Ärzte Zeitung, 27.08.2011

Jeder zweite nutzt das Internet als Gesundheitsratgeber

2006 war jeder dritte Bundesbürger auf Gesundheitsrecherche im Web unterwegs. Heute ist es schon etwa jeder zweite.

NEU-ISENBURG (reh). Immer mehr Bundesbürger suchen im World Wide Web nach Gesundheits-Tipps. Fast 28 Millionen Deutsche, das seien rund 60 Prozent der deutschen Internetnutzer, würden sich mittlerweile im Web nach Krankheiten, gesunder Ernährung und Co. erkundigen, meldet der Branchenverband Bitkom. Das würden die Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat belegen. Vor fünf Jahren seien es erst 50 Prozent gewesen.

Doch wer einen Blick in die Eurostat-Statistik wirft, erkennt noch einen viel interessanteren Trend: 2010 waren 74 Prozent der Bundesbürger zwischen 16 und 74 Jahren regelmäßig im Internet unterwegs. 2005 waren es nur etwas mehr als die Hälfte.

Dabei nutzt mittlerweile jeder zweite Bundesbürger zwischen 16 und 74 Jahren das Internet zur Beschaffung gesundheitsrelevanter Infos. Für 2005 liegen hierzu zwar bei Eurostat keine Daten vor, aber in 2006 waren es nur 34 Prozent.

Damit liegen die Deutschen im europäischen Vergleich - was die Suche nach Gesundheitsinfos im World Wide Web anbelangt - mit in der Spitzengruppe. Höhere Werte erreichten nur Luxemburg mit 58 Prozent der 16- bis 74-Jährigen, die 2010 im Web nach Gesundheitstipps Ausschau hielten, Finnland mit 57 Prozent, Dänemark mit 52 Prozent sowie die Niederlande mit 50 Prozent. Im Schnitt nutzt jeder dritte EU-Bürger zwischen 16 und 74 Jahren das Internet für die Recherche von Gesundheitsthemen.

Zudem habe eine repräsentative Umfrage des Bitkom Anfang des Jahres ergeben, dass fast jeder sechste deutsche Internet-Nutzer über 14 Jahren, das sind rund neun Millionen Bürger, bereits Medikamente online gekauft habe.

"Das Internet ist eine schier unendliche Informationsquelle zum Thema Gesundheit", sagt Bitkom-Vizepräsident Heinz Paul Bonn. "Es bietet alte Hausrezepte gegen die Erkältung, Tipps für eine gesunde Ernährung oder die Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs bei schwereren Krankheiten - einen Arztbesuch ersetzt es hingegen nicht."

Die fortlaufende Statistik von Eurostat finden Sie im Web unter: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/information_society/data/main_tables

[31.08.2011, 12:02:14]
Hans Joachim Schirner 
Gesundheitstipps im Internet
Das Internet ist schon grandios, man findet zu allem eine Information (ob richtig oder falsch sei dahingestellt), so auch im Bereich Gesundheit. Jeder Zweite ist in Sachen Gesundheitstipps im Netz unterwegs. Das kann auch gehörig schiefgehen, wie folgendes Beispiel beweist: die Angehörigen eines Patienten polnischer Herkunft riefen mich zu einem dringenden Hausbesuch wegen starker Bauchschmerzen. Vor Ort ergeb die Untersuchung den dringenden Verdacht auf ein perforiertes Ulcus Ventriculi (was sich auch im Nachhinein bei der Notoperation bestätigte). Die Anamnese erbrachte folgendes: der Patient hatte von seinem Orthopäden völlig korrekt ein Diclofenacpräparat (incl. Magenschutz) wegen Hüftbeschwerden verordnet bekommen. Gleichzeitig schluckte er aber, (nach Informationen aus dem Internet und Bestellung bei einer Internetapotheke) jeden Tag Ibuprofen 400 (2-0-2) und wegen beständiger Kopfschmerzen auch mehrere ASS 500 pro Tag. Dies mit (fast) katastrophalen Folgen. Es gibt im Übrigen eine ganze Reihe von Patienten, die mir in der Sprechstunde auf Nachfrage "gestehen", dass sie weitere Präparate aufgrund von "Gesundheitstipps" im Internet einnehmen (meist teuere aber auch nutzlose Aufbaupräparate, aber auch Schmerzmittel etc.).
Wenn so viele Menschen sich im Internet nach Gesundheitstipps informieren, müssen wir Ärzte uns da nicht an die eigene Nase fassen? Schließlich wären wir Hausärzte doch in erster Linie für die Gesundheitstipps zuständig und wohl auch kompetent. Wenn jeder zweite Patient im Internet recherchiert bedeutet das zumindest für mich, dass etliche Patienten kein Vertrauen in "unsere Medizin" haben und sich via www. absichern wollen. Ein anderer Aspekt wäre, dass sich viele Patienten im Internet informieren, weil sie sich die Kosten beim Arzt (z.B. Praxisgebühr) sparen wollen. Sorry, aber solche Zahlen sind eine "Watschn" für unser Gesundheitssystem. Es wird Zeit, dass wir Ärzte den Trend erkennen und unsere Patienten "besser" informieren. Vielleicht sogar über das Internet? zum Beitrag »

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