DDG-Jahrespressekonferenz
Diabetesversorgung in Deutschland: Chancengleichheit für alle?
Noch immer entscheiden hierzulande Geschlecht, Wohnort und Bildung mit über die Versorgung von Diabetikern. Das ließe sich mit einfachen Maßnahmen ändern.
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Frauen mit Gestationsdiabetes werden in der Regel diabetologisch gut betreut – bis zur Geburt, dann reißt die Versorgung oft ab.
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Berlin. Auf ihrer Jahrespressekonferenz am vergangenen Dienstag machte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) auf die Missstände der derzeitigen Versorgungslage aufmerksam und stellte klare Forderungen, was sich ändern muss.
Handlungsbedarf sieht die DDG u. a. bei folgenden Aspekten:
- der unterschiedlichen Versorgung von Männern und Frauen,
- regionalen und sozialen Ungleichheiten.
Frauen mit Gestationsdiabetes nicht aus dem Blick verlieren
„Frauengesundheit ist kein Nischenthema, sondern der Prüfstein, wie gut unser Gesundheitssystem funktioniert“, machte DDG-Präsidentin Professorin Julia Szendrödi, Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg, klar.
Demnach gibt es in Deutschland noch einiges zu tun: Frauen mit Diabetes werden häufig später diagnostiziert, anders behandelt und nicht ausreichend strukturiert begleitet. Dabei sind sie besonders vulnerabel und haben ein hohes kardiovaskuläres Risiko. Schwangerschaft und Menopause stellen zusätzliche metabolische Belastungen dar.
Gleichzeitig bieten diese Lebensabschnitte die Chance, gefährdete Frauen zu erfassen und präventiv einzugreifen.
Beispiel Gestationsdiabetes: Durch die engmaschige Betreuung von Schwangeren wird er meist rasch erkannt und adäquat behandelt. Das ändere sich jedoch postpartal, erläuterte Szendrödi: „Nach der Geburt reißt die gute Versorgung häufig ab. Dabei ist es sehr wichtig, dass diese Frauen als Hochrisikopatientinnen für eine frühe Manifestation eines Diabetes und für ein rascheres Voranschreiten auch kardiovaskulärer Probleme erkannt werden. Sie müssen dann besonders gut beobachtet und einer präventiven Maßnahme zugeführt werden.“
Diabetesversorgung von Frauen – Forderungen der DDG:
- Entwicklung und flächendeckende Etablierung strukturierter Nachsorgekonzepte nach Gestationsdiabetes
- digitale Erinnerungs- und Dokumentationsstrukturen über die elektronische Patientenakte
- klare diabetologische Zuständigkeit in der Übergabe von Geburtshilfe zur hausärztlichen und fachärztlichen Betreuung
- Verankerung lebensphasenbezogener Risiko-Screenings in Disease-Management-Programmen (DMP) und hausärztlicher Versorgung
Diabetesprävalenz: Große Unterschiede je nach Bundesland und Region
Doch nicht nur das Geschlecht, auch sozioökonomischer Status und Wohnort entscheiden mitunter darüber, wie gut Menschen mit Diabetes in unserem Gesundheitssystem versorgt werden.
Dazu ein paar Zahlen:
- Surveys des RKI in den Zeiträumen 1997 bis 1999 und 2008 bis 2011 ergaben zwei- bis dreifach höhere Diabetesprävalenzen in der unteren Bildungsgruppe im Vergleich zur mittleren und oberen Bildungsgruppe. Das Fünf-Jahres-Diabetesrisiko nahm im Zeitverlauf nur für die obere Bildungsgruppe deutlich ab.
- Menschen in benachteiligten Regionen haben häufiger nichtansteckende chronische Erkrankungen, darunter auch ein um 20 Prozent höheres Risiko für einen Typ-2-Diabetes (PLoS ONE 2014; 9(2): e89661).
- Nach einer Datenauswertung der BARMER-Krankenkasse von 2018 schwankt die Diabetesprävalenz zwischen weniger als sechs Prozent in bessergestellten Regionen und mehr als 13 Prozent in deprivierten Regionen. Die Schätzungen für Ostdeutschland liegen dabei weit über denen für Westdeutschland.
Gesundes attraktiver machen
Für Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG und stellvertretender ärztlicher Direktor der Klinik für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie am Universitätsklinikum Tübingen, leitet sich daraus ein klarer Auftrag an die Politik ab. Sie müsse vor allem verhältnispräventive Maßnahmen umsetzen, um eine Chancengleichheit für alle zu gewährleisten. „Ich möchte mich dafür stark machen, dass die gesündere auch die leichtere Wahl ist“, so sein Plädoyer.
Dazu müssten altbekannte Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umgesetzt werden, die von der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) anlässlich der Bundestagswahl 2025 nochmals bekräftigt wurden.
Diabetesversorgung nach Postleitzahl und Bildung – Sechs-Punkte-Plan der DANK:
- steuerliche Instrumente, die die gesündere Lebensmittelwahl erleichtern und helfen, bei Getränken den Zuckerkonsum zu senken
- umfassender Kinderschutz in der Werbung
- Gesundheits- und Kinderschutz auch bei E-Zigaretten
- bundesweite Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bei Schul- und Kitaessen
- verbindliche, transparente, barrierefreie Lebensmittelkennzeichnung (Nutri-Score)
- mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag in Kita und Schule












