Ärzte Zeitung online, 24.08.2019

Anlagen-Kolumne

Verfrühte Angst vor Rezession?

Von Richard Haimann

In diesem August geschah für Anleger scheinbar Alarmierendes: Erstmals seit 2007 fiel die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen unter die von Staatsanleihen zweijähriger Laufzeit.

Die Aktienkurse in USA und Europa brachen noch am selben Tag um jeweils mehr als zwei Prozent ein. Denn eine solche, im Branchenjargon „inverse Zinsstruktur“ genannte Entwicklung am Anleihemarkt gilt als Vorbote einer Rezession.

Anleihen werden mit einem fixen Zins begeben. Der Staat verpflichtet sich, Investoren, die ihm Geld leihen, eine Rendite von X Prozent pro Jahr zu zahlen. Dabei bietet er höhere Zinsen für Anleihen mit langer Laufzeit, um Kapital über möglichst viele Jahre an sich zu binden. Nach der Emission werden Anleihen an den Börsen gehandelt.

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Sind Anleger bereit, für eine Anleihe, die bei der Emission 100 Dollar gekostet hat und einen jährlichen Zinsertrag von zwei Dollar abwirft, nun 110 Dollar zu zahlen, so schrumpft die Rendite der Papiere von ursprünglich zwei auf 1,8 Prozent.

Zur inversen Zinsstruktur kommt es, wenn sehr viele Investoren eine starke Abkühlung der Wirtschaft befürchten und ihr Kapital langfristig sicher anlegen wollen. Dann zahlen sie für zehnjährige Anleihen so hohe Preise, dass deren Renditen unterhalb des Ertrags von Papieren mit nur zweijähriger Laufzeit sinkt.

Mithin resultiert eine inverse Zinsstruktur aus der negativen Erwartungshaltung der Investoren. Daraus ist allerdings nicht mit Sicherheit abzuleiten, dass die US-Wirtschaft demnächst tatsächlich in die Rezession rutscht. Derzeit sieht es auch nicht danach aus.

Ganz im Gegenteil: Die US-Konjunktur brummt, der Arbeitsmarkt ist robust. Etliche US-Konzerne haben ihre Dividenden erhöht. Die jüngsten Kurseinbrüche haben deren Aktien nun billiger gemacht. Für Dividendenjäger ist das nicht schlecht.

Richard Haimann ist freier Wirtschaftsjournalist in Hamburg. Er schreibt über Finanzthemen für in- und ausländische Publikationen.

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