Ärzte Zeitung online, 12.04.2017
 

Frauen auf der Flucht

Von Gesundheitsversorgung ausgeschlossen

Die meisten Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, haben einen langen und häufig auch sehr leidvollen Weg hinter sich. Doch für Frauen ist die Eingliederung in das deutsche Gesellschafts- und Gesundheitssystem oft schwieriger als für Männer.

Von Angela Misslbeck

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Die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz (l.) und die Leitende Oberärztin der Psychiatrischen Uniklinik der Charité, Meryam Schouler-Ocak, präsentierten kürzlich die repräsentative Untersuchung.

© Nietfeld/dpa|

Neu-Isenburg. Sie sind nur eine Minderheit. Dennoch dürfen sie nicht vergessen werden. Frauen auf der Flucht haben es im Gesundheitswesen genauso schwer wie in der Gesellschaft insgesamt. Sie leiden unter besonderen Belastungen und finden nur schwer den Weg in die deutsche Gesundheitsversorgung. Das wurde jetzt in einer Studie der Berliner Uniklinik Charité mit Förderung durch die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung festgestellt.

Es ist – nach eigenen Angaben – die erste Studie in Deutschland, die sich mit der Situation geflüchteter Frauen im deutschen Gesundheitssystem befasst. Mitgewirkt haben neben der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus auch die Uni Frankfurt/Main, die Mainzer Universitätsmedizin, die private Uniklinik Nürnberg und die Uniklinik Rostock. So wurden an fünf Standorten bei insgesamt 660 befragten Frauen repräsentative Daten erhoben.

Als Beispiele für besondere Belastungen nennt die Studie vor allem geschlechtsspezifische Traumatisierungen unter anderem durch sexualisierte Gewalt, aber auch die Verantwortung für mitreisende Kinder.

Diese Probleme sind nicht ausgestanden, wenn die Frauen Deutschland erreicht haben. In den Gemeinschaftsunterkünften leiden sie mehr als Männer unter fehlenden Rückzugsmöglichkeiten. Denn die engen Raumverhältnisse leisten sexuellen Übergriffen und Diskriminierungen Vorschub.

Dabei nannten in der Befragung für die Studie bis zu 30 Prozent der Frauen Angst vor sexueller Gewalt als Fluchtgrund. Wie traumatisch erleben diese Frauen die Situation in den Gemeinschaftsunterkünften?

Rückzug und Isolation

Am Ziel der Flucht kommen weitere Probleme hinzu: Mangelnde finanzielle Mittel, bürokratische Hürden, Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche, aber auch emotionale Faktoren wie Unsicherheiten in der Erziehung, Traurigkeit aufgrund der Trennung von Familienmitgliedern und Zukunftssorgen führen zu weiteren signifikanten psychischen und gesundheitlichen Belastungen.

Erstaunlich hoch sei der Anteil derer, die auf diese Belastungen mit Rückzug und Isolation reagiert, sagt Studienautorin Privatdozentin Dr. Meryam Schouler-Ocak. Nur wenige sind aktiv geworden und haben versucht, ihre Probleme zu meistern. Dazu passt ein weiteres Ergebnis: Fünf Prozent der befragten Frauen stuften die Psychiaterinnen als akut suizidal ein, und weitere vier Prozent als latent suizidal.

Das alles ist – wenn auch schwer – vorstellbar. Alarmieren sollten jedoch die weiteren Ergebnisse der Studie: "Bei körperlichen Beschwerden gaben nur 15 Prozent der Frauen an, dass sie die Möglichkeit hätten, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen, bei seelischen Beschwerden waren dies nur vier Prozent. 36 Prozent der Frauen berichten von einem Mangel an jeglicher professioneller Unterstützung bei medizinischen Beschwerden.

Nur 16 Prozent haben Zugang zu allgemeinmedizinischer Betreuung, zehn Prozent haben Zugriff auf Medikamente und acht Prozent verfügen über die Möglichkeit mit Psychologinnen oder Psychologen zu sprechen."

Der Zugang zur Gesundheitsversorgung in Deutschland scheint für Flüchtlingsfrauen versperrt zu sein. Doch warum? Einige Frauen antworteten, dass sie weggeschickt wurden, weil sie keinen Behandlungsschein dabei hatten. Immerhin diese Hürde ist durch die Einführung der eCard für Geflüchtete gesenkt worden.

Andere Befragte sahen keine Möglichkeit der Verständigung. "Etliche haben gesagt, dass sie in die Praxis einfach nicht reingelassen wurden", berichtet Schouler-Ocak. Auch beklagt worden seien "fatale Fehldiagnosen wegen erschwerter Verständigung", so die Charité-Oberärztin.

Sprachprobleme sind das größte Hindernis

Hinter all diesen Schilderungen steckt ein und dasselbe Problem: Es fehlt an Dolmetschern. Krankenhäuser können dafür oft auf Personal mit Migrationshintergrund zurückgreifen. Aber in kleineren Versorgungseinrichtungen, wie den meisten Arztpraxen, kann die Behandlung geflüchteter Frauen tatsächlich an Sprachbarrieren scheitern.

Für die Betroffenen ist es eine Riesenhürde, einen Dolmetscher beim Sozialamt zu beantragen. Wenn Laien aus dem Bekanntenkreis der hilfesuchenden Frauen diese Aufgabe übernehmen, besteht ein hohes Risiko, dass schambesetzte Themen außen vor bleiben. Videodolmetscher leisten gute Dienste, doch diese Dienste müssen teuer bezahlt werden.

Seit Jahren wird immer wieder darüber diskutiert, ob Dolmetscherleistungen zum Versorgungsumfang der gesetzlichen Krankenversicherung zählen. Gleichzeitig singen Politik und Krankenkassen gern ein Loblied auf die sprechende Medizin.

Sozialrechtlich logisch und gesundheitspolitisch konsequent wäre es daher, Dolmetscherleistungen im Rahmen der Krankenbehandlung als GKV-Leistung zu fassen. Eine gesetzgeberische Klarstellung tut Not, wenn Hürden gesenkt werden und alle Menschen das gleiche Recht auf Gesundheit haben sollen.

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