Direkt vom Londoner MS-Kongress:

Hochdosiertes Vitamin D hilft bei MS

Unser Autor war beim ECTRIMS und hat eine Neuigkeit zur Multiplen Sklerose im Gepäck: Hochdosiertes Vitamin D kann offenbar die MS-Aktivität in frühen Krankheitsphasen dämpfen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 23.09.2016, 05:23 Uhr
Hochdosiertes Vitamin D hilft bei MS

Kann Vitamin D gegen MS helfen?

© ktsdesign / fotolia.com

LONDON. Was die Initiatoren der SOLAR*-Studie wohl geritten hat, ausgerechnet NEDA (No Evidence of Disease Activity) als primären Endpunkt für eine Add-on-Behandlung mit Vitamin D zu wählen? Dieses Kriterium wird selbst mit den meisten immunmodulatorischen Basistherapien nur schwer erreicht.

Wenig überraschend ergaben sich in SOLAR bei diesem zusammengesetzten Endpunkt aus Schub-, Progressions- und Läsionsfreiheit keine signifikanten Unterschiede zwischen einer Behandlung mit Interferon beta-1a allein und in Kombination mit hochdosiertem Vitamin D.

Überraschend waren die Ergebnisse trotzdem. So wurden in der Gruppe mit der Kombitherapie weniger Schübe und MRT-Läsionen beobachtet. Damit könnte Vitamin D in der Tat die MS-Aktivität etwas bremsen.

Niedrige Vitamin-D-Werte nur bei der Hälfte

Die jetzt auf dem ECTRIMS in London vorgestellten Studiendaten waren mit Spannung erwartet worden. So hatten kleinere Pilotstudien zum Nutzen von Vitamin D widersprüchliche Resultate geliefert, erläuterte Dr. Raymond Hupperts von der Maastricht-Universität in den Niederlanden. SOLAR sollte endgültig klären, ob Vitamin D MS-Kranken etwas bringt. Falls ja, wäre dies eine recht billige und nebenwirkungsarme Behandlung.

Für die Studie konnten die Ärzte um Hupperts immerhin 229 MS-Kranke gewinnen, die seit mindestens drei Monaten und höchstens 18 Monaten auf Interferon beta-1a eingestellt waren. Die Vitamin-D-Spiegel mussten nicht einmal besonders niedrig sein, ein Wert von weniger als 150 nmol/l genügte. Vitamin-D-Mangel liegt in der Regel bei weniger als 25 nmol/l vor.

Etwa die Hälfte der Patienten hatten subnormale Werte unter 50 nmol/l, erläuterte Hupperts. Solche Patienten waren in beiden Gruppen ähnlich häufig vertreten.

Im Mittel ein Jahr MS-diagnostiziert

Die Patienten hatten ihre MS-Diagnose im Mittel ein Jahr vor Studienbeginn erhalten. Rund die Hälfte bekam zur Interferonbehandlung täglich 14.000 Internationale Einheiten (IE) Vitamin D3 – etwa das Dreifache dessen, was zur Vitamin-D-Supplementierung üblicherweise empfohlen wird. In der Vitamin-D-Gruppe wurden damit nach Aussage von Hupperts Werte um 200 nmol/l erreicht. Die übrigen Patienten erhielten Placebo als Add-on-Behandlung.

Nach einem Jahr zeigten noch 37,2% unter Vitamin D3 und 35,3% unter einer Placebo-Zusatzbehandlung keinerlei Anzeichen einer MS-Aktivität – der Unterschied war natürlich nicht signifikant. Dies lag hauptsächlich an der langsamen EDSS-Progression: Bei 72% mit Vitamin D3 und 75% unter Placebo kam es zu keinerlei EDSS-Steigerung, und jeweils über 90% zeigten nach dieser relativ kurzen Zeit keine anhaltende Krankheitsprogression.

Vor allem junge MS-Kranke profitierten

Anders sah es jedoch bei der ebenfalls niedrigen jährlichen Schubrate aus: Mit der Vitamin-D-Supplementierung lag sie bei 0,28 Schüben, ohne bei 0,41. Der relative Unterschied von rund 30% zugunsten der Vitaminbehandlung verfehlte jedoch das Signifikanzniveau.

Statistisch belastbare Unterschiede gab es beim empfindlichsten Aktivitätsparameter, den MRT-Läsionen: Die kombinierte Zahl der aktiven Läsionen, definiert als neue T1- sowie neue oder sich vergrößernde T2-Läsionen, war mit Vitamin D3 um rund ein Drittel geringer (1,09 versus 1,49).

Volumenzunahme bei den T2-Läsionen fast halbiert

Die Volumenzunahme bei den T2-Läsionen hatte sich mit dem Vitamin fast halbiert (3,6 versus 6,1%). Neue T1-Läsionen ließen sich jedoch nur bei den jüngeren Patienten (unter 30 Jahre) verhindern. Von diesen zeigten 86% mit Vitamin D nach einem Jahr keine neuen T1-Läsionen, 47% waren es unter Placebo.

Therapieabbrüche aufgrund von Nebenwirkungen sowie Fieber traten in der Placebogruppe etwas häufiger auf, dafür kam es mit der Vitamintherapie häufiger zu Schmerzen in den Extremitäten und zu Harnwegsinfekten. Unterm Strich zeigten sich jedoch keine bedeutsamen Unterschiede oder unerwarteten Nebenwirkungen.

Aufgrund der reduzierten Krankheitsaktivität im MRT sei durchaus von einem Nutzen der Vitamin-D-Behandlung auszugehen, auch wenn der primäre Studienendpunkt verfehlt wurde, erläuterte Hupperts. Er gab jedoch zu, dass eine Therapiedauer von knapp einem Jahr wohl zu kurz war, um einen Effekt auf das NEDA-Kriterium zu haben – der EDSS-Wert hat sich schließlich in beiden Gruppen kaum verändert.

Interessant wäre natürlich zu wissen, ob Patienten mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln besonders profitierten. Dazu gab es auf dem Kongress jedoch noch keine Daten.

*SOLAR: Supplementation of Vigantol® Oil Versus Placebo as Add-on in Patients With Relapsing Remitting Multiple Sclerosis Receiving Rebif® Treatment

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Kommentare
Dimitri Lipps

Sehr interessanter Artikel, nur wurde die wahre Vitamin D Zufuhr nicht berücksichtigt/kritisiert.

Die Teilnehmer erhielten 1 Placebo oder 14.000i.E VitaminD pro Tag für 1 Jahr. Mit dem Alter sinkt die Fähigkeit der Haut auf 25%, um Vitamin D aus UV-B Strahlung zu produzieren; d.h. der Sonnenaufenhalt müsste 4fach länger sein (mittags April-September, Deutschland). Zudem wurde sehr wahrscheinlich das Körpergewicht, die Hautfarbe/Hauttyp und die Aufenthaltsdauer im Freien nicht so genau berücksichtigt, was zu sehr gravierenden Meßfehlern führen kann, da das Vitamin D je Kilogramm Körpergewicht zu berücksichtigen ist. Dies ist ein SEHR GROßER FEHLER, der Ergebnisse verundeutlichen kann.

Aussage Uni-Klinikum Heidelberg PDF Seite 17, 18: "...Einfluss der Sonnenscheindauer: Ca. 20 Minuten in der Sonne mit freiem Gesicht und freien Armen führt zur Bildung von ca.10.000–20.000iE ... Hellhäutige Menschen bilden mehr Vitamin D als dunkelhäutige Menschen. Die Haut älterer Menschen verliert die Fähigkeit Vit.-D zu bilden (Kapazität der Vitamin D Bildung bei über 70-jährigen um 75% reduziert)..."
https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/neurologie/pdf_downloads/MS_PatientenTag_2017/Patiententag_MS_2017_Viehoever.pdf

Einen interessanten Artikel gabs dazu aus der Uni Frankfurt vom April 2018, wie Vitamin D das Epigenom moduliert. Das Verständnis zu Vitamin D fehlt vielen Menschen.
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2018/daz-17-2018/vitamin-d-veraendert-das-epigenom

Wolfgang P. Bayerl

14.000 (IE) täglich ist ein bischen mehr,

als die 3-fache Tagesdosis.


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