Ärzte Zeitung, 10.05.2016
 

Pflegebetrug

ÄZ-Leser reagieren heftig

Mutmaßliche Fälle von manipulierten Abrechnungen in der Pflege schlugen auch unter Lesern der "Ärzte Zeitung" hohe Wellen. Bei der Suche nach Möglichkeiten, Betrügereien zu unterbinden, bringen sie teilweise auch eigene Vorschläge.

Von Marco Hübner

ÄZ-Leser reagieren heftig

Seriöse Betreuung? Die AOK Bayern will mehr Kontrollmöglichkeiten haben, um Schindluder zu vermeiden. Photographee.eu / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Derzeitig wird bundesweit gegen zahlreiche Akteure in der Pflege wegen des Verdachts auf systematischen Abrechnungsbetrug ermittelt. Den Sozialkassen sollen Schäden in mehrstelliger Millionenhöhe entstanden sein (wir berichteten). Im Fokus der Verdächtigungen stehen bislang vor allem russische Pflegedienste.

Die bekannt gewordenen Informationen lösten auch unter Lesern der "Ärzte Zeitung" zunächst heftige Reaktionen aus: "Ich frage mich, ob das Ganze nicht auch ein Teil des im Moment zu beobachtenden Russland-Blamings ist", fragt sich etwa Leserin Antje Kräuter auf aerztezeitung.de "Wenn es Ärzte wären, würde die gesamte Politik die Juristen aufscheuchen, um denen das Handwerk zu legen", kommentiert Michael Hill mit Blick auf das kürzlich beschlossene Anti-Korruptionsgesetz.

Momentan werden im Zuge der Ermittlungen immer neue mutmaßliche Betrugsfälle, Details und Ungereimtheiten an die Oberfläche gespült. Jüngsten Medienberichten zufolge sollen nicht nur Pflegedienste, sondern auch Ärzte, Apotheker und Sanitätshäuser an möglichen unsauberen Abrechnungspraktiken beteiligt gewesen sein.

Bis die Ergebnisse von Durchsuchungen und anderen Maßnahmen der Behörden aufgearbeitet sind, wird es voraussichtlich noch einige Zeit dauern. Derweil wird unter politischen Verantwortungsträgern, Kostenträgern und Einrichtungen diskutiert, wie solchen Fällen in Zukunft beizukommen wäre, was ein gespaltenes Echo hervorruft.

Schutz durch Führungszeugnis?

Die bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnenholzner stellte etwa die Idee vor, ambulante Pflegedienste künftig dazu zu verpflichten, für leitende Pflegekräfte und deren Stellvertretung ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen.

Dazu äußert einer der Leser mit sarkastischem Unterton: "Ich besorge gerne ein polizeiliches Führungszeugnis, wenn es um Beträge von 20.000 bis 30.000 Euro monatlich geht in einem Bereich ohne Abrechnungsziffern und Überprüfung", schreibt Michael Hill. Dabei meint er den häufig sehr kostenintensiven Bereich der ambulanten Intensivpflege, der gemeinhin als lukratives Ziel für mögliche Manipulationen gilt.

Kasse fordert mehrKontrolle

Die AOK Bayern fordert indes "effektive Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten". Qualifikationsnachweise für das eingesetzte Pflegepersonal sollten den Kassen künftig verpflichtend vorgelegt werden. Die Leserin Carmen P. Baake sieht diesen Vorschlag kritisch. Sie sieht darin einen Vorstoß, um nichtmedizinische Sachbearbeiter auch in die Prüfung medizinischer Unterlagen einbinden zu können.

Für Baake sind weitere Kontrollmechanismen nicht unbedingt der richtige Weg. Die Kassen hätten nämlich bereits Möglichkeiten, um einzugreifen. "Die Krankenkassen können seit 15 Jahren im Rahmen der Qualitätsprüfungen auch die Abrechnung der vom Pflegedienst erbrachten Leistungen prüfen. Und machen sie das? So gut wie nie!"

Baake hat eigene Ideen, wie sich Betrügereien vermeiden ließen: "Regelt die Qualitätsanforderungen und die Zulassung von Anbietern für die häusliche Intensiv- und Beatmungspflege bundeseinheitlich, inkl. Preisen und Kontrollmöglichkeiten!"

Außerdem schlägt die Leserin vor, eine Regelung zu treffen, "die es allen potenziell betroffenen Behörden erlaubt, ihre Erkenntnisse im Fall eines vermuteten Abrechnungsbetruges abzugleichen und zusammenzuführen".

[10.05.2016, 19:18:19]
Diana Heinrichs 
Pflegebetrug: Vor dem Schwarzmarkt steht eine dicke Grauzone - zu Last der Familien
Als Kasse mehr Kontrolle zu fordern ist einfach. Liegt die Last bisher nicht vor allem bei den Angehörigen? Ob da etwas mehr Aufklärung wirklich hilft? Der Graubereich ist so groß, die Schlagzeilen sind nur die Spitze eines Eisbergs:

http://www.lindera.de/2016/05/10/pflegebetrug-vor-dem-schwarzmarkt-steht-eine-dicke-grauzone/

Diana Heinrichs zum Beitrag »

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