Ärzte Zeitung, 11.08.2017

Präventionsgesetz

Warum sich Muster 36 doch lohnt

Seit Jahresbeginn sind Ärzte aufgefordert, Risikopatienten eine Präventionsempfehlung auszustellen. Eine gesonderte Vergütung gibt es für Muster 36 nicht. Trotzdem birgt das Formular mehr als einen Compliance-Nutzen.

Von Rebekka Höhl

Warum sich Muster 36 doch lohnt

Das neue Muster 36 ist zwar keine echte Verordnung, dennoch schafft es bei Patienten Zugzwang.

© gpointstudio / stock.adobe.com

Seit gut zwei Jahren ist das Präventionsgesetz in Kraft. Es soll laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) die Gesundheitsförderung direkt im Lebensumfeld stärken und dafür sorgen, dass Früherkennungsuntersuchungen weiterentwickelt sowie der Impfschutz verbessert werden.

Generell spricht das Gesetz – neben den Kinder- und Jugendgesundheitsuntersuchungen, die einem festen Schema folgen – jedem gesetzlich Versicherten, der das 18. Lebensjahr vollendet hat, "alters-, geschlechts- und zielgruppengerechte ärztliche Gesundheitsuntersuchungen" zur Erfassung gesundheitlicher Risiken und zur Früherkennung von Krankheiten zu. Neu ist dabei, dass die Kassen per Gesetz verpflichtet werden, Präventionsempfehlungen des Arztes zu berücksichtigen (Paragraf 20 Abs. 5 SGB 5).

Doch wie so oft im Vertragsarztsystem, sind Ärzte auch in Sachen Präventionsleistungen und Vorsorgeuntersuchungen nicht völlig frei in ihren Entscheidungen – ja nicht einmal bei der Gestaltung der Präventionsempfehlung. Den Rahmen steckt auch hier der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) ab. Für Ärzte ist das Präventionsgesetz daher erst seit diesem Januar interessant: Seither greift nämlich die erste Änderung der GBA-Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinien, mit der die ärztliche Präventionsempfehlung konkretisiert wurde.

Viel Spielraum für Ärzte

Dabei hat der GBA das neue Formular recht offen gestaltet: Neben den gängigen Angaben zum Patienten und behandelnden Arzt wird aus vier Handlungsfeldern eine verhaltensbezogene Prävention ausgewählt: Bewegungsgewohnheiten, Ernährung, Stressmanagement und Suchtmittelkonsum. Daneben haben Ärzte die Möglichkeit, über das Feld "Sonstiges" auch andere Präventionsmaßnahmen zu empfehlen. Zusätzlich kann der Arzt in einem Freitextfeld seine Empfehlung konkretisieren – also spezielle Trainings oder Beratungen benennen.

Das schriftliche Dokument, das es seit Juli auch als offizielles "Muster 36" gibt, erfüllt in der Versorgung zwei wichtige Aufgaben: Zum einen stärkt es den Anspruch des Patienten gegenüber seiner Krankenkasse. Denn die Kasse ist, wie erwähnt, verpflichtet, die schriftliche Empfehlung des Arztes zu berücksichtigen. Dabei kann sie dem Patienten entweder selbst entsprechende Leistungen anbieten – ohne zusätzliche Kosten für den Versicherten. Sie muss ihm zumindest aber Vorschläge über von ihr bezuschussbare Angebote machen. Durch diese indirekte finanzielle Unterstützung könnten einige Patienten dazu bewegt werden, tatsächlich etwas gegen ihr persönliches Gesundheitsrisiko zu unternehmen.

Die schriftliche Empfehlung stärkt jedoch noch aus einem anderen Grund die Compliance: Sie stellt zwar keine echte Verordnung dar, für Patienten hat der Zettel vom Arzt aber häufig den Charakter eines Präventions-Rezeptes. Damit wird schon einmal die erste Hürde, sich um einen Ernährungs- oder Trainingskurs zu kümmern, eher genommen. Das gelingt noch mehr, wenn die Praxis vielleicht bereits eine Liste mit konkreten Angeboten mitgibt und die Medizinische Fachangestellte (MFA) beim nächsten Praxisbesuch nachfasst – ähnlich wie sie den Impfpass prüfen könnte.

Gesundheitsberatung lässt sich delegieren

Ein gutes Beispiel für eine Präventionsstrategie, die MFA einbezieht, hat das Versorgernetz "Gesundes Kinzigtal" aufgelegt. Dort läuft seit Juli ein Programm, in dem qualifizierte Mitarbeiter des Versorgungsnetzes oder MFA "Sprechstunden" anbieten, bei denen sie über Gesundheitsthemen und zugehörige Angebote informieren. Dabei überweisen die Ärzte entsprechende Risikopatienten per normalem Überweisungsschein an das Team der Gesundheitsberatung (wir berichteten). Das Gesunde Kinzigtal finanziert die Leistung aus seinem Netzwerk heraus: Für Kinzigtal-Mitglieder ist die Beratung kostenfrei, für Nicht-Mitglieder wird ein Obolus von 54 Euro verlangt.

Ein solches Kostenmodell können Praxen außerhalb von Netzverbünden zwar kaum aufsetzen, und eine gesonderte Vergütung gibt es für die Präventionsempfehlung nach Muster 36 auch nicht. Wirtschaftlich kann sich die Empfehlung und das Nachfassen durch die MFA aber dennoch für Praxen lohnen:

» Patienten, die therapietreu und gut eingestellt sind, erfordern in der Betreuung weniger Zeitaufwand, weil es seltener zu Akut-Problemen kommt. Bei den vielen pauschalierten Leistungen ist das durchaus relevant.

» Die Patientenbindung steigt und die Patienten fallen seltener durchs Vorsorgeraster. Die Gesundheitsuntersuchung bei Erwachsenen (EBM-GOP 01732, 31,91 Euro) zum Beispiel kann ab dem 36. Lebensjahr alle zwei Jahre erbracht und neben der Versichertenpauschale abgerechnet werden. Außerdem ist ein Zuschlag für die Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs (EBM-GOP 01746, 17,90 Euro) möglich.

Die Präventionsempfehlung ist übrigens an keine EBM-Ziffer gebunden, kann also bei jedem Behandlungsgrund ausgestellt werden. Eine Pflicht zur Ausstellung gibt es für Ärzte nicht, denn im Präventionsgesetz ist die Empfehlung lediglich als "Soll-Leistung" umgesetzt.

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