Anämische Krebspatienten

Eisenmangel bleibt oft unentdeckt

Die Diagnostik und Behandlung bei Chemotherapieinduzierter Anämie werden in europäischen Staaten sehr unterschiedlich gehandhabt. Einige Defizite sind jedoch durchgängig zu erkennen.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Blutentnahme bei einer Krebspatientin. Liegt ein absoluter Eisenmangel oder funktionelles Eisendefizit vor?

Blutentnahme bei einer Krebspatientin. Liegt ein absoluter Eisenmangel oder funktionelles Eisendefizit vor?

© Klaus Rose

WIEN. Beim Management von Patienten mit Chemotherapie-induzierter Anämie (CIA) gibt es Verbesserungsbedarf. Darauf weist ein Team um Professor Heinz Ludwig vom Wilhelminenspital in Wien hin (Support Care Cancer 2014; 22: 2197-2206).

Zu selten werde der Eisenstatus (korrekt) getestet, Eisenmangel bleibe oft unbehandelt. "Auf der anderen Seite brauchen wir wirksamere Strategien, um den Gebrauch von Bluttransfusionen auf ein Minimum zu reduzieren", fordern die Ärzte.

Um sich ein Bild von der Versorgungspraxis zu machen, hatten die Forscher Patientendaten aus neun europäischen Nationen (Frankreich, Deutschland, Spanien, Schweiz, Großbritannien, Österreich, Italien, Niederlande und Schweden) zusammengetragen. 375 zufällig ausgewählte Onkologen und Hämatologen, 85 Prozent von ihnen Klinikärzte, hatten jeweils ihre letzten fünf CIA-Patienten beigesteuert. 1730 konnten in der Analyse berücksichtigt werden.

Serumferritin wenig zuverlässig

Die Anämiediagnose wurde bei 94 Prozent der Patienten anhand des Hb-Wertes gestellt; ansonsten wurden Hämatokrit oder Erythrozytenindizes verwendet. Im Median wurde ein Hb von 9,1 g/dl gemessen; 74 Prozent der Patienten hatten eine mittelschwere bis schwere Anämie (Hb < 10 g/dl).

Der Eisenstatus wurde bei 48 Prozent der Patienten mit Hilfe des Serumferritins beurteilt und nur bei 14 Prozent über die Transferrin-Sättigung (TSAT), bei mindestens einem Drittel wurde er gar nicht untersucht.

Von den getesteten Patienten hatten 42 Prozent niedrige Ferritin- und mehr als ein Viertel niedrige TSAT-Werte. Das Serumferritin ist jedoch, so Ludwig und Kollegen, bei Krebspatienten der weniger zuverlässige Marker.

Es spiegelt die Eisenspeicher vor allem unter nicht-entzündlichen Bedingungen korrekt wieder und erlaubt zudem nur den Nachweis eines absoluten Eisenmangels. Um auch ein funktionelles Eisendefizit, wie es bei vielen Krebspatienten besteht, zu entdecken, sollte besser die Transferrin-Sättigung bestimmt werden, die außerdem durch Entzündungsvorgänge nicht so stark beeinflusst wird.

Transfusionen bei Krebs riskant

Zur Behandlung der Anämie wurden an erster Stelle die Erythropoese stimulierende Agenzien (ESA) eingesetzt; 63 Prozent der Patienten erhielten sie allein oder in Kombination mit anderen Therapien. Etwas mehr als die Hälfte aller Patienten (52 Prozent) bekamen Erythrozytenkonzentrate, mehrheitlich nicht als Notfallmaßnahme, sondern als Bestandteil einer regelmäßigen Behandlung.

Die hohe Rate von Transfusionen sei angesichts der damit insbesondere bei Krebspatienten verbundenen Risiken wie Transfusionsreaktionen, Infektionen, Thromboembolien, höherer Rezidivraten und kürzerer Überlebenszeiten "überraschend", so die Autoren.

Hier müsse eine bessere Umsetzung der Leitlinien erreicht werden. In Leitlinien wird empfohlen, durch eine frühzeitige Diagnose und geeignete Behandlung von Anämien die Anwendung von Erythrozytenkonzentraten möglichst zu vermeiden. Weiterhin sollen ESA nur in der niedrigsten effektiven Dosis und nur in den zugelassenen Indikationen eingesetzt werden.

Eine Eisentherapie wurde nur einem Drittel der Patienten verordnet. Die Supplementierung erfolgte überwiegend oral, nur bei 26 Prozent wurde Eisen i.v. appliziert (in Deutschland bei etwas über 40 Prozent). Als Grund für die orale Darreichung wurde vor allem die "einfache Anwendung" genannt.

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass sich zumindest bei funktionellem Eisenmangel und gleichzeitiger ESA-Therapie intravenöses Eisen als die wirksamere Darreichungsform erwiesen hat.

Die genannten Patientendaten stammen aus dem Jahr 2009. Eine Wiederholung der Studie mit 710 neuen Patienten im Jahr 2011 förderte weitgehend übereinstimmende Ergebnisse zutage. Lediglich bei der Bestimmung der TSAT-Werte war eine Zunahme auf 23 Prozent festzustellen, außerdem wurde Eisen nun immerhin zu 40 Prozent i.v. gegeben.

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