Ärzte Zeitung, 30.03.2015

Sachsen-Anhalt

Versorgungsvertrag soll Patienten Dialyse ersparen

Mit einer vernetzten Behandlung und gezielter Früherkennung zeigen Ärzte, AOK und KV in Sachsen-Anhalt, wie Patienten mit Niereninsuffizienz möglichst lange die Strapazen einer Dialyse erspart werden können.

Von Taina Ebert-Rall

Versorgungsvertrag soll Patienten Dialyse ersparen

Abhängig von Geräten? In Sachsen-Anhalt wird seit 2009 versucht gegenzusteuern - mit Erfolg, die Zahl der Dialyse-Patienten sinkt laut AOK kontinuierlich.

© Klaus Rose

BERLIN.Dass immer mehr Menschen in Deutschland an chronischen Nierenleiden erkranken, hängt auch mit der wachsenden Zahl der Diabetes- und Bluthochdruckpatienten zusammen.

Und weil oft Jahre vergehen, bis sich erste Symptome bei den Patienten zeigen, bleiben Nierenerkrankungen häufig zu lange unerkannt. In Sachsen-Anhalt zeigen Ärzte und AOK, wie es besser geht. Sie setzen auf Früherkennung.

In einem Versorgungsvertrag für Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz haben die KV Sachsen-Anhalts (KVSA), der Verein niedergelassener Nephrologen e.V. und die AOK Sachsen-Anhalt geregelt, dass Patienten möglichst lange vor den Strapazen einer Dialyse bewahrt werden können.

Der Vertrag stellt seit dem Jahr 2009 sicher, dass Nierenerkrankungen früh erkannt und nach festgelegten Qualitätsparametern intelligent vernetzt behandelt werden.

Schneller Termin beim Nephrologen

Dafür führt der Hausarzt bei Patienten mit den Risikofaktoren Diabetes, Bluthochdruck oder mit einer Herz-Kreislauferkrankung regelmäßig eine Früherkennungsuntersuchung mit einem Teststreifen durch.

"Dieser Urintest verursacht keinen großen Aufwand, erspart unseren Versicherten viel Kummer und ist wirtschaftlich sinnvoll", sagt Andreas Goldmann, der bei der AOK Sachsen-Anhalt für den Bereich strategische Versorgungsplanung zuständig ist.

Deutet der Test auf eine Nierenerkrankung hin, wird der betroffene Patient direkt an eine nephrologische Praxis überwiesen, in der er dann fachärztlich behandelt wird.

Goldmann: "Der Erfolg des Programms hat sich schon bald eingestellt, die Zahl der Dialysepatienten sinkt seither kontinuierlich."

Der Internist und Nephrologe Dr. Jörg-Detlev Lippert ist von Anfang an dabei und hat sich 2009 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vereins Niedergelassener Nephrologen Sachsen-Anhalts e.V. für die Vernetzung von Hausärzten und Nephrologen eingesetzt.

Er freut sich über die Erfolge des Vertrages: "Die Hausärzte schicken inzwischen ganz rege Patienten in nephrologische Praxen. Das hat den Vorteil, dass ein Patient länger in seinem Krankheits-Stadium, zum Beispiel in Stadium III bleibt.

Und das wiederum bedeutet, dass er deutlich länger ohne Dialyse auskommen kann."

Vier-Augen-Prinzip überzeugt

Der Grund dafür ist schnell erklärt. "In den nephrologischen Facharztpraxen haben wir Untersuchungsmöglichkeiten, die in der hausärztlichen Praxis in der Regel nicht gegeben sind", sagt Lippert.

Er verweist auf umfangreiche Möglichkeiten der Akutdiagnostik durch Nephrologen, zum Beispiel für eine Säuren-Basen-Analyse. Auch hebt Lippert das durch die Zusammenarbeit der Ärzte umgesetzte Vier-Augen-Prinzip hervor.

"Es ist einfach sinnvoll, wenn wir genau wissen, welche Medikamente ein Patient einnimmt. Und vier Augen sehen eben mehr als zwei."

Lippert weiter: "Dann hat ein Nephrologe auch die Möglichkeit, Schmerzmittel abzusetzen und andere Behandlungswege zu wählen. Man muss einfach wissen, dass Patienten mit einigen Arzneimittel-Kombinationen unter Umständen direkt in die Niereninsuffizienz geschickt werden."

Zwar sind an der Behandlung von Nierenpatienten deutlich mehr Ärzte als in anderen Bundesländern beteiligt, aber der Behandlungsprozess wird durch den AOK-Vertrag klar koordiniert. Das lohnt sich.

Lippert: "Manchmal gelingt es sogar, Patienten zur Transplantation zu bringen, ohne dass vorher eine Dialyse nötig wird. Das ist möglich, wenn ein Verwandter oder ein Ehepartner eine Niere spenden kann."

Insofern profitieren die Patienten sehr davon, wenn ein Nephrologe frühzeitig an der Behandlung beteiligt wird. "Die Patienten haben eine bessere Lebensqualität und es gibt deutlich weniger akute Krankenhausaufenthalte", sagt Lippert.

Für die betroffenen Patienten hält sich der Aufwand in Grenzen. "Ist ein Nierenpatient im Stadium I oder II, reicht es völlig aus, wenn er einmal jährlich zum Facharzt geht. In höheren Stadien (III oder IV) kommen die Patienten in vierteljährlichen Abständen."

Evaluation belegt Nutzen der Kooperation

Seit Mai 2009 läuft das Versorgungsprogramm "Chronische Niereninsuffizienz" in Sachsen-Anhalt - mit überzeugenden Ergebnissen.

Mehr als 15.000 Versicherte profitieren mittlerweile vom Versorgungsprogramm "Chronische Niereninsuffizienz" der AOK Sachsen-Anhalt, das die Kasse zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) und dem Verein der niedergelassenen Nephrologen e.V. sowie unter Beteiligung der Deutschen NephroNet Verwaltungs GmbH seit Mai 2009 anbietet. An dem Versorgungsvertrag nehmen alle Nephrologen aus den 20 entsprechenden Facharztpraxen Sachsen-Anhalts teil.

Wie gut diese Versorgungsstrategie funktioniert, zeigt die Evaluation des Vertrages: Demnach nahm die Zahl der Dialysepatienten bei der AOK Sachsen-Anhalt seit der Einführung kontinuierlich ab. Mussten im Jahr 2010 noch 1867 Patienten zur Dialyse gehen, konnte ein Jahr später ein Rückgang auf 1833 Patienten beobachtet werden. In den beiden darauf folgenden Jahren 2012 und 2013 nahm die Zahl der Dialysepatienten nochmals auf zunächst 1773 und dann auf 1715 ab.

"Hier zeigen sich ganz klar die Vorteile eines partnerschaftlichen Zusammenwirkens von Haus- und Fachärzten" sagt der geschäftsführende Vorstand der KV Sachsen-Anhalt, Mathias Tronnier. "Ein solch strukturiertes Versorgungskonzept erhöht die Möglichkeit, Krankheitsverläufe frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln. Für eine strukturierte Versorgung der Patienten machen wir uns als KVSA seit Jahren stark und freuen uns, dass es Partner gibt, mit denen solche Regelungen umgesetzt werden können."

Für den Versorgungsexperten Andreas Goldmann von der AOK Sachsen-Anhalt machen diese Zahlen deutlich, "dass unser Vertrag auch wirtschaftlich sinnvoll ist, wenn man von Kosten für einen Dialysepatienten von rund 45.000 Euro jährlich ausgeht. Vor allem aber trägt er dazu bei, dass unsere Versicherten deutlich an Lebensqualität gewinnen." (Ebert-Rall)

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