Ärzte Zeitung online, 25.07.2017
 

Offener Brief

Ärzte warnen Merkel vor einer Diabetes-Epidemie

Schlechte Nachrichten für Bundeskanzlerin Angela Merkel: Knapp 100 Milliarden Euro kosten Diabetes und Adipositas jedes Jahr, heißt es in einem offenen Brief von Ärzten und Verbraucherschützern. Doch was tun?

Von Anno Fricke

Ärzte warnen Merkel voreiner Diabetes-Epidemie

Die Zahl der Übergewichtigen steigt. Das hat für den Einzelnen aber auch für die Gesellschaft Folgen.

© biker3/stock.adobe.com

BERLIN. Bei der Entwicklung einer Strategie gegen die Volkskrankheit Diabetes hinkt Deutschland hinterher 20 von 28 Ländern in der Europäischen Union haben bereits Nationale Diabetespläne oder -strategien verabschiedet, zuletzt Österreich im April 2017. Jetzt sollen die Ärzte ihre Stimme erheben.

Der Verband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), die Deutsche Diabetesgesellschaft (DDG) und die Verbraucherschutzorganisation wenden sich in einem Offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel und alle Parteivorsitzenden. Ärzte können das Schreiben elektronisch mit unterzeichnen.

Die zentralen Forderungen

Vier Kernforderungen erheben die drei Verbände. Deutschland solle eine Nährwertampel einführen, verbindliche Standards für die Schul- und Kitaverpflegung erlassen, die an Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel beschränken und steuerliche Anreize für die Lebensmittelindustrie setzen, gesündere Rezepturen zu entwickeln. Einnahmen aus Sonderabgaben und -steuern für gesüßte Getränke sollen eins zu eins in die Prävention chronischer Krankheiten fließen.

Dass die Bundesregierung weiterhin auf freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie und Programme für Ernährungsbildung setze, sei ein "Skandal", erklärt dazu der bvkj-Vorsitzende Dr. Thomas Fischbach.

"Ernährungsbildung allein ist keine effektive Maßnahme gegen Übergewicht und Fehlernährung, schon gar nicht auf Bevölkerungsebene", ist die Auffassung im bvkj auch in die Formulierungen des Offene Briefes eingeflossen.

Politiker sitzen am Hebel

Nachdruck verleihen soll die Teilnahme möglichst vieler Ärzte. "Eine aktive medizinische Community ist entscheidend, um die politischen Entscheidungsträger zur überzeugen. Ärzte, Fachverbände und Zivilgesellschaft müssen die Kräfte bündeln und klarmachen: Ohne das Eingreifen der Politik können wir die Adipositas- und Diabetes-Epidemie nicht stoppen", warnt der Präsident der DDG Professor Dirk Müller-Wieland.

Jeder sechste Mensch in Deutschland zwischen drei und 17 Jahren gilt als übergewichtig oder fettleibig, zitiert der Offene Brief Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI). Einen Body-Mass-Index jenseits von 30 weisen in dieser Altersgruppe 6,3 Prozent auf.

Unter Erwachsenen gelten demnach 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen als übergewichtig oder adipös. Vor allem bei den Fettleibigen gibt es deutlich wahrnehmbare Anstiege.

Die Autoren des Briefs benennen auch die Folgen: Ausweislich von Studien litten rund sieben Millionen Menschen in Deutschland an Diabetes. Allein die Adipositas führe zu medizinischen Behandlungskosten, aber auch Kosten durch Arbeitsunfähigkeit von 63 Milliarden Euro im Jahr. Die Kosten von Diabetes beliefen sich auf 35 Milliarden Euro.

Seit Jahren wird in Deutschland um staatliche Eingriffe gegen Fastfood und Süßgetränke gerungen. Mehrfach wurde bereits verkündet, eine Einigung über eine Nationale Diabetesstrategie stehe unmittelbar bevor. Gereicht hat es bislang jedoch nur dazu, das RKI bei der Diabetes-Surveillance zu unterstützen und zur Gründung einer Allianz für Gesundheitskompetenz.

Immerhin: Im Präventionsgesetz von 2015 ist die Früherkennung von Diabetes Typ-2 als Gesundheitsziel formuliert. Gleichwohl hat sich die große Koalition bei der Diabetes-Prävention verhakt.

Immer wieder kassierte Vorschläge

Vorschläge der Gesundheitspolitiker werden in schöner Regelmäßigkeit vom Landwirtschafts- und Ernährungsministerium kassiert. Auch der aktuelle Minister (Christian Schmidt (CSU) lehnt "jede Konsumsteuerung durch Werbeverbote und Strafsteuern für vermeintlich ungesunde Lebensmittel" ab.

Die Ärztekammern in Hamburg, Nordrhein und Sachsen-Anhalt bieten gemeinsam mit der AOK das Programm "Gesund macht Schule" an. Damit sollen gesundheitsbewusstes Ernährungs - und Bewegungsverhalten in Schule, Elternhaus und Freizeit angeregt werden.

"Schon etwas mehr regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung verringern deutlich das Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken", sagte BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery anlässlich des Welt-Diabetes-Tages im vergangenen November.

Der offene Brief zum Unterzeichnen: www.aerzte-gegen-fehlernaehrung.de.

[27.07.2017, 15:58:20]
Thomas Georg Schätzler 
Auch wenn die Ärzte Zeitung...
nur ungern Kommentare veröffentlicht, die sich evtl. gegen andere Kommentatoren richten könnten, muss ich hier jedoch um journalistische Fairness bitten.

Denn Detlef Brendel ist nicht nur Autor von: "Die Zucker-Lüge", erschienen im Ludwig Verlag,
https://www.randomhouse.de/.../Detlef-Brendel/Ludwig/e489063.rhd
sondern auch studierter Kommunikationsforscher. Er arbeitet heute als Wirtschaftspublizist und leitet eine Presseagentur".

Von daher sind seine Statements als außerordentlich Medizin-, Nosologie-, Kausalitäts- und Versorgungsforschungs-fremd einzustufen. "Das Kartell der Ahnungslosen – Mediziner verbrüdern sich mit Foodwatch" ist populistische Irreführung und "bei der DDG sollte man wissen, dass Zucker nicht die Krankheit Zucker initiiert" schlicht und ergreifend Unfug.

Die wirtschaftspolitische Selbstdarstellung des "Meinungsunternehmens" Detlef Brendel ist ebenso selbst entlarvend:
"In der öffentlichen Wahrnehmung präsentiert sich das Kartellamt als Hüter des Wettbewerbs und Bewahrer der Verbraucherinteressen. Für die Unternehmen können die Millionenstrafen und der öffentliche Pranger, die im Verdachtsfalle drohen, das Ende der wirtschaftlichen Existenz bedeuten.
Detlef Brendel analysiert das inquisitorische Handeln einer Behörde, das eine funktionierende Wirtschaft in wichtigen Segmenten gefährdet. Mit drei Unternehmern, Alfred T. Ritter (Ritter Sport), Wolfgang Fritsch-Albert (Westfalen AG) und Friedrich Neukirch (Klosterfrau Healthcare Group), diskutiert er über die Praxis des Bundeskartellamts und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft." Zitiert nach
http://pressebuero-brendel.com/

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[27.07.2017, 15:34:11]
Cordula Molz 
Die Lobby...
Ohne Eingriffe wird die Lebensmittelindustrie niemals freiwillig Änderungen vornehmen. Es ist nicht anders als bei der Tabakindustrie.
Was allerdings als ungesund bezeichnet wird, ist noch zu diskutieren. Allerdings: in einem gebe ich meinem Vorrezensenten Recht:
Saubere Recherche lohnt. Dann bekommt man sehr schnell raus, dass sich Diabetes und Übergewicht mitnichten so einfach auf Genetik und die Bilanz von Ernährung und Bewegung zurückführen lässt, sondern sehr viel auf hormonelle Zusammenhänge, die nicht in einem kurzen Beitrag erläutert werden können. Diese Erkenntnisse sind nicht neu und mit etwas Recherche frei verfügbar nachzulesen. Aus ersthaften Quellen.
Die gesündeste Variante ist unter anderem die radikale Abkehr von industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln. Durchaus machbar. zum Beitrag »
[27.07.2017, 14:19:00]
Cordula Molz 
Die Lobby...
Ohne Eingriffe wird die Lebensmittelindustrie niemals freiwillig Änderungen vornehmen. Es ist nicht anders als bei der Tabakindustrie.
Was allerdings als ungesund bezeichnet wird, ist noch zu diskutieren. Allerdings: in einem gebe ich meinem Vorrezensenten Recht:
Saubere Recherche lohnt. Dann bekommt man sehr schnell raus, dass sich Diabetes und Übergewicht mitnichten so einfach auf Genetik und die Bilanz von Ernährung und Bewegung zurückführen lässt, sondern sehr viel auf hormonelle Zusammenhänge, die nicht in einem kurzen Beitrag erläutert werden können. Diese Erkenntnisse sind nicht neu und mit etwas Recherche frei verfügbar nachzulesen. Aus ersthaften Quellen.
Die gesündeste Variante ist unter anderem die radikale Abkehr von industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln. Durchaus machbar. zum Beitrag »
[27.07.2017, 11:38:19]
Detlef Brendel 
Das Kartell der Ahnungslosen – Mediziner verbrüdern sich mit Foodwatch

Bei Foodwatch dürften die Biokorken aus den Flaschen mit veganem Sekt geflogen sein. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) sowie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) geben sich als Propagandisten eines offenen Briefes der Skandalisierungs-Truppe an die Bundeskanzlerin her. Wieder einmal werden paternalistische Eingriffe in die Ernährung und die Lebensmittelwirtschaft gefordert. Staatlich verordnete Rezepturen und Dirigismus von der Ampel über Werbeverbote bis zur Strafsteuer sollen eine Zwangsernährung generieren, die alle Menschen angeblich gesünder macht. Wissenschaftliche Belege für eine solche Ernährung gibt es nicht. Zwei doch eigentlich seriös anmutende Institutionen verbrüdern sich mit einem als NGO agierenden Unternehmen, das mit aggressiven Angriffen auf Wirtschaft und Politik das Einkommen seiner Akteure verdient.

Bei der DDG sollte man wissen, dass Zucker nicht die Krankheit Zucker initiiert. Diabetes mellitus hat komplexe Ursachen von der Genetik bis zu einem bewegungsarmen Lebensstil. Kein ernsthafter Ernährungsforscher würde einzelne Lebensmittel in gut und schlecht oder gesund und krank machend einteilen. Im Brief an die Kanzlerin sprechen die Foodwatch-Ideologen von ausgewogenen Lebensmitteln. Die unausgewogene Kartoffel käme also ebenso auf den Index wie das Brot oder der Quark. Nicht die einzelnen Lebensmittel, sondern die Ernährungsweisen insgesamt können und sollen ausgewogen sein. Und dann ist für ein gesundes Körpergewicht, wo immer das individuell liegen mag, die Balance des Lebensstils, also die Relation zwischen Ernährung und körperlicher Aktivität, entscheidend. Hier liegt das eigentliche Problem. Ein roter Ampelpunkt auf einer Müslipackung wird nichts bringen außer einer Verunsicherung der Verbraucher. Wer gemütlich mit der Playstation auf dem Sofa sitzt und diszipliniert Nahrung mit grünen Punkten in sich hineinschaufelt, wird sich beim Gang zur Waage wundern.

Dr. Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ, biegt sich seine Argumente passend. Niveau und Ernsthaftigkeit bleiben dabei auf der Strecke. „Wenn ein Kind zu dick ist, bewegt es sich weniger.“ Hier werden Ursache und Wirkung vertauscht. Wenn ein Kind sich zu wenig bewegt, weil es nur noch virtuell unterwegs ist, wird es zu dick. So wäre es richtig und sinnvoll. Nach eigenem Bekunden sieht Fischbach in seiner Praxis bei den Kindern ständig durch Zucker-Konsum bedingte schwarze, faule Zähne. Welche Patienten hat der Mann? Nach der im August 2016 von der Bundeszahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung publizierten Mundgesundheitsstudie sind 81,3 Prozent der 12-jährigen Kinder, die angeblich vor dem Zucker zu schützen sind, vollkommen kariesfrei. Während der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts hatten 12-jährige Kinder in Deutschland durchschnittlich sieben kariöse Zähne. Welche dramatischen Konsequenzen hatte seither der Zuckerverzehr? Heute sind es durchschnittlich 0,7 kariöse Zähne.

Und nicht zuletzt bei den immer wieder zitierten Empfehlungen der WHO zum Zucker-Verzehr sollte die Politik sensibel sein. Saubere Recherche lohnt. Für ihre im Jahr 2015 gegebene Empfehlung zum Zucker-Verzehr im Hinblick auf das angeblich gesunde Gewicht hat die WHO zwei japanische Karies-Studien aus dem Jahr 1946 als Begründung geliefert. Mit seriöser Wissenschaft hat das wenig zu tun.

Wer als Mediziner den offenen Brief an die Kanzlerin unterschreibt, dokumentiert damit wenig Verständnis für die Komplexität von Ernährung und Lebensstil, für die Bedeutung evidenzbasierter Studien und nicht zuletzt für notwendige Freiheiten in einer demokratischen Gesellschaft. Er macht sich dagegen zum Handlanger der Organisation Foodwatch, deren Interesse die Skandalisierung durch Kampagnen ist, die weder auf Fakten Rücksicht nehmen noch eine verantwortungsvolle Aufklärung der Verbraucher bei der Gestaltung ihres Lebensstils intendieren.

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[25.07.2017, 10:50:51]
Thomas Georg Schätzler 
Mein Kommentar im "Offenen Brief" an Kanzlerin Angela Merkel, Minister und Parteivorsitzende
Politiker/-innen sollten in gesundheits- und gesellschaftspolitischer Vorbildfunktion Ihren aktuellen BMI angeben!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[25.07.2017, 10:15:02]
Maren Reed 
Politiker?
Nicht die Politiker sitzen "am Hebel" - sondern die Lobbyisten der Nahrungsmittelindustrie und die Firmenbosse. Vermutlich auch die Pharmaindustrie, denen durch gesündere Menschen viel Geld entgehen würde.

Man sieht ja gerade bei den Fahrzeugen, wie weit der Einfluss der Politik reicht - gegen die Macht der Industrie. NULL - und das Interesse an der Gesundheit der Bevölkerung ist da auch kein Grund, etwas zu ändern.

Ich würde es durchaus begrüßen, aber ich habe meine Zweifel, dass sich in D nachhaltig etwas ändern wird. zum Beitrag »
[25.07.2017, 09:43:45]
Karl-Otmar Stenger 
Merkel sollte gegenüber Landwirtschaftsminister Schmidt ihre Richtlinienkompetenz durchsetzen
Eigentlich bedarf die Initiative "Ärzte gegen Fehlernährung" keines Kommentars. Hilfreich könnte jedoch ein Hinweis sein, der angesichts der Festlegungen der Unionsparteien für die nächste Legislaturperiode, keine Steuern zu erhöhen, notwendig erscheint: Will man die Initiative in reale Politik umsetzen, benötigt man keine neue Steuer! Es gibt die Branntweinsteuer. Man muss sie nur in Alkoholsteuer umbenennen; denn wer wollte bezweifeln, das es sich bei Zucker chemisch gesehen um eine Art Alkohol handelt. Ein derartiger Ansatz eröffnet reichhaltige Möglichkeiten, die zur Genesung unseres Gesundheitswesens beitragen können.  zum Beitrag »

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