Ärzte Zeitung online, 12.09.2019

Barmer Krankenhausreport

Weltmeister im Verbrauch von Blutkonserven

Deutschland hat im internationalen Vergleich den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Blutkonserven. Dabei könnten die Kliniken viele Bluttransfusionen im Jahr einsparen, wie aus einem aktuellen Report der Barmer hervorgeht.

Von Anno Fricke

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Wann ist eine Transfusion während einer Op wirklich nötig? Den vergleichsweise hohen Verbrauch an Blutkonserven in Deutschland hinterfragt der aktuelle Barmer Krankenhausreport.

© Mathias Ernert, Chirurgische Klinik Uni Heidelberg

BERLIN. Die Krankenhäuser in Deutschland könnten eine Million Blutkonserven im Jahr einsparen. Bei 3,2 Millionen im Jahr 2017 eingesetzten Konserven wäre das eine Verringerung um knapp ein Drittel.

Gleichzeitig könnten so die Patientensicherheit erhöht und die postoperative Sterblichkeit gesenkt werden. Zu diesem Ergebnis kommt der „Barmer Krankenhausreport 2019“.

47,7 Erythrozytenkonzentrate je 1000 Einwohner habe sich Deutschland im Jahr 2015 geleistet, berichtete Dr. Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, der für die Barmer den Krankenhausreport verfasst hat.

Das Einsparpotenzial könne voll realisiert werden, wenn Deutschland sich am Nachbarn Niederlande orientieren würde. Dort werden je 1000 Einwohner lediglich 25,1 Transfusionen eingesetzt (siehe nachfolgende Grafik).

Selbst wenn der weltweite Schnitt zum Vergleich herangezogen wird, würde Deutschland noch 320.000 Fremdblutkonserven im Jahr weniger verbrauchen. Je nach gewähltem Ansatz könnten zwischen 47 und 184 Millionen Euro eingespart werden.

Zugewinn an Sicherheit

Für viel bedeutsamer halten Fachleute aber den Zugewinn an Patientensicherheit bei planbaren Eingriffen. „Eine Transfusion ist bei all ihren Vorteilen immer mit Risiken für den Empfänger verbunden“, sagte Barmer-Chef Professor Christoph Straub bei der Vorstellung des Reports am Donnerstag in Berlin.

Bei Menschen mit einer unbehandelten Anämie, vornehmlich Eisenmangel, liege die 30-Tage-Sterblichkeit nach einer Operation bei zehn Prozent, sagte Professor Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt. Zudem erhielten sie fünfmal häufiger Fremdbluttransfusionen als Patienten ohne Blutarmut.

Voraussetzung für einen sparsameren Einsatz von Transfusionen sei die Umstellung auf spezielle Behandlungskonzepte, das „Patient Blood Management“ (PBM), sagte Zacharowski. Dem von ihm geleiteten PBM-Netzwerk gehören bislang nur rund 40 Krankenhäuser in Deutschland an, darunter allerdings auch große Einheiten. Dort werden Patienten mit Anämie gezielt auf Operationen vorbereitet.

Im ersten Schritt werden sie auf Blutarmut untersucht. Ist die Diagnose positiv, genüge meist eine einzige Spritze, um den Eisenmangel im Blut auszugleichen, berichtete Zacharowski. Zudem werde im PBM-Netzwerk auf blutsparende Op-Techniken zurückgegriffen, und das während des Eingriffs austretende Blut werde wieder aufbereitet. Transfusionen würden als Ultima Ratio begriffen.

Hohe Sektorengrenzen

Ob eine Anämie vorliegt, könnten vor einem planbaren Eingriff auch die Hausärzte klären, sagte Augurzky. Aufgrund der nach wie vor hohen Sektorengrenzen sei die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern an dieser Stelle nicht immer ausreichend ausgeprägt. Patienten selbst machten die Operateure von sich aus selten auf ihnen bekannte Anämien aufmerksam, auch weil die Risiken für diese Patientengruppe wenig bekannt seien.

In Ländern wie den Niederlanden gebe es dagegen gesetzliche Vorschriften, vor eine planbare Operation Fristen von zehn Tagen und mehr zu setzen, um offenkundige Risiken ausschließen zu können, sagte Augurzky. Hierzulande seien die Ärzte nicht darauf eingestellt, über die Sektorengrenze hinweg in der Operationsvorbereitung zusammenzuarbeiten.

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 12.09.2019 um 17:07 Uhr.

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