Ärzte Zeitung, 31.05.2016
 

Raucher-Werbung

"Kein Platz für giftige Botschaften!"

"Stoppt Tabakwerbung jetzt": Der Weltnichtrauchertag rückt das Tabakwerbeverbot in den Fokus. Das geht den Unterstützern nicht weit genug - wie auch dem Ärztetag.

Von Christoph Fuhr

Raucher-Werbung: "Kein Platz für giftige Botschaften!"

Ab 2020 wird Tabakwerbung in Deutschland weiter eingeschränkt - aber nicht komplett verboten. Das stört Nichtraucherinitiativen.

© Jens Büttner / dpa

BERLIN. "Rauchen sollte kein Lebensgefühl sein, sondern es muss als das gesehen werden, was es ist: Ein enormes Gesundheitsrisiko mit Todespotenzial": Das sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler zum Weltnichtrauchertag. Es gebe keinen Grund kann, beim Kampf gegen den blauen Dunst Entwarnung zu geben.

Die Gefahr, dass bei den Streitern wider den Tabakkonsum Nachlässigkeit und Selbstzufriedenheit einkehren könnten, ist nicht von der Hand zu weisen.

Denn die im April veröffentlichte Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BzGA) etwa bestätigt nachdrücklich einen positiven Trend: Der Anteil der rauchenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland ist so niedrig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen in den 70er Jahren.

Wendepunkt war dem Bericht zufolge das Jahr 2001. Seitdem hat sich der Anteil rauchender Jugendlicher im Alter von zwölf bis 17 Jahren um mehr als zwei Drittel auf derzeit 9,6 Prozent verringert.

Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Jugendlichen, die noch nie geraucht haben, von 40,5 auf 79,1 Prozent.

Dabei sind die sozialen Unterschiede im Rauchverhalten nicht zu übersehen und bleiben eine Herausforderung für die Präventionsbemühungen. Das Rauchen ist bei Gymnasiasten sowie Studierenden deutlich geringer verbreitet als in anderen Gruppen. Gleichwohl lässt die Studie keinen Zweifel: Es gibt derzeit so viele "Nie-Raucher" wie noch nie.

Rauchen verursacht jeden siebten Todesfall in Deutschland

Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite: Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 121.000 Menschen an den Folgen ihres Tabakkonsums. Nahezu jeder siebte Todesfall (13,5 Prozent) ist demnach auf das Rauchen zurückzuführen.

Der Weltnichtrauchertag, am 31. Mai 1987 von der WHO ins Leben gerufen worden, hat in diesem Jahr die Tabakwerbung in den Fokus gerückt: Da die meisten Raucher als Teenager mit dem Tabakkonsum beginnen und dann zumeist dauerhaft rauchen, sind Jugendliche die bevorzugte Zielgruppe der Tabakwerbung.

"Kein Platz für giftige Botschaften! Stoppt Tabakwerbung jetzt"! Mit diesen Aussagen geht auch das Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABR) in die Offensive.

Das Bündnis, dem auch die Bundesärztekammer angehört, fordert die Mitglieder des Deutschen Bundestages auf, mit Blick auf ein Werbeverbot für Tabakprodukte endlich in die Gänge zu kommen.

Das Bundeskabinett hat am 20. April 2016 beschlossen, dass ab 2020 die Außenwerbung für Tabakerzeugnisse einschließlich E-Zigaretten verboten werden soll.

Das Gesetz wird dem Bundesrat und dann weiter dem Deutschen Bundestag zur Abstimmung zugeleitet. "Der vorgezogene Tod sollte nicht auch noch beworben werden", sagt Marlene Mortler.

Ärztetag übt Kritik am Verbot: Schnellere Umsetzung, keine Ausnahmen

Dem Deutschen Ärztetag geht die geplante Umsetzung des Verbots allerdings nicht schnell genug. Er hat am vergangenen Freitag in einem Entschließungsantrag gefordert, das Verbot baldmöglichst, und nicht wie geplant erst 2020 auszusprechen.

"Warum diese wichtige Maßnahme erst in mehr als drei Jahren umgesetzt werden soll, bleibt völlig unverständlich" kritisiert auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, (DHS) die ebenfalls dem Aktionsbündnis Nichtrauchen angehört.

 Kritisch weist die DHS darauf hin, dass in Fachgeschäften, Verkaufsstellen oder Tankstellen Tabakwerbung weiterhin erlaubt sein soll, ebenso in Kinos bei Filmen für Zuschauer über 18 Jahren.

"Tabak sollte generell nicht mehr als Genussmittel identifizierbar sein; sondern wahrheitsgemäß als Suchtstoff mit erheblichen gesundheitsschädigenden Konsequenzen", fordert die DHS.

Die große Zahl der Streiter wider den blauen Dunst weiß sich auch formal im Recht. Ein umfassendes Werbeverbot stellt nicht nur eine wichtige Maßnahme zur Reduzierung des Tabakkonsums und insbesondere zum Schutz von Jugendlichen dar, es steht auch im Einklang mit der Verfassung und zugleich mit den Vorgaben des WHO-Rahmenübereinkommens zur Tabakwerbung.

Andere Suchtmittel steigen im Konsum rapide an

Beim Thema Prävention und Sucht ist der Tabakkonsum längst nicht die einzige Baustelle. Im Vergleich zur positiven Entwicklung im Kampf gegen das Rauchen stellt sich die Situation zum Beispiel bei Cannabis deutlich problematischer dar.

Der Anteil der Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren zwölf Monaten Cannabis konsumiert haben, hat sich laut Drogenaffinitätsstudie in vier Jahren fast verdoppelt. Bei den männlichen 12- bis 17jährigen betrug er 8,1 Prozent, bei den weiblichen Kindern und Jugendlichen im gleichen Alter liegt er bei etwa 5,0 Prozent.

Und immer stärker stehen auch hochgefährliche Designerdrogen im Blickpunkt. Insbesondere in Grenzregionen wird der steigende Konsum von Metamphetaminen wie Crystal Meth zunehmend zum Problem.

Kein Zweifel: Es gibt durchaus Erfolge, aber der Kampf gegen Suchtstoffe wird nie vorbei sein - er bleibt in unserer Gesellschaft weiter eine große Herausforderung.

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