Ärzte Zeitung online, 14.08.2018

Trisomie 21 / Ethische Debatte

Welche Rolle sollen pränatale Bluttests künftig spielen?

Der GBA ist aktuell dabei, über die Kassenerstattung von pränatalen Bluttests zu entscheiden. Bundestagsabgeordnete fordern hierzu auch eine begleitende ethische Debatte.

Von Anno Fricke

Welche Rolle sollen pränatale Bluttests künftig spielen?

Eine große Frage ist: Wenn es den vorgeburtlichen Bluttest auf Trisomie 21 als Kassenleistung gibt, werden ihn dann auch mehr Eltern nutzen? Und dann?

© DenKuvaiev / Getty Images / iStock

BERLIN. Der Bundestag wendet sich wieder einmal fraktionsübergreifend einer ethischen Frage zu. Welche Rolle sollen Bluttests zur Identifizierung von Trisomien wie zum Beispiel dem Down Syndrom spielen und sollen solche Tests Kassenleistung werden?

Eine Gruppe von zehn Bundestagsabgeordneten aus fünf Fraktionen (ohne die AfD) hat jetzt eine breite gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema gefordert. "Wir gehen davon aus, dass sich immer mehr werdende Eltern für solche Tests entscheiden werden, sollten sie als Regelversorgung etabliert werden und damit diejenigen immer stärker unter Rechtfertigungsdruck geraten, die sich gegen einen Test und gegebenenfalls für die Geburt eines Kindes mit Down Syndrom entscheiden", heißt es in einem Positionspapier der Abgeordneten, das der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Menschenrechte von Behinderten im Blick

Die Abgeordneten halten daher eine Debatte über die Frage, inwieweit die Gesellschaft für diese Tests einstehen sollte, für dringend geboten. Schließlich habe sich Deutschland mit der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen 2009 dazu verpflichtet, behinderten Menschen die Wahrnehmung ihrer Menschenrechte zu garantieren, heißt es in dem Papier.

In Deutschland gibt es seit 2012 einen Bluttest ("Praena-Test"), der allerdings nur Selbstzahlern zur Verfügung steht. Der Gemeinsame Bundesausschuss berät nun aktuell darüber, ob molekulargenetische Blutbestimmungstests Kassenleistung sein können.

Der unparteiische Vorsitzende des GBA, Professor Josef Hecken, macht darauf aufmerksam, dass in absehbarer Zeit weitere molekulargenetische Testverfahren zur Verfügung ständen. Deshalb sei es "zwingend notwendig, eine parlamentarische Diskussion und Willensbildung zu der Fragestellung herbeizuführen, ob und wie weit molekulargenetische Testverfahren in der Schwangerschaft zur Anwendung gelangen können", heißt es in einem Schreiben, das Hecken im März den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses übermittelt hat.

Trisomie-Bluttest mit hoher Treffsicherheit

Als Trägerorganisation des GBA sind auch die Vertragsärzte mit dem Thema befasst. Bereits 2014 hat der GBA für insgesamt vier dieser Methoden beschlossen, zu prüfen, ob sie sich offiziell erproben lassen. Dieses Verfahren läuft noch.

Die neuen als risikoarm geltenden Bluttests sind ausweislich eines Gutachtens des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu 99 Prozent treffsicher – und das schon ab der neunten Schwangerschaftswoche. Bislang erstatten die Kassen bei Frauen über 35 Jahre lediglich invasive Methoden wie die Fruchtwasseruntersuchung und die Nabelschnurpunktur, die ab der 14. beziehungsweise 18. Schwangerschaftswoche vorgenommen werden können.

Für die Zulassung der neuen Bluttests als Kassenleistung spricht sich die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis aus. Ein "Dammbruch für den Menschen nach Maß" sei damit nicht zu erwarten, heißt es in einer der "Ärzte Zeitung" vorliegenden Mitteilung.

Es sei nicht belegt, "dass Frauen generell nicht eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln", schreibt Mattheis. Zudem verbessere ein frühes Wissen um die Chromosomenabweichung die psychosoziale und medizinische Betreuung während der Schwangerschaft.

Down-Syndrom

  • 90 Prozent der Frauen entscheiden sich nach der Diagnose Trisomie 21 für eine Abtreibung.
  • Der Bundesregierung liegen keine bundesweiten Daten zu den in Deutschland mit Trisomie 21 lebend geborenen Kindern vor.
  • Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat den nichtinvasiven Verfahren zur Pränataldiagnostik eine Trefferquote von mehr als 99 Prozent bescheinigt.

Quellen: BMG, Berufsverband der Frauenärzte

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Perfektes Kind im Bundestag

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