Do-it-yourself-Pankreas

Patienten ergreifen die Initiative

Viele Diabetiker mit Insulintherapie warten sehnsüchtig auf das künstliche Pankreas. Dieses hat sich in Studien bewährt, ist aber bei uns noch nicht verfügbar. Einige Patienten bauen sich daher Eigenlösungen.

Wolfgang GeisselVon Wolfgang Geissel Veröffentlicht:

Professor Hellmut Mehnert ist der bekannteste Diabetologe Deutschlands. Für den 90-Jährigen ist das künstliche Pankreas momentan die spannendste Entwicklung in seinem Fachgebiet. In einem geschlossenen Kreis von Zuckermessgerät und Insulinpumpe drosselt oder steigert die Pumpe anhand der ermittelten Glukosewerte automatisch die Insulinabgabe. Mit einem solchen „Closed-Loop“ wird eine optimierte Stoffwechseleinstellung unter Vermeidung von Hyper- und Hypoglykämien möglich: Ein großer Schritt auf dem langen Weg, der Wirkungsweise des körpereigenen Insulins näher zu kommen, hat Mehnert im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ betont.

Können also Zuckerkranke in naher Zukunft ihre Therapie einer Maschine überlassen? Einen ersten „Artificial Pancreas (AP) hat Medtronic mit dem MiniMed 670G vor zwei Jahren in den USA auf den Markt gebracht und will es auch in Deutschland einführen. Der Vorteil: Die Insulinzufuhr wird automatisch abgeschaltet, wenn zum Beispiel nachts Hypoglykämien drohen. Ganz autonom arbeitet das Hybrid-AP aber noch nicht: Die Anwender müssen bei Mahlzeiten immer noch den Kohlenhydratgehalt abschätzen. Daraus ermittelt der Algorithmus dann einen Faktor für das Bolusinsulin, den der Patient vor Abgabe durch die Pumpe noch bestätigen muss.

Effekt auf HbA1c gering

Solche Systeme haben sich in vielen (kurzen) Studien bewährt, und zwar auch unter besonderen Bedingungen wie etwa beim Skifahren, berichtete Professor Manfred Dreyer aus Hamburg im Frühjahr beim Diabetes Update. Im Vergleich zu einer alleinigen Insulinpumpentherapie mit und ohne Sensor-Unterstützung verbesserten sich dabei die Stoffwechseleinstellungen. Im Tagesverlauf nahmen die Zeiten im normoglykämischen Bereich deutlich zu.

Der Effekt des AP auf den HbA1c sei allerdings gering, weil durch die Therapie gleichzeitig auch hypoglykämische Phasen abnehmen.

Auch konnte in den Studien bisher keine Abnahme schwerer Hypoglykämien nachgewiesen werden. Das liegt allerdings auch an den hochwertigen Vergleichstherapien mit meist sensor-unterstützten Pumpentherapien. Dreyer fordert daher den Vergleich eines AP mit dem Standard einer intensivierten Insulintherapie (ICT), um künftig die Kostenträger von den Vorteilen überzeugen zu können. Der Aufwand für eine solche Studie wäre gering: 24 Wochen Dauer mit den Endpunkten HbA1c und schweren Hypoglykämien würden ausreichen, so der Diabetologe.

Einige Patienten wollen nicht mehr so lange warten und haben sich global im Projekt Nightscout unter #WeAreNotWaiting zusammengetan. Mit vorhandenen Pumpen, CGM-Systemen und frei verfügbarer Software bauen sie sich erfolgreich selbst ihre nicht-kommerziellen AP-Systeme (APS). Dass das funktioniert, wurde schon 2014 demonstriert, mit einem System zur Abfrage der Werte der kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) und zur Befehlsausgabe von angepassten Insulindosen an eine Pumpe, berichtet der Diplom-Ingenieur Thorsten Feige (Diabetologe 2018; 14: 465). Er gehört zu den etwa 1000 Nutzern dieser OpenAPS (www.openaps.org) oder des entsprechenden AndroidAPS. Entscheidend ist eine App, welche mit der Insulinpumpe und dem Glukosesensor verbunden ist. Diese muss selbst geschrieben und anschließend mit den eigenen Daten gefüttert werden, berichtet die Diabetes-Bloggerin Ramona Stanek (tattoostravelstypeone.de).

Die Nutzer sind offenbar zufrieden: Sie berichten von verbesserter glykämischer Kontrolle, reduzierter Angst, verbessertem Schlaf und mehr Selbstvertrauen sowie einer „Auszeit“ von Therapieanforderungen. Negativ werden technische Pannen und Schwierigkeiten bei der Integration in den Alltag genannt.

Steuerung über Smartphone

Unterdessen entwickeln Unternehmen die „Closed Loop“-Systeme weiter. Ein Beispiel ist der „Bionic Pancreas“, der aus einer Pumpe mit zwei Kammern besteht. Darin sind außer Insulin auch das konträr wirkende Glukagon enthalten. Die CGM-Werte können damit entweder erhöht (mit Glukagon) oder verringert werden (mit Insulin).

Die Steuerung erfolgt über ein Smartphone, das die Zuckerwerte empfängt und die Pumpe steuert, berichten Cindy Stockmann und Privatdozent Dr. Ovidiu Stirban von der Schön-Klinik Nürnberg-Fürth (Diabetologe 2018; 14: 481). „Solche Systeme werden die klassische Diabetestherapie verändern, weil damit der Blutzucker nicht nur nach unten, sondern auch nach oben gesteuert werden kann“, betonen sie.

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