Ärzte Zeitung, 11.09.2008

Hintergrund

Vor allem die Kosten treiben Patienten aus Europa und den USA in die Kliniken Asiens

Dienstleistungen in der Gesundheitswirtschaft werden von Einheimischen für Einheimische hergestellt? Dieser Satz gilt nicht mehr. Krankenhäuser in aller Welt buhlen um Patienten aus aller Welt.

Von Anno Fricke

Dubai plant für die entstehende Healthcare City bis 2010 eine Aufstockung der Krankenhausbetten von derzeit 3000 auf dann 6000.

Foto: Wittberger/PIXELIO

Das heutige Datum spielt für die Globalisierung des Marktes für Gesundheitsdienstleistungen eine entscheidende Rolle. Nach den Anschlägen am 11. September 2001 verschärften die USA ihre Einreisebestimmungen drastisch. Seither lassen sich reiche Araber lieber in Europa behandeln. Oder sie fliegen in die Golfregion.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind leistungsfähige Kliniken entstanden, die den Vergleich mit europäischen und amerikanischen Häusern nicht zu scheuen brauchen. In Dubai soll sich durch den Ausbau der Dubai Healthcare City die Zahl der Klinikbetten von derzeit 3000 auf 6000 im Jahr 2010 verdoppeln. Und das sei nicht das Ende der Fahnenstange, wie der Marketingdirektor des Universitätskrankenhauses in Dubai, Foteh Tleel, am Montag in Berlin ankündigte. Eine ganze Stadt voller Medical-Wellness-Angebote soll bis 2011 aus dem Boden gestampft werden, um das schulmedizinische Angebot zu ergänzen.

In der Folge der tragischen Ereignisse in New York haben auch Indien und Thailand eine medizinische Infrastruktur auf hohem Niveau geschaffen. Nicht unbedingt für die arme einheimische Bevölkerung, sondern um zahlungskräftige Patienten aus aller Herren Länder anzulocken. Mit 420 000 Patienten meldet die private Bumrungrad Klinik in Bangkok die höchste Zahl jährlich versorgter ausländischer Medizintouristen weltweit.

Eine wichtige Zielgruppe sind die US-Amerikaner. Etwa 40 Millionen US-Bürger haben gar keine Krankenversicherung. Weitere zig Millionen gelten als unterversichert. Hohe Zuzahlungen sind die Regel. Viele Behandlungen sind unerschwinglich. Die Amerikanische Krankenhausvereinigung geht davon aus, dass sich bis zu 700 000 US-Bürger pro Jahr lieber im Ausland operieren lassen würden, als für eine Behandlung im Inland ihr Erspartes zu opfern. Eine neue Hüfte kostet einen Amerikaner in den USA etwa 25 000 Dollar. In Asien bezahlt er dafür nur ein Drittel dieses Preises.

420 000 ausländische Patienten werden jährlich in Bumrungrad behandelt.

Diese Preisschere hat auch schon die Politiker und Wirtschaftsvertreter hellhörig und aktiv werden lassen. Eine Arbeitsgruppe des US-Senats untersucht seit zwei Jahren, ob man Amerikaner nicht einfach zur Behandlung ins Ausland schicken soll, um das marode öffentliche Gesundheitssystem zu entlasten. Auf Einsparungen zielt auch eine Anfrage von General Motors im Juni dieses Jahres. Der Automobilhersteller will ein Medizintourismus-Programm für seine Angestellten und Rentner auflegen. Grund sind Kostenübernahmeverpflichtungen für Behandlungen, die der Konzern seinen Mitarbeitern in besseren Jahren versprochen hatte.

Noch zieht der amerikanische Staat Zäune um sein Gesundheitswesen. Zum Beispiel gibt es in vielen US-Staaten Gesetze, die es ausländischen Ärzten verbieten, per Internet oder Telefon US-Bürger medizinisch zu beraten. Das erschwert die Nachsorge.

Und Deutschland? 80 Prozent der deutschen Kliniken wollten in das Geschäft mit ausländischen Patienten investieren, meldete das Chirurgie-Portal bereits 2005. Geschehen ist wenig. Dabei hätten es die klammen, deutschen Krankenhäuser bitter nötig, von diesem Kuchen etwas abzubekommen. Aber bislang ist der Erfolg eher mau. Wenige zehntausend Patienten im Jahr, vor allem aus Russland und den arabischen Ländern, suchen Hilfe bei der deutschen Spitzenmedizin. Institutionalisiert ist der Medizintourismus nach Deutschland durch die Kooperationsverträge mit Norwegen, Dänemark und Großbritannien. Die ermöglichen es Patienten, die in ihren Heimatländern auf der Warteliste stehen, zur Operation nach Deutschland zu reisen.

Der Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, setzt auf die Wettbewerbsfähigkeit: "Die Fallkosten sind in Deutschland niedrig, der Standort mithin im internationalen Vergleich effektiv".Die deutschen Kliniken sollten nicht auf ausländische Patienten warten, sondern ihr Heil gleich im Ausland suchen, rät Axel Baur von der Unternehmensberatung McKinsey. Dort winkten 20 Milliarden Euro Umsatz im Jahr zusätzlich zu den Umsätzen in Deutschland. Erkannt haben das nicht nur private Krankenhausketten wie Fresenius und Asklepios. Auch das Universitätsklinikum Eppendorf ist ins Auslandsgeschäft eingestiegen. In den Schwellenländern der Golfregion bauen die Hamburger Krankenhäuser mit auf und vermarkten ihr Know-how.

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