Ärzte Zeitung, 30.05.2018

Sturm im Wasserglas

Gesundheits-Apps machen nicht schlau

Schickes Aussehen, wenig dahinter? Weder Wearables noch Gesundheits-Apps mehren die Gesundheitskompetenz ihrer Nutzer, haben Forscher ermittelt.

Von Florian Staeck

Gesundheits-Apps machen nicht schlau

Auf die Plätze – Gesundheitskompetenz gestärkt: Das klappt leider nicht, sagen Wissenschaftler.

© Syda Productions / Fotolia

KÖLN. Mode-Gag oder Indiz für ein sich veränderndes Gesundheitsbewusstsein: Immer mehr Menschen tragen Fitnessarmbänder und andere Wearables oder nutzen Gesundheits-Apps, um Schritte zu zählen oder den Schlafrhythmus aufzuzeichnen. Ihre Gesundheitskompetenz steigt indes dadurch nicht.

Das geht aus einer Studie von Professor Thomas Teyke, Studiendekan an der Hochschule Fresenius, hervor. Mitarbeiter des Studiengangs Management und Ökonomie im Gesundheitswesen haben dazu 514 Personen online und in Interviews befragt. Das Sample ist nicht repräsentativ: 58 Prozent der Befragten sind Frauen. Zudem ist die Gruppe der 18- bis 28-Jährigen mit 45 Prozent überrepräsentiert, die über 55-Jährigen stellen nur 19 Prozent der Befragten.

Die Wissenschaftler wollten wissen, ob die Technik-Affinität der Nutzer auch mit einem intensivierten Verständnis für die eigene Gesundheit einhergeht. "Obwohl sie Daten und Informationen als Grundlage für ihr Gesundheitsverhalten nutzen, verfügen Träger von Wearables nicht generell über mehr Gesundheitswissen", sagt Studienleiter Teyke.

44 % der Interviewten gaben in der Studie der Hochschule Fresenius an, sie besäßen ein Fitnessarmband oder hätten eine Gesundheits-App installiert.

Zwei Drittel kennen Blutdruck

So kennen 65 Prozent der Nutzer zwar ihren Blutdruck (Nicht-Nutzer: 50 Prozent), doch weiß nur eine Minderheit von 16 Prozent über die Hauptrisiken für Herzkreislauf-Erkrankungen Bescheid (Nicht-Nutzer: 15 Prozent). Auch bei der Frage nach den Risiken für die Entstehung von Lungenkrebs zeigen sich nur geringe Unterschiede zwischen den Gruppen (fünf Prozent der Nutzer, sieben Prozent der Nicht-Nutzer).

Bei der Befragung im vergangenen November haben 44 Prozent der Interviewten angegeben, sie besäßen ein Wearable oder eine Gesundheits-App. Jeweils neun Prozent aus dieser Gruppe erklärten allerdings, sie nutzen App oder Armband selten oder gar nicht mehr.

Überraschend ist, dass der Anteil der "Intensivnutzer" (wöchentlich oder täglich) unter den 29- bis 55-Jährigen am größten ist (32 Prozent). Unter den "Digital Natives" im Alter zwischen 18 bis 28 Jahre trifft das nur auf 23 Prozent zu. Und unter den über 55-Jährigen ist diese Gruppe noch kleiner (17 Prozent).

Gesundheitsbewussteres Verhalten

Die Befragung bestätigte die Ergebnisse früherer Studien, dass sich Nutzer von Wearables oder Apps gesundheitsbewusster verhalten. Nur sieben Prozent der Nutzer gaben, an, gar keinen Sport zu treiben. Dagegen erklärten 23 Prozent der Befragten, die auf App & Co. verzichten, sich nie sportlich zu betätigen.

Dessen ungeachtet zeigen sich 26 Prozent der bewegungsfaulen Zeitgenossen mit ihrem Gesundheitszustand zufrieden. Unter den Wearable- und App-Nutzern ist die Gruppe der Zufriedenen mit 16 Prozent deutlich kleiner.

Die Studienergebnisse decken sich mit denen früherer Erhebungen. Danach weisen 54 Prozent der Bevölkerung eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Sie haben Probleme, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und zu bewerten.

Wissenschaftler der Universität Bielefeld und der Hertie School of Governance haben daher im Februar einen Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz vorgelegt, in dem sie Empfehlungen geben: Gesundheitskompetenz sollte in allen Lebenswelten so früh wie möglich gefördert, das Gesundheitssystem insgesamt "nutzerfreundlicher" gestaltet werden, heißt es im Aktionsplan.

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag angekündigt, das Präventionsgesetz mit dem Ziel zu überarbeiten, die Gesundheitskompetenz zu stärken. Ein Element dafür ist die Etablierung eines Nationalen Gesundheitsportals, in dem sich Bürger verlässlich über medizinische Fragen informieren können.Im Februar hat das IQWiG ein Konzept vorgelegt, wie so ein Portal funktionieren könnte.

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