Ärzte Zeitung online, 18.06.2018

Hamburg

Stockende Digitalisierung in der Klinik – wer trägt die Schuld?

Unter dem Titel "Krankenhaus 4.0" diskutierten beim Hamburger Krankenhaustag Experten darüber, wie Kliniken den Schritt in die digitale Zukunft schaffen können – und wer geschlafen hat.

Von Dirk Schnack

Stockende Digitalisierung in der Klinik – wer trägt die Schuld?

Arbeitsalltag in der Klinik – durch Digitalisierung sollen Prozesse effektiver werden.

© everythingpossible / stock.adobe.com

HAMBURG. Mehr Geld und weniger behördliche Vorgaben – unter diesen Voraussetzungen könnten sich Hamburgs Kliniken vorstellen, dass sie den digitalen Rückstand zu europäischen Nachbarn aufholen. Aus Sicht der Hamburger Gesundheitsbehörde ist das jedoch die falsche Herangehensweise, weil sie von Defiziten der Selbstverwaltung ablenkt.

Diese unterschiedlichen Positionen auf dem diesjährigen Hamburgischen Krankenhaustag wurden allerdings abgemildert, weil der Senat der Hansestadt einen Tag zuvor eine drastische Erhöhung der Klinik-Investitionsmittel freigegeben hatte.

140 Millionen Euro an Investitionsmitteln stehen den Kliniken in Hamburg 2019 zur Verfügung – eine drastische Erhöhung des bisherigen Budgets um 40 Millionen Euro.

Statt bislang rund 100 Millionen Euro stehen den Kliniken in Hamburg damit in 2019 rund 140 Millionen Euro an jährlichen Investitionsmitteln (inklusive Strukturfonds) zur Verfügung.

Das sind zwar Zahlen, die andere Bundesländer nicht erreichen, aber die Hamburgische Krankenhausgesellschaft (HKG) erinnerte in diesem Zusammenhang an die in anderen Branchen üblichen Investitionsraten. HKG-Chef Dr. Joachim Gemmel sagte: "Andere Branchen würden über unsere Investitionsquote lächeln."

Insbesondere für die Digitalisierung sei deshalb ein Zuschlag oder ein Sonderprogramm erforderlich, meint Gemmel. "Es reicht nicht, die Digitalisierung im Koalitionsvertrag der Bundesregierung auszurufen. Man muss auch die finanziellen Spielräume dafür einräumen."

Spahn muss sich messen lassen

Dr. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, hob in Zusammenhang mit der Gesundheitspolitik der Bundesregierung eher auf die damit verbundenen Chancen ab. Aus seiner Sicht lassen die bisherigen Äußerungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sogar auf eine Aufbruchstimmung hoffen. "Daran wird er sich messen lassen müssen", sagte Gaß.

Die Digitalisierung bietet nach Ansicht von Gaß viele Chancen: Kliniken können ihre medizinische Kompetenz losgelöst von festen Standorten verfügbar machen. Patienten können bedarfsgerecht in vernetzte Strukturen gesteuert und im ländlichen Raum können sektorenübergreifende Gesundheitszentren realisiert werden.

Deutschland als "E-Health-Diaspora"

Neben der auch von Gemmel geforderten Entlastung durch Entbürokratisierung appellierte Gaß an die Politik, die "Misstrauenskultur" zu beenden und den Mitarbeitern in den Krankenhäusern mehr Vertrauen entgegenzubringen. "Man muss nicht jeden Handgriff vorgeben, das demotiviert die Mitarbeiter und sorgt für ein unattraktives berufliches Umfeld", sagte Gaß.

Dr. Matthias Gruhl, Leiter des Amtes für Gesundheit der Hansestadt, lenkte den Blick von den Forderungen der Kliniken auf Versäumnisse der Selbstverwaltung. Als Negativbeispiel führte Gruhl die elektronische Gesundheitskarte an. Und: Deutschland ist für ihn eine "E-Health-Diaspora", aus der man in Länder wie Dänemark und Estland "pilgert und staunt, wie dort Selbstverständliches realisiert wird. Mitverantwortlich für diesen Zustand ist in seinen Augen die Selbstverwaltung.

Deutlich wurde aber auch, dass die genannten Länder nicht als Blaupause für Deutschland taugen. Barmer- Chef Professor Christoph Straub verwies auf das hochgelobte dänische Klinik-Investitionsprogramm – derzeit entstehen dort 16 moderne Zentralkliniken. Übertragen auf Deutschland heiße dies, dass wir mit nur 300 Kliniken auskommen müssten.

"Das wollen wir alle nicht", stellte Straub klar. Auch Schleswig-Holsteins Kammerpräsident Dr. Franz Bartmann, der das dänische Gesundheitswesen schon durch seinen Wohnort Flensburg gut kennt, sieht Dänemark trotz eines digitalen Vorsprungs keineswegs als leuchtendes Vorbild – denn neben den in Deutschland oft herausgestellten Vorzügen des Nachbarn gelte auch, dass die Patienten dort keineswegs zufriedener geworden sind.

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