Klinikkonzerne wie die Schweizer Ameos zählt hierzu etwa der Versorgungsvertrag für Krankenhäuser und die damit verbundene Finanzierung.

Ameos-Vorstand Michael Dieckmann stellte in Rostock fest: "Der deutsche Gesundheitsmarkt ist wegen der verlässlichen Gesetzgebung attraktiv." Hinzu kommen für ihn stabile Marktverhältnisse, hohe Planungssicherheit und das anhaltende Wachstum im Gesundheitssegment.

Einziges Manko sind die hohen Steuern

Und was ist mit dem immer wieder genannten Risikofaktor Fachkräftemangel? Dieckmann nennt die gut ausgebildeten Fachkräfte als klaren Vorteil des Standorts, noch finde sein Unternehmen ausreichend Fachkräfte.

Ein anderes Schweizer Unternehmen, die Ypsomed, investiert in Schwerin derzeit 100 Millionen Euro und lässt 200 Arbeitsplätze in der Herstellung von Infusionssets für Insulinpumpen entstehen.

Der Standort hat sich nach Angaben von CEO Simon Michel gegen 20 analysierte Regionen in Tschechien, der Schweiz und Deutschland durchgesetzt. Einer der Vorteile war die Nähe zu anderen Unternehmen der Branche, die sich schon im Schweriner Industriepark angesiedelt hatten.

Hinzu kommt die Nähe zu den Universitäten in Rostock und Greifswald. Michel stellte aber auch die nach seiner Darstellung perfekte Betreuung der Standortmanager im Nordosten heraus: "Wir haben gespürt, dass das Land will", sagte Michel.

Dritter Punkt: Die Fördermittel. Hier liefern sich die Standorte europaweit einen Konkurrenzkampf, den nur Norwegen und die Schweiz nicht mitmachen. Auch für die Ansiedlung in Schwerin fließen öffentliche Mittel an den Schweizer Konzern. Diese Vorteile überwogen für Michel gegen ein Defizit im internationalen Konkurrenzkampf: "Die Steuern sind eine Katastrophe."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Ein Gelähmter kann wieder gehen

Obwohl er querschnittsgelähmt ist, konnte ein Mann wieder einige Schritte gehen - dank der elektrischen Rückenmark-Stimulation. Von Heilung wollen die Ärzte aber nicht sprechen. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »

Das ist bei einer Datenpanne zu tun

Bei einem Datenleck in der Praxis sind Inhaber nach der Datenschutzgrundverordnung verpflichtet, dies zu melden. Wem und wie, das erläutern Medizinrechtler. mehr »