Ärzte Zeitung, 13.12.2016
 

E-Health

Tödliche Malaria-Form mit dem Smartphone erkennen

Ophthalmologen sind in Entwicklungsländern rar. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen setzt in Mali deshalb auf eine App-Lösung: Mit einem Aufstecksystem auf dem Handy können selbst Laien zerebraler Malaria diagnostizieren.

Von Matthias Wallenfels

Tödliche Malaria-Form mit dem Smartphone erkennen

Anophelesmücken dienen als Überträger der Malaria auslösenden Sporozoiten.

© Vladimir Vitek / fotolia.com

Modernsten IT-Lösungen – E-Health und Telemedizin, aber auch Gesundheits-Apps – wird ein immenses Potenzial zur disruptiven Entwicklung der teils maroden medizinischen Infrastrukturen in vielen Entwicklungsländern zugetraut.

Als Paradebeispiel dafür könnte sich ein jüngst von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières/MSF) vorgestelltes Projekt in Mali entpuppen. Der SmartphoneAugen-Scanner "Portable Eye Examination Kit" (PEEK) soll, so MSF, helfen, Kinder mit zerebraler Malaria tropica zu diagnostizieren.

Das Auftreten von zentralnervösen Erscheinungen, wie Krampfanfällen und Bewusstseinstrübungen bis zum Koma, ist laut Robert Koch-Institut Ausdruck einer zerebralen Malaria, die unbehandelt zum Tod führen kann.

Aufsteck-Satz für Smartphone

Wie die MSF-Spezialistin für Tropenmedizin Estrella Lasry erläutert, handelt es sich bei PEEK um ein aufsteckbares Gerät und eine App. Gemeinsam ermögliche dieses System den medizinischen Teams der MSF, mit einem konventionellen Smartphone die Augen von Patienten zu untersuchen.

Ein wissenschaftliches Team an der Schule für Hygiene und Tropenmedizin in London habe das Tool in Zusammenarbeit mit der Universität von Strathclyde entwickelt.

Zur Untersuchung der Retina werde entweder ein Ophthalmoskop genutzt oder die binokulare indirekte Ophthalmoskopie eingesetzt. Bei Letzterer handele es sich um eine ausgeklügelte und teure Technik, die zum einen nur von Ophthalmologen angewendet werden könne und zum anderen in den Einsatzländern der ehrenamtlichen medizinischen Helfer kaum oder überhaupt nicht verfügbar sei.

Preiswert und sogar von Laien bedienbar

PEEK mache die genuine ophthalmologische Expertise überflüssig und sei im Gegensatz dazu auch noch einfach, billig und zugänglich. Nach ein paar Tagen Schulung könne es sowohl von jedem nicht-spezialisierten Mediziner als auch von einem Augenarzt verwendet werden.

Getestet werde der neue Ansatz in der pädiatrischen Abteilung im MSF-Krankenhaus in der südmalischen Stadt Koutiala in der Verwaltungsregion Sikasso. Dort würden sehr viele Kinder unter fünf Jahre versorgt.

Viele dieser Kinder litten an zerebraler Malaria und fielen ins Koma. Ein zentrales Problem sei, dass die zerebrale Malaria sehr leicht mit anderen Krankheiten verwechselt werden könne. Exemplarisch wird die Meningitis genannt.

Wie die Hilfsorganisation beschreibt, biete sich ihr vor Ort eine steigende Anzahl an Kindern mit Verdacht auf zerebrale Malaria. Dabei könnten die Helfer aber mit den nur eingeschränkten diagnostischen Möglichkeiten nicht mit Sicherheit sagen, an welcher Krankheit sie wirklich leiden – und welche Behandlung die richtige ist. Das soll PEEK nun ändern.

Der PEEK-Aufsatz werde auf ein Smartphone gesteckt. Mit dem eingebauten Licht des Handys leuchte der Arzt in die erweiterte Pupille des Patienten. Der Aufsatz bündle das Licht und fokussiere automatisch die Netzhaut. Das Display des Handys zeige eine Nahaufnahme der Netzhaut. Diese Bilder würden aufgenommen und abgespeichert.

Einfachs Einholen einer Zweitmeinung, direkte Dokumentation

Nun könnten die Aufnahmen im medizinischen Team diagnostiziert oder auch via E-Mail an Fachkollegen geschickt werden, um eine Zweitmeinung einzuholen. Zusammen mit dem Aufsatz gibt es auch eine App, die Notizen zu den Fällen im Smartphone speichere. So seien alle Informationen zusammen an einem Ort.

Dort, wo Ärzte ohne Grenzen arbeite, sei eine Biopsie am Gehirn kaum möglich, weswegen die Netzhaut untersucht werden müsse. Bei zerebraler Malaria verändere sich die Netzhaut in eine Malaria-Retinopathie.

Diese Veränderungen bestätigten, dass der Patient zerebrale Malaria habe – auch wenn er möglicherweise noch an anderen Krankheiten leide.

"Solche Einblicke ermöglichen uns auch eine ungefähre Prognose – je mehr Veränderungen bereits zu erkennen sind, desto wahrscheinlich ist es, dass die Krankheit tödlich verlaufen wird. Das zu wissen, hilft uns dabei, die Familie der Betroffenen auf den möglichen Ausgang vorzubereiten", heißt es bei MSF.

Prototyp noch nicht zum Einsatz freigegeben

Wie MSF einschränkend mitteilt, ist der PEEK-Prototyp noch nicht freigegeben, aber schon jetzt überall nachgefragt. MSF wolle PEEK später auch zur Diagnose anderer Krankheiten wie Diabetes oder HIV einsetzen, die ebenfalls mit Veränderungen der Netzhaut einhergehen.

Innovative Lösungen wie PEEK könnten – wenn sie sich im Versorgungsalltag bewähren – noch für einen positiven Nebeneffekt sorgen. Denn jüngst haben die Vereinten Nationen vor einer Unterdeckung an Gesundheitspersonal gerade in Entwicklungsländern in Höhe von 18 Millionen Menschen gewarnt.

Solche auch telemedizinisch ausgerichteten Lösungen könnten die Facharztexpertise vor Ort entbehrlich machen, ohne die auch von der UNO angestrebte Steigerung der Versorgungsqualität zu behindern.

[13.12.2016, 16:52:09]
Thomas Georg Schätzler 
Jetzt bräuchten wir nur noch ...
eine alles entscheidende Therapie dieser verheerenden zerebralen Malaria, um den Betroffenen und ihren Angehörigen wirksam helfen zu können.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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