Gelassenheit ist der Schlüssel im Umgang mit Behinderten
Im Umgang mit Behinderten brauchen Ärzte Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und Zeit.
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Geistig Behinderte sind oft fröhlich und sehr sensibel.
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Behindertenmedizin ist keine besondere Medizin. Eigentlich ist alles ganz einfach, so Dr. Ulrich Pfaff, Oberarzt am Zentrum für Behindertenmedizin in Bielefeld. Dennoch ist einiges auch ganz anders, und Ärzte müssen viel Gelassenheit und Kreativität an den Tag legen.
"Er ist so komisch, anders als sonst." Mit dieser Bemerkung werden schwer und schwerst geistig Behinderte meist in die internistische Klinik gebracht. Die Diagnostik ist dann kompliziert, und man muss besondere Wege gehen, so Pfaff. Da diese Patienten oft kein Sprachvermögen haben, ist eine eigene Anamnese nicht möglich. Meist sind Angaben zur Vorgeschichte und Befundberichte aber lückenhaft. Symptome werden oft nicht beachtet sowie neue Symptome nicht als neu erkannt. Schwerst geistig Behinderte halten außerdem meist viel aus und haben eine duldende Grundhaltung. Sie beschweren sich nicht. Auch das macht die Diagnostik schwierig.
Eine Haupthürde sind Kommunikationsprobleme. Patienten, die nicht sprechen können, signalisieren Unmut oder Schmerzen oft nur durch Schreien. Hier gilt es, jeweils die individuelle Ausdrucksweise kennen und verstehen zu lernen.
Ärzte können im Umgang mit schwer und schwerst geistig behinderten Patienten viel falsch machen, sagte der Internist. Man darf nicht zu laut sein, das beunruhigt die Patienten. Sie mögen es nicht, wenn man über sie hinweg redet oder sie als blöd behandelt - darin aber unterscheiden sie sich nicht von anderen Patienten. Gerade für Behinderte sollte man sich Zeit nehmen, denn sie brauchen oft länger, bis sie reagieren. Außerdem legte Pfaff den Kollegen ans Herz, nicht etwa so zu tun, als habe man verstanden, wenn das nicht der Fall ist oder wenn es sogar gar nichts zu verstehen gebe. Das führe nur zu peinlichen Situationen.
Wichtig sei vor allem Gelassenheit, und die könne man lernen. Sei man zu laut oder zu hektisch, würden die Patienten nur verängstigt. Dann reagieren sie mit Aggression und Geschrei. Das wiederum verunsichere die Profis - ein Teufelskreis.
Auch die körperliche Untersuchung von schwer und schwerst geistig Behinderten gestaltet sich meist als sehr schwierig. Aufforderungen, etwa ein- und auszuatmen, werden nicht verstanden. Manche Geräte sind deshalb gar nicht einzusetzen. Eine Lungenfunktionsuntersuchung zum Beispiel ist gar nicht möglich.
Oft ist für die körperliche Untersuchung eine Sedierung nötig, ist Pfaffs Erfahrung. Dazu brauche man hohe Dosen, etwa 100 mg Midazolam, und "gute Nerven".
Für die diagnostische Gratwanderung ist deshalb die aufmerksame Beobachtung ganz wichtig. Außerdem ist häufig schon früh der Einsatz aufwändiger Technik nötig. Die wiederum löst Ängste aus. Und die Vorbereitung, etwa auf eine Endoskopie, ist schwierig, da die Patienten nicht mitarbeiten können.
Auch die Therapie dieser Behinderten ist eine Herausforderung. Langfristige Hilfsmittel etwa werden nur schlecht toleriert.
Außer Gelassenheit und Kreativität sind also viel Kommunikation und Zeit nötig, um schwerst geistig behinderte Menschen wegen internistischer Krankheiten zu behandeln. Entscheidend sei, dass die Grundhaltung nicht defektorientiert sei, so Pfaff. Dann mache die Arbeit mit diesen Patienten aber viel Spaß. (ug)