Ärzte Zeitung online, 25.04.2014

Prozess

Falscher Arzt steht vor Gericht

Ein Mann gründet als Hausarzt, Palliativmediziner und Psychologe ein Hospiz für Kinder. Tatsächlich ist er ein Hochstapler. Nun begann in Hannover der Prozess.

Falscher Arzt steht vor Gericht

Eingang des Landgerichts Hannover.

© Julian Stratenschulte/dpa

HANNOVER. 64 Straftaten wirft die Staatsanwältin dem Angeklagten und falschen Arzt Marcel R., vor, darunter Betrug, Körperverletzung, Amtsanmaßung, zum Beispiel 18 vermeintliche psychologische Behandlungen, Verschreibungen und tatsächliche oder versuchte Abrechnungen medizinischer Leistungen.

R. hatte sich als Hausarzt, Palliativmediziner und klinischer Psychologe ausgegeben und so zusammen mit zwei Sozialpädagoginnen ein Kindertageshospiz gegründet - die "Schatzinsel".

Tatsächlich ist R. nichts von alledem. Am Freitag begann in Hannover vor der dritten großen Strafkammer des Landgerichtes der Prozess gegen den 31-Jährigen.

Zunächst wurden die beiden Nebenklägerinnen gehört, die Zwillingsschwestern Sabrina und Natali N. Nach Angaben von Sabrina N. (28) sei Marcel R. nach einiger Zeit der Bekanntschaft in die gemeinsame Wohnung der Schwestern in Hannover gezogen.

Die drei gründeten im Sommer 2012 den Verein "Schatzinsel". R. sollte als Arzt und Schatzmeister agieren, die Schwestern als Betreuerinnen und Beraterinnen der Familien der Kinder.

Als Schweizer ausgegeben

Den beiden Frauen habe er vorgegaukelt, er sei in der Schweiz aufgewachsen, habe dort an einer Privatuniversität Medizin studiert, sei Arzt, Psychologe und Palliativmediziner und habe eben erst bei der Medizinischen Hochschule Hannover gekündigt. Offenbar hat R. auch in Schweizer Dialekt gesprochen, im Streit aber sei er ins Hochdeutsche gewechselt.

Die drei starteten ihr Projekt "Schatzinsel" im Sommer 2012. Von Firmen und Vereinen haben man Spenden eingesammelt, insgesamt rund 40.000 Euro. Nach Aussage von N. habe man 15 bis 18 Familien und ihre Kinder betreut. Wie und wohin Spenden und Honorare geflossen sind, blieb unklar.

Nur R. habe Zugriff auf das Geld gehabt. Die Wohngemeinschaft der drei zerrüttete schließlich. Die Schwestern zeigten R. wegen Körperverletzung an. Im September 2013 wurde R. festgenommen. Vor Gericht schwieg der Angeklagte bisher.

Einmal bohrte die Richterin in der Befragung nach: Ob sich die beiden Schwestern nie gefragt hätten, warum ein so junger Mann so viele Qualifikationen haben könne. Nein, nie, so die Antwort der Nebenklägerin. "Er hat gesagt, er sei hochbegabt." (cben)

Topics
Schlagworte
Recht (12171)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Tumorpatienten bei Schmerztherapie unterversorgt

Viele Krebskranke erhalten keine adäquate Schmerztherapie. Das hat eine erste Analyse der Online-Befragung "PraxisUmfrage Tumorschmerz" ergeben. mehr »

ADHS-Arznei lindert Apathie bei Alzheimer

Eine Therapie mit Methylphenidat kann die Apathie bei Männern mit leichter Alzheimerdemenz deutlich zurückdrängen. mehr »

Zehn Jahre "jünger" durch Sport

Wer Sport treibt, ist motorisch gesehen im Schnitt zehn Jahre jünger als ein Bewegungsmuffel. mehr »