Ärzte Zeitung, 13.09.2013
 

AOK

Mehr Gesundheit für den Euro

Ärzte verteilen sich ungleich auf Stadt und Land und verdienen sehr unterschiedlich, Kliniken operieren zu viel, in der Pflege mangelt es an Personal: Die AOK hat auf 20 Seiten zusammengefasst, wie sich Missstände im Gesundheitswesen beseitigen lassen.

Von Thomas Hommel

Mehr Gesundheit für den Euro

Das Honorar der Ärzte soll nach dem Versorgungsbedarf der Versicherten verteilt werden. Das ist eine der Forderungen der AOK zur Wahl.

© A. Slobodkin / iStockphoto

BERLIN. Nichts ist so gut, dass es sich nicht verbessern ließe. Das deutsche Gesundheitswesen ist gut - kann aber nach Einschätzung des AOK-Bundesverbandes noch besser werden. Wie das geht, haben Aufsichtsrat und Vorstand in einem 20-seitigen Positionspapier zusammengefasst.

Die Beitragszahler, heißt es darin, würden so viel Geld für die Behandlung in Arztpraxen und Kliniken ausgeben wie noch nie. Gleichzeitig steige die Unzufriedenheit bei Ärzten, Pflegekräften, Therapeuten und Patienten.

Als Kernziel einer "guten Gesundheitspolitik" nach der Bundestagswahl am 22. September gibt die AOK deshalb die Devise aus: "Mehr Gesundheit für den Euro."

Honorar-Abrechnungen neu regeln

Handlungsbedarf hat die Gesundheitskasse insbesondere im Bereich der ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung ausgemacht.

Das Kardinalproblem hier: Das Honorar der Ärzte werde nach Kriterien verteilt, die sich nicht vorrangig am Bedarf der Versicherten und an den vor Ort notwendigen Leistungen orientierten. Stattdessen fließe das Geld in Ballungszentren und Stadtteile, in denen ein Überangebot vor allem an Fachärzten herrsche.

Auch innerhalb der Arztgruppen komme es zu Ungerechtigkeiten: "Sprechende" Mediziner - zum Beispiel Haus- und Kinderärzte - fänden sich am unteren Ende der Einkommensskala wieder, während techniknahe Facharztgruppen wie Radiologen oder Dialyseärzte teils ein Mehrfaches an Honorar erhielten.

Um sowohl eine angemessene regionale als auch bedarfsgerechte Verteilung der Vergütung an die Arztpraxen sicherzustellen, ist es nach Ansicht der AOK erforderlich, dass der morbiditätsbedingte Bedarf der Patienten ermittelt und anschließend dokumentiert wird.

Dies könne nur dadurch erreicht werden, dass Vertragsärzte - wie auch Klinikärzte - die von ihnen erfassten Krankheiten und dokumentierten Leistungen gemäß entsprechender Richtlinien kodieren.

Grundlage der Abrechnungen mit den Praxen sollten dann der Behandlungsgrund und der Behandlungsumfang und nicht mehr wie bisher die ärztliche Verrichtung und die einzelnen Therapieschritte sein.

Lange Wartezeiten beseitigen

Niedergelassene Ärzte in Deutschland sind derzeit in zwei unterschiedlichen Vergütungssystemen unterwegs: hier der EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab) für die Abrechnung von Leistungen für gesetzlich Krankenversicherte, dort die GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) für privat Krankenversicherte.

Nach Ansicht der AOK führt dies zu Fehlentwicklungen wie unnötig langen Wartezeiten für gesetzlich Versicherte sowie überflüssigen Untersuchungen für Privatversicherte. Bei einer Angleichung von EBM und GOÄ ließen sich derartige Fehlentwicklungen korrigieren.

Aber: "Ein solcher Schritt darf (...) weder zu Lasten der gesetzlich Versicherten erfolgen noch die strukturellen Fehler in der GOÄ-Systematik in die Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung übertragen."

Hausarztzentrierte Versorgung stärken

Die AOK bekennt sich eindeutig zur "sprechenden" und koordinierenden hausärztlichen Versorgung als einem "unverzichtbaren Bestandteil" der Gesundheitsversorgung. Erfahrungen der Gesundheitskasse vor Ort zeigten indes: Freiwillig vereinbarte Verträge mit Ärzten stellten weitaus geeignetere Instrumente dar, um eine effiziente und verlässliche hausarztzentrierte Versorgung sicherzustellen.

Eine gesetzliche Verpflichtung zum Abschluss solcher Verträge, wie sie Paragraf 73b Sozialgesetzbuch V vorsieht, brauche es deshalb nicht. "Der bestehende Vertragszwang sollte zurückgenommen werden", so die Empfehlung der AOK an die Politik.

Mehr Delegation und Substitution

In der anhaltenden Debatte um eine Neuverteilung der Aufgaben im Gesundheitswesen plädiert die AOK für ein Mehr an Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten. Bereits heute seien vor allem in strukturschwachen Regionen speziell weitergebildete medizinische Mitarbeiterinnen wie etwa die "agnes zwei" im Nordosten oder die "Schwester VERAH" im Südwesten im Einsatz.

Aus ersten Evaluationen solcher Modelle gehe hervor, dass die Ärzte durch den Einsatz der Medizinischen Fachangestellten (MFA) spürbar entlastet würden und sich die Versorgung für den Patienten verbessere.

Mit dem Einsatz von agnes & Co. ließen sich aber nicht nur Kapazitätsprobleme in strukturschwachen Gebieten lösen. Auch in städtischen Gebieten kann laut der AOK die Versorgungsqualität im Zuge einer Neuverteilung der Aufgaben nachhaltig verbessert werden.

Möglichkeit zu Einzelverträgen

Mit Blick auf die stationäre Versorgung spricht sich die AOK dafür aus, der Vergütung von Kliniken mit nachweislich schlechter Qualität einen Riegel vorzuschieben.

So sollte etwa ein Haus für diejenigen Erkrankungen, in denen es "weit unterdurchschnittliche Qualität" erbringe, nicht mehr in der Krankenhausplanung berücksichtigt werden - freilich unter der Voraussetzung, dass dieser Schritt keine Versorgungsengpässe zur Folge habe.

Den Kassen wiederum müsse der Gesetzgeber die Möglichkeit einräumen, für planbare Leistungen wie Hüft- und Kniegelenks-Operationen "qualitätsbasierte Einzelverträge" abzuschließen. Der Kontrahierungszwang müsse an dieser Stelle gelockert werden.

Es sei ethisch nicht vertretbar, eine Kasse zu verpflichten, mit Kliniken einen Versorgungsvertrag abzuschließen, deren Behandlungsergebnisse unbefriedigend ausfielen. Versicherte würden dann "sehenden Auges" einer schlechten Qualität ausgesetzt.

Das Positionspapier der AOK "So geht´s", kann im Internet kostenfrei als PDF heruntergeladen werden: www.reform-aktuell.de

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Eine Menge Dampf im Kessel

Knapp 35 Milliarden Euro stellten die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für die Arbeit der niedergelassenen Ärzte bereit. Fast fünf Milliarden Euro oder gut zwölf Prozent mehr als 2009.

Um über zwei Prozent auf rund 157 000 erhöhte sich im selben Zeitraum die Zahl der Vertragsärzte und -psychotherapeuten.

Rund 62 Milliarden Euro erhielten im vergangenen Jahr die etwa 2000 Kliniken in Deutschland von der GKV. Das sind sechs Milliarden Euro oder knapp zwölf Prozent mehr als 2009.

Dennoch wächst die Unzufriedenheit auf allen Seiten: Ärzte halten ihr Honorar für zu gering und die Vergütungssystematik für ungerecht. Klinikträger klagen, ihren Häusern fehle es an Geld für Investitionen und mehr Personal. Patienten wiederum beschweren sich über unnötige Operationen und lange Wartezeiten auf einen Arzttermin.

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