Ärzte Zeitung online, 21.09.2019

Gemüsefleisch

Bei Anlegern kehrt Ernüchterung ein

Die Anzahl der Vegetarier und Veganer wächst weltweit rapide. Auf den Megatrend setzen Unternehmen, die pflanzlichen Fleischersatz anbieten. Doch Analysten halten deren Aktien inzwischen für überteuert.

Von Richard Haimann

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Schwer im Trend: Fleischersatz für Vegetarier und Veganer.

© Magdalena Bujak / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Es ist der beste Börsengang seit der Jahrtausendwende: Als die Aktien von Beyond Meat, spezialisiert auf die Produktion veganen Fleischersatzes aus Erbsenproteinen und dem Saft von Roten Beeten, am 2. Mai dieses Jahres erstmals in New York gehandelt werden, schießt deren Kurs auf 65,76 Dollar in die Höhe – ein Plus von sensationellen 163 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis.

In den folgenden Wochen erreichen die Notierungen des auch an deutschen Börsen gehandelten Wertes einen Spitzenpreis von 235 Dollar (211 Euro) – nur um seither wieder zu fallen. Vergangene Woche war eine Aktie noch 144 Euro wert. Ein Verlust von 32 Prozent in zwei Monaten.

Der Konsum veganer Lebensmittel hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Megatrend in den Industrienationen entwickelt. „Bei den Verbrauchern findet ein deutliches Umdenken statt“, sagt Udo Rieder, Anlagestratege bei der KSW Vermögensverwaltung in Nürnberg.

Immer mehr Konsumenten in Europa, Nordamerika, Australien und Japan lehnen die Massentierhaltung ab, etliche verzichten ganz oder überwiegend auf Fleisch. Längst führen nicht länger nur Reformhäuser und Bioläden Ersatzfleischprodukte, sondern auch Lebensmitteldiscounter.

Fleischlos glücklich

Allein in Deutschland ernähren sich nach einer Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach bereits rund acht Millionen Menschen vegetarisch und 1,3 Millionen vegan – und täglich kommen 2000 Vegetarier und 200 Veganer hinzu. Veganer verzichten auf jeglichen Gebrauch tierischer Produkte, Vegetarier hingegen verzehren Eier, Milch und Honig, lehnen jedoch den Verzehr von Tieren ab.

Nach Angaben der dem Tierschutz verpflichteten Albert-Schweitzer-Stiftung in München wurden vergangenes Jahr weltweit Fleischalternativen im Gesamtwert von 4,63 Milliarden Dollar (rund 4,2 Milliarden Euro) umgesetzt. Die Londoner Wirtschaftsberatungsgesellschaft Future Markets Inside prognostiziert, dass der Markt bis 2029 jährlich um knapp fünf Prozent zulegen wird.

Dennoch hat die Entwicklung der Aktienkurse von Unternehmen, die einzig oder hauptsächlich vegetarische oder vegane Lebensmittel anbieten, in den vergangenen Jahren enttäuscht. Die Börsennotierung der Hain Celestial Group aus Lake Success im US-Bundesstaat New York ist zwar von 2009 bis Sommer 2015 um 870 Prozent in die Höhe geschossen, seither jedoch um 67 Prozent auf knapp 20 Euro eingebrochen.

Die Aktie des australischen Anbieters von veganen und Biolebensmitteln So Natural verlor in den vergangenen zwölf Monaten knapp 30 Prozent. Mit den Kursverlusten der vergangenen Monate „scheint sich Beyond Meat in dieses Muster perfekt einzureihen“, so Stratege Rieder.

Was die Aktie von Beyond Meat unter Druck gebracht hat, sind durchwachsene Zahlen im 2. Quartal dieses Jahres. Zwar verbesserten sich von Anfang April bis Ende Juni die Verkäufe um 287 Prozent auf 67,3 Millionen Dollar. Zugleich nahmen die Verluste gegenüber der Vergleichsperiode jedoch um 27 Prozent auf 9,4 Millionen Dollar zu.

Brian Holland, Analyst bei der US-Investmentbank D.A. Davidson, findet die Zahlen in Relation zum vorherigen Kursanstieg enttäuschend und hat die Aktie mit „Untergewichten“ eingestuft – im Börsenjargon entspricht dies dem Rat, das Papier zu verkaufen. Die Quartalszahlen zeigten, dass „es wahrscheinlich weniger Käufer von pflanzlichem Fleisch gibt“, als die viele Investoren beim Börsengang angenommen hätten, so Holland.

Abwarten, dass Kurse weiter sinken

Das bedeute aber nicht, dass die Fleischersatz-Anbieter kein erfolgversprechendes Geschäftsmodell hätten. Die Erwartungen der Börsianer an Umsatz und Gewinn seien jedoch „einfach zu hoch gewesen“, meint Holland. Langfristig sei Beyond Meat, dessen Produkte inzwischen sogar von der US-Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken in einigen Filialen angeboten werde, gut aufgestellt. „Bis 2028 könnten sie auf einen Anteil von 31 Prozent am weltweiten Markt für pflanzliches Fleisch kommen.“

Aktuell wird die Aktie von Beyond Meat zum 550-fachen des für 2020 erwarteten Jahresgewinns gehandelt. Papiere anderer Lebensmittelkonzerne wie etwa Danone oder Unilever kosten nicht einmal das 20-fache. Für Anleger heißt das, die Aktien von Anbietern vegetarischer und veganer Lebensmittel werden wieder interessant, sobald deren Preise weiter gesunken sind. Bis dahin, sagt Stratege Rieder, sei es „vielleicht besser, vegan zu essen, als in vegane Aktien zu investieren“.

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