Ärzte Zeitung online, 29.08.2017
 

Der Fall Niels H.

SoKo "Kardio" ermittelt 84 weitere Mordfälle

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. könnte nach Erkenntnissen der Sonderkommission "Kardio" der Oldenburger Polizei 84 weitere Patienten auf den Intensivstationen im Klinikum Oldenburg und im Krankenhaus Delmenhorst getötet haben. Bei einer Pressekonferenz am Montag gab die Sonderkommission das Ergebnis ihrer fast dreijährigen Ermittlungsarbeit bekannt.

Von Christian Beneker

 SoKo "Kardio" ermittelt 84 weitere Mordfälle

Der Fall zieht sich schon über zwei Jahre hin: Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel, während er im Oldenburger Landgericht auf der Anklagebank sitzt.

© Carmen Jaspersen/dpa

OLDENBURG. Der heute 40-jährige ehemalige Krankenpfleger Niels H. wurde 2015 bereits wegen vollendeten und versuchten Mordes sowie gefährlicher Körperverletzung an Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt und sitzt im Gefängnis. Er könnte zwischen 2003 und 2005 aber noch viele weitere Menschen getötet haben.

Die Soko ist nun fast drei Jahre lang weiteren Verdachtsfällen nachgegangen. Sie hat insgesamt 134 ehemalige Patienten der Krankenhäuser auf 67 Friedhöfen exhumiert, 35 Ex-Patienten des Klinikums Oldenburg und 99, die im Krankenhaus Delmenhorst während der Dienstzeiten des H. gestorben sind. Sie wertete 500 Patientenakten aus und fast 300 Sachverständigengutachten. "Diese Zahlen sind bislang in Deutschland einmalig", erklärte der Leiter der Sonderkommission, der Oldenburger Polizei-Oberrat Arne Schmidt.

Weitere Opfer feuerbestattet?

Das Dunkelfeld indessen könnte noch viel größer sein, so Schmidt. Insgesamt seien mehr als 130 weitere Patienten an den beiden norddeutschen Krankenhäusern während der Dienstzeiten von Niels H. gestorben – deren Körper aber feuerbestattet wurden. Es gebe deshalb kaum eine Chance, die Todesursachen nachzuweisen. "Ich habe keinen Zweifel, dass sich auch unter diesen feuerbestatteten Patientinnen und Patienten Oper von Niels H. verbergen", sagte der Leiter der Sonderkommission.

Bei der Untersuchung der exhumierten ehemaligen Patienten mussten eigens neue Untersuchungsmethoden des Körpergewebes entwickelt werden. Denn der sonst übliche Nachweis über Serum und Blut war nicht mehr möglich. Die Analysen konnten vor allem die Wirkstoffe Ajmalin nachweisen, Kaliumchlorid oder Sotalol, Lidocain/Xylocain und Amiodaron. Die toxikologischen Untersuchungen an 42 weiteren Patienten aus den beiden Klinken sind noch nicht abgeschlossen, die Ergebnisse stehen noch aus.

Als Grund für die Patiententötungen habe H. in den Vernehmungen stets angegeben, an den vergifteten Patienten zeigen zu wollen, wie gut er wiederbeleben könne. An dieser Version hat Schmidt allerdings inzwischen Zweifel. "Wollte er sich wirklich hervortun? Wer erfolgreich reanimieren möchte, dürfte sich keine Opfer aussuchen, deren Gesundheitszustand bereits kritisch ist".

Besonders beklagte der Oldenburger Polizist das Verhalten der zuständigen Ärzte und Pfleger im Delmenhorster Krankenhaus, als schon längst der Verdacht auf Niels H. hätte fallen müssen. Der bekanntermaßen letzte Mord durch den ehemaligen Pfleger geschah am 24. Juni 2005 in Delmenhorst gegen 19 Uhr. Dabei war er zwei Tage zuvor bei einem anderen Patienten bereits "auf frischer Tat ertappt", aber nicht gestoppt worden, heißt es. Obwohl die Verantwortlichen feststellten, dass die betroffenen Patienten Ajmalin im Blut hatten, das ihnen kein Arzt verabreicht hatte, handelten sie nicht und ließen Niels H. bis zum Beginn seines Urlaubs auf der Intensivstation weiterhin Spätdienst tun. In dieser Zeit tötete er am 24. Juni noch eine Patientin, sein letztes Opfer.

Verantwortliche haben versagt

"Diese Entscheidung der Verantwortlichen war tragisch für die betroffene Patientin, die von Niels H. gegen Ende seines Spätdienstes gegen 9 Uhr vergiftet wurde", sagte Schmidt. Die Abläufe des 24. Junis seien indessen "irgendwie sinnbildlich für das Versagen von Verantwortlichen, für deren völlig falsch Bewertung vorliegender Fakten und die tragischen Folgen, die sich daraus für die Patientinnen und Patienten ergeben haben."

Die Oldenburger Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann erklärte auf der Pressekonferenz, sie sei nach den Ermittlungsergebnissen zuversichtlich, dass sie in allen 84 ermittelten Fällen eine Mordanklage wird erheben können. "Darauf wird es am Ende hinauslaufen."

Die Akte Niels H.

Die Ermittler legen dem Ex-Krankenpfleger Niels H. eine ganze Mordserie zu Last. Eine Chronologie der Ereignisse:

- 1999-2002: Niels H. arbeitet im Klinikum Oldenburg.

- 2003-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst.

- Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt ihn im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll.

- 2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

- Juni 2008: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen Mordversuchs zu siebeneinhalb Jahren Haft.

- Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage, der Prozess beginnt im September.

- November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei nimmt die Arbeit auf. Sie geht mehr als 200 Verdachtsfällen nach.

- Januar 2015: Niels H. gesteht vor Gericht 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

- Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft.

- Juni 2016: Die Ermittler geben bekannt, Niels H. sei für mindestens 33 Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich. Zudem habe er gestanden, auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet zu haben.

- August 2017: Die Sonko legt Niels H. abschließend 84 weitere Morde zur Last. (dpa)

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