Ärzte Zeitung online, 19.02.2018

Wissen richtig nutzen

Aktionsplan soll Gesundheitskompetenz stärken

Fehlende Gesundheitskompetenz kostet Milliarden Euro. Ein Aktionsplan Gesundheitskompetenz soll die Menschen hierzulande schlauer in Sachen Gesundheit machen.

Von Anno Fricke

BERLIN. Deutlich mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland kennt sich im Gesundheitswesen nicht aus, verfügt über wenig Wissen zu Krankheiten und kann zudem Gesundheitsinformationen aus dem Internet nicht einordnen und bewerten. Folgen dieser Umfrageergebnisse der Universität Bielefeld von vor zwei Jahren sind die Allianz für Gesundheitskompetenz unter Federführung des Gesundheitsministeriums und seit Montag der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz einer privaten Initiative.

Was mangelndes Gesundheitswissen in der Bevölkerung bewirken kann, lässt sich im Gesundheitsgeschehen und seinen Finanzen unmittelbar besichtigen. Die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser sind voll, weil der ambulante Bereitschaftsdienst der Vertragsärzte zu wenig bekannt ist. Immer mehr Jugendliche leiden unter starkem Übergewicht. Rechnet man Untersuchungen aus Österreich hoch, kostet fehlende Gesundheitskompetenz in Deutschland zwischen drei und fünf Prozent der Behandlungskosten, mithin also rund zehn Milliarden Euro im Jahr.

Darauf geht der Gesetzgeber seit Jahren auf verschiedenen Ebenen ein. Auch im aktuellen Koalitionsvertrag von Union und SPD findet sich der Wille, Prävention und Orientierung im deutschen Gesundheitsdschungel zu stärken, außerdem auch das Ziel, via Reform des Medizinstudiums die Arzt-Patienten-Kommunikation zu stärken. Einen Durchbruch hat jetzt eine zivilgesellschaftliche Initiative erzielt.

Der AOK-Bundesverband, die Universität Bielefeld, die Hertie School of Government und die Robert Bosch Stiftung haben mit dem Nationalen Aktionsplan vier Handlungsfelder und 15 Empfehlungen formuliert.

    Die vier Handlungsfelder sind:

  1. Die Gesundheitskompetenz soll in allen Lebenswelten gefördert werden. So soll zum Beispiel das Erziehungs- und Bildungssystem in die Lage versetzt werden, die Förderung von Gesundheitskompetenz so früh wie möglich im Lebenslauf zu beginnen.
  2. Zudem soll die Navigation durch das Gesundheitssystem vereinfacht, Bürokratie abgebaut werden. Dazu sollte nach Ansicht der Autoren auch die Kommunikation zwischen den Gesundheitsprofessionen und den Patienten verständlich und wirksam gestaltet werden.
  3. Ein weiteres Feld zielt auf den Umgang mit chronischen Krankheiten ab. Hier sollten die Fähigkeiten von Menschen mit chronischen Krankheiten zum Selbstmanagement gestärkt werden.
  4. Begleitet werden sollen alle Aktivitäten durch eine systematische Erforschung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung.

Als "einmalig" bezeichnete der geschäftsführende Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Initiative bei der Vorstellung des Plans am Montag in Berlin. Der Inhalt des Plans sei ein Lastenheft für künftige Regierungen.

Er warnte davor, das Internet als Vermittler von Gesundheitsinformationan zu schlecht zu reden. Man solle vielmehr die Chancen des Mediums nutzen. Immerhin nutzten 40 Millionen Menschen regelmäßig das Internet als Informationsquelle in Gesundheitsfragen.

AOK-Chef Martin Litsch mahnte die Ärzte an, sich ihren Patienten gegenüber verständlich auszudrücken. So könnten auch sie zur Gesundheitskompetenz beitragen.

Zuvor hatte der Präsident der Bundesärztekammer Professor Frank Ulrich Montgomery mehr Zeit für die sprechende Medizin eingefordert: "Gebt den Ärzten mehr Zeit, dann können sie besser auf ihre Patienten eingehen", sagte Montgomery. Er verwies darauf, dass selbst für Ärzte das Gesundheitssystem zu kompliziert sein könne.

Haus- und Fachärzte sind nach wie vor die wichtigesten Informationsquellen für Patienten in Deutschland, wie sich in der Studie zeigt. Doch der Anteil der Befragten, die schon einmal Erklärungen der Ärzte nicht verstanden haben, ist hoch - 47,6 Prozent bei Fachärzten und 42,2 Prozent bei Hausärzten.

Professor Doris Schaeffer, eine der Initiatorinnen des Plans, forderte eine konkrete Unterstützung der Forschung an der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung durch das Bildungsministerium ein. Bislang sei die Forschung zu diesem Gegenstand unterbelichtet und komme nur langsam in Gang.

Ein einfacheres und nutzerfreundlicheres Gesundheitssystem als heute mahnte Sebastian Schmidt-Kaehler von der Patientenprojekte GmbH an. Es reiche nicht aus, einfach nur Bildungsangebote zu unterbreiten.

Der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverband Professor Rolf Rosenbrock stellte mangelnde Gesundheitskompetenz in einen sozialen Zusammenhang. Die hohe soziale Ungleichheit in Deutschland sei skandalös.

Tatsächlich hatte die Untersuchung der Universität Bielefeld ergeben, dass vor allem unter Migranten und armen Menschen der Mangel an Gesundheitswissen besonders ausgeprägt ist.

Auch in anderen Staaten tun sich Bürger mitunter sehr schwer, Gesundheitsinformationen zu verstehen. Nicht so in den Niederlanden, wie ein Vergleich der Gesundheitskompetenz in ausgewählten europäischen Ländern zeigt: Jeder vierte Niederländer verfügt über eine exzellente Gesundheitskompetenz, heißt es in einer von europäischen Wissenschaftlern 2015 publizierten Studie (Eur J Public Health. 2015 Dec; 25(6): 1053–1058). (Mitarbeit: ths) 

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kompetenz zahlt sich aus

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[20.02.2018, 15:46:17]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Medizin/Medizinische Versorgung erfordern eher Krankheits- als "Gesundheits"-Kompetenz!
Bedaure, aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die Begrifflichkeit "Gesundheitskompetenz", im internationalen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch "Health Literacy", nichts anderes als ein euphemistisch-beschönigender Etikettenschwindel ist.

"Gesundheits"-Forscher und Wissenschaftler
Eher medizinbildungs- und versorgungs-fern theoretisierend agierende "Gesundheits"-Forscher und Wissenschaftler versuchen, ein neues Fachgebiet zu etablieren, um dem Zeitgeist zu folgen: In dem fachspezifisch die Deutungshoheit von der Krankheit zur Gesundheit verschoben bzw. das Wissen darüber zum Alleinstellungsmerkmal werden soll.

Die dazugehörige deutsch/englische Publikation "Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland - Ergebnisse einer repräsentativen Befragung
Health literacy in the German population — results of a representative survey im Dtsch Arztebl Int 2017; 114(4): 53-60;
DOI: 10.3238/arztebl.2017.0053
von Doris Schaeffer et al. wird nicht nur von mir kritisiert:

Kontroverse
"Fragebogen nicht weiter einsetzen | Questionnaire Should not Be Used any Longer" fordern Steckelberg, Anke; Meyer, Gabriele; Mühlhauser, Ingrid im
Dtsch Arztebl Int 2017; 114(18): 330; DOI: 10.3238/arztebl.2017.0330a
"zu dem Beitrag Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von Prof. Dr. phil. Doris Schaeffer, Dr. PH Eva-Maria Berens, MSc., Dominique Vogt, MSc. PH in Heft 4/2017".

Und in der Tat, so finden sich in dem zu Grunde liegenden Befragungsinventar nur und ausschließlich Fragen nach Wissen über Krankheit, Krankheitssymptome und Vorgehensweisen bei konkret benannten Krankheitszuständen. https://www.aerzteblatt.de/int/archive/article/185758/Health-literacy-in-the-German-population-results-of-a-representative-survey

eTable 1
Percentage responses to the HLS-EU-Q47*1 for the total sample of HLS-GER*2
Dtsch Arztebl Int 2017; 114(4): 53-60; DOI: 10.3238/arztebl.2017.0053

Was ist eigentlich „Health Literacy“?
Korrekt ins Deutsche übersetzt wäre das eine möglichst umfassende Kunde von Gesundheit. „Literacy“ im engeren Sinne ist die Fähigkeit, mit basalen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen umgehen zu können („Literacy is traditionally understood as the ability to read, write, and use arithmetic“).
Der Begriff „Literacy“ ist durch die moderne Sozialforschung umfassend erweitert und modernisiert worden: „The modern term's meaning has been expanded to include the ability to use language, numbers, images, computers, and other basic means to understand, communicate, gain useful knowledge and use the dominant symbol systems of a culture. The concept of literacy is expanding in OECD countries to include skills to access knowledge through technology and ability to assess complex contexts“, so Wikipedia.

Wissenschaftstheoretischer Wasserkopf
Damit ist die „Gesundheitskunde“ als umfassendes Schul- und lebenslanges Lern-Fach zu Sprach-, Zahlen-, Bilder-, Computer-, Verständnis-, Kommunikations- und Semiotik-Wissenschaften hochstilisiert worden, um technologischen Wissenserwerb und Verständnis komplexer Zusammenhänge zu erreichen.
Mit diesem wissenschaftstheoretisch völlig überladenen „Wasserkopf“ wollen sich Medizin-, Krankheits- und Versorgungs-bildungsferne sozialwissenschaftliche Experten/-innen als Gesundheitsforscher und Gesundheitswissenschaftler profilieren und über ihren neuen Wissenszweig Alleinstellungsmerkmale und weiteres Herrschaftswissen aufbauen. Die niedergelassenen Vertragsärzte, insbesondere die primär bei Krankheits-, Gesundheits- und Präventionsfragen in Anspruch genommenen Familien- und Hausärzte wurden in einer sich permanent verändernden Wissenschafts-Gesellschaft in einem dauerhaften Diskurs über unterschiedliche Bewältigungs-Strategien bei Schwangerschaft, Geburt, Leben, Krankheit, Gesundheit, Vorsorge, Früherkennung, Chronizität, Behinderung, Palliation und Sterben gar nicht erst berücksichtigt.

Humanmedizin falsch eingeschätztz
Was hat das alles mit der medizinischen Profession, mit Ärztinnen und Ärzten oder mit unseren Patienten/-innen in Klinik, Forschung und Praxis zu tun? Unser humanmedizinisches „Kerngeschäft“ mit Krankheiten bzw. Krank-Sein unserer Patienten über Anamnese, Untersuchung, Differenzial-Diagnosen, Beratungen, multidimensionalen Therapien, Palliation, privat- und vertragsärztlicher Praxis, Krankenhäuser und Universitäten wurde und wird von allen Vertretern der alleinigen Aspekte „Gesundheit“ und „Gesundbeten“ falsch eingeschätzt. 


Das DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) beschreibt einige zehntausend Krankheitsentitäten nach der Internationalen ICD-10-GM-Nomenklatur: Nach ICD-Diagnosen-Thesaurus, Version 4.0, wurden ca. 31.200 beschrieben. Die aktuelle Version der ICD-10 GM 2014 listet in seiner Systematik ca. 13.400 endständige Kodes auf und verfügt in seinem ICD-10 Alphabet über ca. 76.900 Einträge in der EDV-Fassung.
Unsere Kernkompetenz sind die Zehntausenden von Krankheitsentitäten, die ambulanten/stationären Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlung, Operationen, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischen/diastolischen/pulmonalen Hypertonien, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten und Komplikationen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Nierenversagen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten/Prionen oder chronischen Schmerzen, um nur Einiges zu nennen.

Medizinische Wissenschafts- und Erkenntnistheorie im Fluss
Da hilft auch eine wie auch immer geartete "Health Literacy" unseren Patienten/-innen nicht weiter. Zumal sich medizische Erkenntnisse in Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, Labor, Apparate-Medizin, Psychosomatik, mehrdimensionaler Therapie, Schmerzlinderung, Palliation und Sterbebegleitung permanent weiterentwickeln, in Frage stellen oder revidieren lassen müssen. Trotzdem wird gegenüber Medien, Politik und Öffentlichkeit insbesondere von Medizinbildungs- und Versorgungsfernen Schichten in Wissenschaft und Praxis immer so getan, als ob Patienten selbst wesentlich klüger und allwissender sein müssten bzw. könnten, als ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Ein einheitlich zuverlässig beurteilbares Laien- und Expertenwissen kann es, wie in allen anderen Wissenschaftsdisziplinen auch, schon gar nicht in der Humanmedizin mit ihrer ständig changierenden "conditio humana" geben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Quelle:
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3875-health-literacy-ist-das-kunst-oder-kann-das-weg/

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