Ärzte Zeitung online, 27.01.2017

DAK-Analyse

Seelenleiden sorgen für die meisten Fehltage

Noch nie gab es so viele Ausfalltage im Job wegen psychischer Erkrankungen: Mit rund 246 Fehltagen je 100 Versicherte waren Seelenleiden 2016 auf dem Höchststand. Vor allem Frauen waren betroffen.

Seelenleiden sorgen für die meisten Fehltage

Frauen hatten 2016 rund 60 Prozent mehr Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen als Männer.

© Picture-Factory / Fotolia

NEU-ISENBURG. Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich in den letzten 30 Jahren damit mehr als verdreifacht (1997: 77 Tage), wie die Krankenkasse DAK zum Krankenstand 2016 berichtet. Sie hatten im vergangenen Jahr einen Anteil von 17 Prozent am Gesamtkrankenstand – ein Plus von einem Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Vor allem Frauen waren betroffen. Wegen keiner anderen Erkrankungsgruppe fehlten sie im vergangenen Jahr so lange am Arbeitsplatz. Rund 60 Prozent mehr Fehltage entfielen bei ihnen auf psychische Erkrankungen im Vergleich zu Männern.

Seelische Leiden nähmen bei Frauen damit erstmals Platz eins ein, gefolgt von Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 308 Fehltagen, so die DAK. Bei Männern lagen wie im Vorjahr die Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 329 Fehltagen je 100 Versicherte an der Spitze.

Auffällig bei den psychischen Erkrankungen: Während die Fehltage mit rund 246 Tagen pro 100 Beschäftigte einen noch nie da gewesenen Höchststand erreichten, ging der Anteil der Betroffenen im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück.

Das heißt: Es fehlten zwar weniger Menschen aufgrund von psychischen Erkrankungen im Job, die einzelnen Krankheitsfälle dauerten aber offenbar länger an. Im Schnitt waren es 38 Tage (2015: 35 Tage).

Die meisten Fehltage entfielen auf Depressionen mit 114,4 je 100 DAK-Versicherte, gefolgt von Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen mit 45,5 Tagen. Burn-out stagnierte bei 4,3 Tagen. Die Diagnose hatte 2010 mit 10,2 Tagen je 100 Versicherte ihren Höchststand und wurden seither deutlich weniger festgestellt.

Insgesamt meldeten sich Deutschlands Arbeitnehmer laut DAK-Analyse allerdings seltener krank. Der Gesamtkrankenstand sank von 4,1 auf 3,9 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Fehltage 2016 entfielen auf drei Krankheitsarten.

An erster Stelle standen Rückenleiden und andere Muskel-Skelett-Erkrankungen. Mehr als jeder fünfte Fehltag wurde damit begründet (22 Prozent). Danach folgten psychische Erkrankungen mit 17 Prozent Anteil am Gesamtkrankenstand (plus ein Prozent). Rund 15 Prozent gingen auf das Konto von Schnupfen und Co.

Für die aktuelle Krankenstands-Analyse hat das Berliner IGES Institut die Daten von 2,6 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten für das Jahr 2016 ausgewertet. (run)

[27.01.2017, 20:32:16]
Götz Braun 
und was macht die Politik dagegen.......
Den Zahlen fehlen die volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Für das Jahr 2011 entstand bei 59.2 Mio. Arbeitsunfähigkeitstagen ein Ausfall an Bruttowertschöpfung von 10.3 Milliarden Euro allein durch Erkrankungen mit Diagnosen aus dem psychischen Erkrankungsbereich, was auf den Zeitraum von 15 Jahren einen Anstieg um 80% bedeutet.
Und was macht die Politik und die Krankenversicherungen dagegen?
Sie reduzieren das Angebot an Psychotherapie. Ab dem 1.4.2017 werden wir 5 Stunden von den Therapiestunden abzweigen müssen, um am Telefon zu sitzen. Wir werden darüber hinaus vor der Probatorik mindestens zwei Stunden Sprechstunde mit jedem Patienten, der in Therapie genommen werden soll, abhalten. Zusätzlich kommt die dafür notwendige zeitliche Mehrbelastung an Verwaltung hinzu. Das wird dann zwischen 7 und 10 Stunden weniger antragspflichtige Psychotherapie je Woche und Therapeut bedeuten. Bei ca. 28.000 ambulant tätigen Psychotherapeuten sind das bis zu 280.000 Therapiestunden weniger pro Woche.
Diese "Einsparungen" (geschätzte 1.3 Milliarden € p.a.) werden im Einkommen der Psychotherapeuten ihre Wirkung zeigen. Die schon jetzt lächerliche Gewinnsituation der Psychotherapeuten wird weitere 20-30% Einbußen erfahren.
Ich meine das spricht eine klare Sprache. Während Herr Hundt, ehemaliger Arbeitgeberpräsident, 2013 auf die oben beschriebenen Zahlen eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung fordert, dann ist die Politik im Schulterschluss mit den Kassen dabei, die Versorgung einzudampfen. Irgendwann werden die angehenden Kollegen rechtzeitig bemerken, dass in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung für die Therapeuten Armut die Folge sein wird.
Man kann die Psychotherapie in Deutschland nicht per Gesetz abschaffen, aber man kann sie solange Aushungern bis sie gestorben ist.
Wenn Herr Best (von der DPTV und unser Vertreter in den Honorarverhandlungen zusammen mit Doebert vom bvvp) in Frankfurt auf einer Veranstaltung zur Honorarsituation nach dem 1.4.2017 diese Ahnung noch kategorisch vom Tisch fegt, so muss man ihn schon fragen, was er sich denn noch vorstellt, wie die Existenz der Psychotherapeuten künftig gesichert werden soll.
Im Übrigen hat Best auf derselben Veranstaltung ein Gutachten zur Frage der Überprüfung der BSG-Urteile vor dem Bundesverfassungsgericht vorgestellt und damit zum Ausdruck gebracht, dass ein solches Unterfangen nichts bringe. In einem Nebensatz erklärte er aber, dass der Gutachter zum Ergebnis kam, dass der 36 Stundenvergleich mit dem Durchschnitt der Vergleichsgruppe wohl schon zu beanstanden sei. Das ist schon ein starkes Stück, dann zu behaupten, dass eine solche Klage nichts bringe. Jede Stunde weniger von den 36 Stunden würde uns 1/36 mehr Honorar bringen. Für Best ist es das wohl nicht wert. Da frag ich mich schon, warum die Mitglieder der DPTV diesen Menschen nicht aus ihrem Verband wegen Verbandschädigung rauswerfen. Stattdessen wird er wohl von seiner jetzigen Aufgabe auf eine sicherlich noch besser dotierte Position wechseln.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist auch das Ergebnis verfehlter Ausrichtung der Berufsverbände der Psychotherapeuten. Aber solange nur eine Handvoll Kollegen zu den Mitgliederversammlungen geht und sich erzählen lässt, wie toll die Vorstände arbeiten und das dann auch noch glaubt und die Vorstände wiederwählt, solange wird sich am Niedergang der Psychotherapie in Deutschland nichts ändern.
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