Ärzte Zeitung, 24.09.2015

Zukunft der Prävention

Betriebsärzte begeben sich auf die Suche

Wie steht es um die Zukunft der Prävention in Unternehmen? Betriebsärzte nehmen das Thema bei ihrem Kongress in Aachen unter die Lupe. Eine Arbeitnehmerbefragung zeigt: Es besteht durchaus Handlungsbedarf.

Von Matthias Wallenfels

Betriebsärzte begeben sich auf die Suche

Bei der Arbeitsplatzbegehung können Betriebsärzte individuelle Präventionsmaßnahmen empfehlen – zur Erhaltung der Arbeitskraft.

© VDBW

AACHEN/DORTMUND/STUTTGART. Die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) hat mit Inkrafttreten des Präventionsgesetzes am 25. Juli dieses Jahres an Bedeutung gewonnen. So sollen unter anderem die gesetzlichen Krankenkassen zwei Euro je Jahr und Versicherten in puncto BGF aufwenden.

Eine wichtige Frage ist dabei noch nicht geklärt: Welche Rolle sollen Betriebs- und Werksärzte bei der Prävention im Unternehmen spielen? Antworten will der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) auf seinem an diesem Donnerstag in Aachen startenden Deutschen Betriebsärzte-Kongress finden.

Weitere Schwerpunkt des Kongresses liegen nach Aussage von VDBW-Präsident Dr. Wolfgang Panter neben der Prävention von Erkrankungenauf den Arbeitsmedizinischen Regeln und Empfehlungen sowie der Problematik der Eignungsuntersuchungen, aber auch der Delegation betriebsärztlicher Aufgabenstellung sowie den Möglichkeiten der Telemedizin im arbeitsmedizinischen Alltag.

Herausforderung Demografiewandel

Die Frage, wie die Arbeitsmediziner die Prävention vom Vorstandszimmer bis zur Werkbank in den Unternehmen etablieren wollen, gewinnt angesichts des Demografiewandels in den eigenen Reihen an Brisanz.

Denn: Wie aus einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hervorgeht, sind - Stand 31.12.2013 - 57,8 Prozent der qualifizierten Betriebsmediziner 60 Jahre und älter. Aber nur 279 von 12.430 Betriebsärzten waren zu diesem Stichtag unter 40.

Dass in Sachen Vorsorge am Arbeitsplatz Handlungsbedarf besteht, zeigt exemplarisch ein Blick in die jüngst veröffentlichte Erwerbstätigenbefragung 2012 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) in Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) - eine repräsentative Erhebung unter 20.000 Erwerbstätigen in Deutschland.

Dort gab mit 21 Prozent rund jeder Fünfte an, in den vergangenen zwölf Monaten während oder nach der Arbeit unter Knieschmerzen zu leiden. Dabei steige die Quote mit dem Alter deutlich an. Insgesamt seien Männer etwas häufiger betroffen als Frauen. Die Ursachen der Erkrankung sind laut BAuA vielfältig, ein maßgeblicher Faktor seien die alltäglichen Arbeitsbedingungen.

Hohe Kniebelastungen träten vor allem bei ungünstigen Körperhaltungen, wie bei der Arbeit in kniender oder hockender Stellung und dem Heben und Tragen schwerer Lasten, auf. Ungünstige klimatische Bedingungen steigerten das Risiko für Knieschmerzen.

Dies verdeutliche ein Vergleich von Berufsgruppen: In der Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung, beim Bau oder in der Forstwirtschaft sei der Anteil der Betroffenen doppelt so hoch wie bei Verwaltungsangestellten. Hier werde auch am häufigsten in ungünstigen Körperhaltungen gearbeitet.

So berichteten nur etwa zwei Prozent der Manager, aber 40 Prozent der Beschäftigten aus dem Agrarbereich, dass sie regelmäßig in ungünstigen Körperhaltungen arbeiten. Zusätzlich sähen sich Beschäftigte aus diesen Bereichen oft noch weiteren körperlichen Belastungen ausgesetzt wie beispielsweise schwerem Heben und Tragen. Solche Belastungen erhöhen das Risiko für Knieschmerzen zusätzlich.

Anspruch auf Betriebsarztbesuch

Die BAuA empfiehlt, kniebelastende Tätigkeiten nach Möglichkeit auf eine Stunde am Tag zu beschränken. Hier stehen Maßnahmen der Arbeitsorganisation oder der Ergonomie zur Verfügung.

So gibt es zum Beispiel spezielle Geräte für Fußbodenverleger, mit denen der Kleber im Stehen statt im Knien aufgebracht werden kann. Wichtig sei außerdem, die Beschäftigten über eventuelle Gefährdung und Prävention aufzuklären.

So hat beispielsweise jeder, wie hervorgehoben wird, der über eine Stunde täglich im Knien oder Hocken arbeitet, Anrecht auf eine Beratung und Untersuchung durch den jeweiligen Betriebsarzt. Zusätzlich seien Maßnahmen der Gesundheitsförderung sinnvoll, die auf eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige knieentlastende sportliche Betätigung abzielen.

Präventionspakt bei Daimler

Dass vor allem die Großindustrie die Prävention im Betrieb ernst nimmt, um die Produktivität zu erhalten oder steigern, zeigt aktuell und exemplarisch der Autobauer Daimler. Dieser will den Gesundheitsschutz für seine Mitarbeiter stärken, wozu Personal-Vorstand Wilfried Porth und Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht am Dienstag in Sindelfingen ein entsprechendes Strategiepapier unterzeichneten, das unter anderem Leitlinien für bessere Fitness vorgibt.

Im Kern geht es darum, die durchschnittlich immer ältere Belegschaft möglichst lange im Unternehmen zu halten.

Als gesundheitsfördernde Maßnahme sieht Daimler Montageanlagen, auf denen Autokarossen geschwenkt oder angehoben werden - Werksarbeiter müssen sich dann nicht mehr verrenken, das Risiko von Rückenschäden sinkt. "Wir sind auf einem guten Weg, aber es ist noch viel zu tun", sagte Betriebschef Brecht. ( mit Material von dpa)

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