Ärzte Zeitung online, 22.05.2017
 

Interview

Flüchtlinge im Gespräch mit dem E-Arzt

Das Programm "Dictum" soll Flüchtlingen ein Arztgespräch ohne Dolmetscher ermöglichen. Frank Müller vom Entwicklerteam erklärt, wie das Projekt funktioniert.

Von Christian Beneker

Flüchtlinge im Gespräch mit dem E-Arzt

Frank Müller: Arzt und Soziologe

© F. Müller

Ärzte Zeitung:Herr Müller, Sie werden im Grenzdurchgangslager Friedland eine neu entwickelte Software testen. Sie soll Flüchtlingen den Arztbesuch erleichtern – und den Ärzten die Arbeit mit Flüchtlingen. Worum genau dreht es sich?

Frank Müller: Ja, wir werden ab Sommer eine computergestützte Kommunikationshilfe in der allgemeinmedizinischen Sprechstunde testen. Davon sollen nicht-deutschsprechende Patienten und ihre Ärzte profitieren, vor allem bei den Anamnesen. Aber es dient auch dem Arzt dazu, zum Beispiel etwas kompliziertere Einnahmevorschriften für Medikamente sicher zu kommunizieren.

Wie genau funktioniert das?

Der Patient bekommt einen Tablet-Computer mit der Software ausgehändigt. Auf einer eingeblendeten Landkarte samt Flaggen kann er seine Sprachversion auswählen und ob er mit einer Frau oder einem Mann sprechen will. Dann erscheint ein Video – ein gefilmter Arzt oder Ärztin stellt sich vor und erläutert kurz, wozu das Programm dient. Insgesamt bieten wir den Service in 13 Sprachen an. Nun fragen die Ärzte im Programm und arbeiten sich langsam vor: Um welche Beschwerden handelt es sich. Wo tut was weh? Wie schlimm ist es? Was ist passiert? Könnten die Beschwerden etwa mit einer Schwangerschaft zusammenhängen? Machen Sie sich Sorgen? Und so weiter. Jede Antwort löst eine spezifischere weitere Frage aus, die wir vorher in einem bestimmten Algorithmus festgelegt haben. Dabei haben wir zum Beispiel auch auf das Krankheitsverständnis in dem betreffenden Land geachtet.

Wie kommen Analphabeten mit dem Programm zurecht?

Das Programm funktioniert komplett audio- und videobasiert. So können Dialekte abgebildet werden – das ist gerade im Arabischen entscheidend, gerade wenn es um bestimmte medizinische Ausdrücke geht, da viele Menschen das meist verwendete Hocharabisch nicht verstehen. Unser Ziel ist es, dass auch funktionelle Analphabeten die Kommunikationshilfe verwenden können.

Wo sollte diese Arbeit mit dem PC-Doktor stattfinden? Im Wartezimmer wird kein Patient vor allen Leuten über seine Beschwerden sprechen wollen.

Man braucht einen abgeschlossenen Raum, natürlich schon aus Datenschutzgründen. Bei unserem Probelauf in Friedland werden wir für die Anamnese-Erhebung die Räume des Sozialdienstes nutzen.

Und muss sich dann der Arzt all die Videos angucken?

Nein, er erhält eine von der Software erstellte Synopse der Fragen und Antworten, die ihm eine erste Orientierung geben, womit dieser Patient zu ihm kommt. Natürlich kann das Programm keine Diagnosen stellen, die körperliche Untersuchung ersetzen und auch nicht einen Dolmetscher. Das soll es auch nicht. Es dient zur Ergänzung – bei spontanen Konsultationssituationen, bei alltäglichen medizinischen Anliegen.

Immerhin muss man bedenken, dass Dolmetscher in den meisten Fällen von den Krankenkassen nicht bezahlt werden. Vielleicht hat man auch einen Patienten, der zwar schon ein wenig Deutsch kann – für eine medizinisch sichere Anamnese reicht es dann aber doch nicht. Geplant ist außerdem, dem Patienten einen zweisprachigen Bogen zu geben, der Fragen und Antworten in seiner und in der deutschen Sprache abbildet. So kann der Patient auf einen Text deuten und der Arzt weiß, was gemeint ist. – vielleicht lernt er ja auch die Vokabeln! So gewinnt er ein wenig eigene Kompetenzen in einer Situation zurück, in der er sich häufig als beeinträchtigterlebt.

Und das System funktioniert offenbar auch umgekehrt?!

So ist es. Wir wollen zum Beispiel bei Medikamenten, die am häufigsten verordnet werden, Clips einspielen, die etwa die Einnahme korrekt vorführen. Wie geht man dann korrekt mit dem Antibiotika-Saft um? Oder wie teile ich mit: "Machen Sie sich mal keine Sorgen!" Diese Clips können dann vom Arzt dem Patienten vorgespielt werden.

Sie wollen das System in Friedland erproben. Was erwarten Sie?

Nun, es gibt natürlich viele Unbekannte. Wir haben den Inhalt mit Kulturwissenschaftlern, Arabisten, Medizinern, Sprachwissenschaftlern, Kommunikationsdesignern und vielen anderen erarbeitet. Die Frage ist nun, ob das Ganze funktioniert. Oft kommen Patienten mit denselben Anliegen mehrfach in die Praxis, weil sie Dinge nicht verstanden haben – wird unser System da helfen? Werden die Patienten die Kommunikationshilfen sinnvoll verwenden? Werden die Patientenaussagen valide sein? Und so weiter. Wir haben aber die Hoffnung, dass sich Patienten in der Situation des Nicht-verständlich-machen-Könnens an jeden Grashalm klammern und pragmatisch mit der Situation umgehen.

Wann beginnt der Test?

Wir wollen im Hochsommer anfangen und stecken derzeit in den Vorbereitungen. Das Projekt soll insgesamt zwei Jahre dauern. Im letzten Projektjahr soll das System dann auch in fünf Hausarztpraxen eingesetzt werden.

Frank Müller

» Arzt und Soziologe

» Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin der Uni Göttingen

» Das Projekt "Dictum" ist Teil seiner Promotionsarbeit

» Entwickelt wurde es im Team, aktuell wird das Programm im Lager Friedland erprobt

Lesen Sie dazu auch:
Lager Friedland: "Vier Millionen sind hier durchgegangen"

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