Ärzte Zeitung, 03.03.2017
 

Klinikambulanz

Ärzte wollen Patienten nicht wegschicken

In Windeseile sollen Klinikärzte demnächst klären, ob ein Patient zu Recht in der Notaufnahme sitzt oder an die ambulante Bereitschaft zu verweisen ist. – Viele wollen da nicht mitspielen.

Von Christoph Winnat

Ärzte wollen Patienten nicht wegschicken

© Sebastian Kahnert / dpa

OFFENBACH. Die bevorstehende Einführung einer neuen Abklärungspauschale für Patienten, die medizinisch unbegründet in der Notaufnahme von Kliniken vorstellig werden, sorgt bundesweit für Kritik. Die Arbeitsgemeinschaft Zentraler Notaufnahmen Hessen warnte bei einem Pressegespräch am Mittwoch im Sana Klinikum Offenbach, der Schnell-Check mit in der Folge Zuweisung an die ambulante Versorgung setze "Notfallpatienten unkalkulierbaren Risiken aus".

Zur Erinnerung: Mitte Dezember wurde im erweiterten Bewertungsausschuss die Reform des Notdiensthonorars zum 1. April dieses Jahres beschlossen. Ein Baustein ist die Abklärungspauschale (EBM-Ziffern 01205 und 01207), die sich die Krankenhausvertreter ausdrücklich gewünscht hatten. Allerdings ist die Dotierung mit 45 Punkten (4,74 Euro) zu regulären Zeiten wochentags und 80 Punkten (8,42 Euro) nachts, wochenends sowie an Feiertagen ausgesprochen karg bemessen.

Seinerzeit hatte das die Deutsche Krankenhausgesellschaft bereits als "diskreditierende Bewertung ärztlicher Leistungen" kommentiert. In Hessen haut man jetzt in die gleiche Kerbe. Die Vergütung der Sichtungsprüfung entspreche "einer ärztlichen Arbeitszeit von zwei Minuten". Auf diese Weise würden Entscheidungen provoziert, "die mit ärztlicher Verantwortung und Sorgfaltspflicht unvereinbar sind".

In Hessen betrage der Scheinschnitt einer ambulanten Behandlung in der Notaufnahme derzeit 30 Euro, rechnet die AG vor. Damit würden die Kliniken pro Fall um die 100 Euro Verlust einfahren. Demnächst nehme das Defizit exorbitant zu, erwartet Sascha John, Geschäftsführer des Sana Klinikums Offenbach. Denn einfach achselzuckend wegschicken wollen die hessischen Notärzte ihre Patienten auch in Zukunft nicht. Man werde weiterhin "sorgfältig und angemessen behandeln", heißt es. Und dabei, betont AG-Sprecher Dr. Daniel Kiefl, beachteten die Kliniken ja auch den Grundsatz "ambulant vor stationär". Berechtigte Leistungen sollten deshalb honoriert werden.

Position gegen die neue Pauschale bezog am Mittwoch auch Dr. Theodor Windhorst, Kammerpräsident in Westfalen-Lippe: Es gehe nicht an, "Menschen mit einem akuten Gesundheitsproblem von einer Stelle zur nächsten zu schicken. Wenn sich ein Patient an einen Arzt im Krankenhaus wendet, muss er behandelt werden, das gebieten Recht und Ethik". Die Sichtungspauschale sei "Unsinn". Sowohl Patienten als auch Ärzte, fordert Windhorst, seien vor den Konsequenzen zu schützen, die drohten, wenn sich ein vermeintlich ambulanter Krankheitsfall auf den zweiten Blick anders entwickelt als zunächst eingeschätzt.

[04.03.2017, 17:00:34]
Jens Wasserberg 
zweierlei Maß
Dass es in den Praxen der niedergelassenen Ärzteschaft seit Jahren üblich ist, dass viele Patienten den Praxen trotz extrem aufwändiger Untersuchungen gar kein Honorar einbringen, also noch nicht einmal 4,- € , ist ein eklatanter Skandal, über den sich die Kliniken so nicht aufregen. Nun wollen diese Kliniken aber aus dem Honorartopf eben dieser Ärzte für jeden Patienten, der sie zumeist ohne ausreichenden Grund in Anspruch nimmt, ein Honorar erhalten für eine oftmals nicht einmal fachärztliche Behandlung zu Praxisöffnungszeiten.
Die niedergelassene Ärzteschaft soll den Krankenhäusern die Fehlinanspruchnahme durch die Patienten bezahlen. Das ist der Kern der aktuellen Diskussion. Eine Forderung nach Bezahlung aller Inanspruchnahmen wäre konsequent, wird aber nicht von den KH gestellt. Es scheint erfolgversprechender, sich das Geld bei den Niedergelassenen zu holen.
Man fordert ein Honorar aus dem Topf der Niedergelassenen, was einem Vielfachen einer Quartalsvergütung entspricht, wohl wissend, woher dieses Honorar kommen soll.
Die Politik sieht genüsslich zu und wartet ab, wer sich in diesem für die Öffentlichkeit kostenlosen Schauspiel durchsetzt. Am Ende bezahlen die Ärzte oder die Krankenhäuser diese von der Politik geduldete Fehlinanspruchnahme.
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[03.03.2017, 19:09:01]
Henning Fischer 
WANZ

wirtschaftlich - ausreichend - notwendig und zweckmäßig

ist die Behandlung in Notfallambulanzen ganz überwiegend NICHT

und dürfte somit von den Kassen auch NICHT bezahlt werden.

Typisch Deutschland: Gesetze und Vorschriften werden so verbogen, daß es den Machthabern paßt.
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[03.03.2017, 19:04:50]
Edith Gasskupfer 
Vermehrte Selbstjustiz muss logische und nachvollziehbare Folge sein
Die Frechheit den Beitragszahler abzuwimmeln, wird den grundlos Eingebildeten, noch teuer zu stehen kommen.
Die 40 Seiten umfassende unakademische Promotion schützt nicht mehr.
Man erinnere sich an MKG Charité . Auch untereinander erschießen sich Ärzte neuerdings (Marburg) zum Beitrag »
[03.03.2017, 16:47:36]
Wolfgang Bensch 
zum Behandlungsvertrag nach BGB Paragraph 630
(3) Weiß der Behandelnde, dass eine vollständige Übernahme der Behandlungskosten durch einen Dritten nicht gesichert ist oder ergeben sich nach den Umständen hierfür hinreichende Anhaltspunkte, muss er den Patienten vor Beginn der Behandlung über die voraussichtlichen Kosten der Behandlung in Textform informieren. Weitergehende Formanforderungen aus anderen Vorschriften bleiben unberührt.

Ein interessanter Passus - vor allem wenn es um Kosten im Rahmen der GKV dabei gehen sollte ... ist aber wohl eher der privaten Krankenversicherung vorbehalten. zum Beitrag »
[03.03.2017, 16:45:08]
Thomas Georg Schätzler 
Selektion an der Krankenhaus-"Rampe" instinktlos!
Man kann kaum glauben, was der "Erweiterte Bewertungsausschuss" da in offensichtlicher Unkenntnis und Fehleinschätzung der ambulanten/stationären Notfallversorgung beschlossen hat.

Unter
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/b/bewertungsausschuss.html
ist ein "Erweiterter Bewertungsausschuss" wie folgt definiert:

"Kommt im Bewertungsausschuss eine Einigung über den EBM ganz oder teilweise nicht zu Stande, kann der erweiterte Bewertungsausschuss auf Verlangen von mindestens zwei Mitgliedern angerufen werden. Der erweiterte Bewertungsausschuss setzt sich aus den Mitgliedern des Bewertungsausschusses erweitert um einen unparteiischen Vorsitzenden und zwei weitere unparteiische Mitglieder zusammen. Die Benennung des unparteiischen Vorsitzenden erfolgt gemeinsam durch die Träger des Bewertungsausschusses, KBV und GKV-SV. Von den weiteren unparteiischen Mitgliedern wird eines von der KBV und eines vom GKV-SV bestimmt. Unparteiische sind der Vorsitzende und die weiteren zwei Mitglieder des erweiterten Bewertungsausschusses, weil sie keiner der Trägerorganisationen des Bewertungsausschusses angehören dürfen. Die Festsetzung einer Vereinbarung durch den erweiterten Bewertungsausschuss erfolgt mit der Mehrheit seiner Mitglieder. Die Vereinbarungen haben die gleiche Wirkung wie die Beschlüsse des Bewertungsausschusses."

Daraus geht hervor, dass Institutionen, die als Krankenhaus-Ambulanzen und Notfallstationen unmittelbar beteiligt sind, gar nicht berücksichtigt werden können und sollen.

Von daher ist die Reform des Notdiensthonorars durch den erweiterten Bewertungsausschuss zum 1. April dieses Jahres m. E. rechtsunwirksam. Abklärungspauschalen als EBM-Ziffern 01205 und 01207 mit 45 Punkten (4,74 Euro) zu regulären Zeiten wochentags und mit 80 Punkten (8,42 Euro) nachts, am Wochenende sowie an Feiertagen bewerten zu wollen, ist absurde Realsatire.

Ärztlich qualifizierte (Facharztstandard), angemessene Anamnesebefragung, Untersuchung, Diagnosestellung bzw. medizinisch und rechtlich abgesicherte Dokumentation und Entscheidungsfindung über die Bewilligung bzw. Ablehnung einer Beschwerde- und/oder Krankheits-bedingten Behandlung eines ratsuchenden Patienten bewirken intramural in Klinik und Praxis und auch extramural bei (vermeintlichen) medizinischen Notfällen immer das Zustandekommen eines Behandlungsvertrags.

Dies wird überall auf der Welt vorbehaltlos respektiert und akzeptiert bzw. ein national angemessener Honoraranspruch für ärztliche und pflegerische Bemühungen daraus abgeleitet. Nur nicht in Deutschland?

Es ist schon unangemessen, unverfroren, respektlos, entwürdigend und peinlich, wenn ausgerechnet eine fehlgeleitete "Gesundheits-"Bürokratie unreflektiert im ärztlichen Notdienst sozusagen an der Klinik-Rampe eine Selektion von Patientinnen und Patienten etablieren will!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

P.S: Wo bleiben eigentlich fundierte Informationen der GKV-Kassen für ihre Versicherten, mit denen über angemessene Verhaltensweisen im Krankheits-, Not- oder Beschwerdefall bzw. Rechte und Pflichten objektiv berichtet wird?
§ 12 Wirtschaftlichkeitsgebot
(1) Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen...
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[03.03.2017, 16:14:14]
Henning Fischer 
"... Wir brauchen in diesen Notarztbereichen mehr qualifizierte ärztliche Kompetenz mit größter Unterstützung durch die Bundesgremien..."

wegen immer mehr Bagatellerkrankungen in den Notfallambulanzen?

Nein !!

Wir brauchen eine wirksame Hemmschwelle: 20 Euro Gebühr würden reichen.


Windhorst: "Wenn sich ein Patient an einen Arzt im Krankenhaus wendet, muss er behandelt werden, das gebieten Recht und Ethik".

Hallo hallo, Freibier für alle!
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[03.03.2017, 12:13:58]
Claus Kühnert 
Ambulante Notversorgung
Wenn wir uns künftig bundesweit in den Notaufnahmen / ZNA auf ein dubiose merkantil gesteuerte "Vorauswahl der Patienten" einlassen, so produzieren wir mit Sicherheit eine Welle von Fehlleistungen und Behandlungsfehlerverfahren.Nachdrücklich sei daran erinnert, dass mit Entgegennahme der Versicherungskarte des Patienten juristisch gesehen bereits ein Behandlungsvertrag entsteht. Dieser beinhaltet: Sorgfalts-, Untersuchungs-, Aufklärungs-, Organisations- und Dokumentationspflicht!
Wir brauchen in diesen Notarztbereichen mehr qualifizierte ärztliche Kompetenz mit größter Unterstützung durch die Bundesgremien.
Dr. med. univ. C. Kühnert/ med. Sachverständigen-Gutachter




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