Raumfahrtmediziner im Porträt
Jens Jordan – ein Arzt für Weltall und Erde
Eigentlich wollte Jens Jordan Hausarzt werden – jetzt leitet er das Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln. Woran er forscht und warum Raumfahrtmedizin auch immer die Erde im Blick hat.
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Ein Blick in die aktuelle Isolationsstudie SOLIS100, die in Zusammenarbeit mit der ESA durchgeführt wird. Sechs Personen sind für 100 Tage in einem Raum isoliert ohne Kontakt nach außen bis auf terminierte Mission-Controll-Telefonate und 30 Minuten Kontakt zu Freunden und Familie pro Woche über Telefon/Videoanruf.
© DLR
„Als ich angefangen habe zu studieren, dachte ich, ich werde bestimmt mal Hausarzt“, sagt Professor Jens Jordan, doch dann kam es anders.
Der Facharzt für Klinische Pharmakologie und Innere Medizin und Experte für Herzkreislauf- und Stoffwechselforschung leitet das Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und hat den Lehrstuhl für Luft- und Raumfahrtmedizin an der Universität zu Köln inne.
Als Raumfahrt-Nerd würde er sich allerdings nicht bezeichnen. Es war nie sein großer Wunsch aus der Kindheit etwas mit Luft- und Raumfahrt zu machen, anders als bei vielen Kollegen, die auch einen Pilotenschein haben und die Fliegerei grundsätzlich spannend finden.

-Prof. Dr. Jens Jordan, Leiter des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin
© DLR
Nach dem Studium hat er in der Kardiologie gearbeitet und dann als Post-Doc in den USA. Dort ist er per Zufall mit der Raumfahrt in Berührung gekommen und hat Astronauten kennengelernt. Das Thema hat ihn dann nicht mehr losgelassen, auch wenn er bis 2008 als C3-Professor das Franz-Volhard-Centrum für Klinische Forschung der Charité Campus Buch geleitet hat und Klinischer Arbeitsgruppenleiter am Max-Delbrück-Centrum war.
Danach wechselte er bis 2016 als Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie an die Medizinische Hochschule Hannover, dann kam er nach Köln.
Eine wichtige Aufgabe der Luft- und Raumfahrtmedizin sei es Probleme zu vermeiden, Risiken frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen, in der Medizin würde man das klassisch Prävention nennen, wenn Leistungsfähigkeit und körperliche Gesundheit möglichst lange aufrechterhalten werden sollen.
Menschen gesund erhalten
„Auch mein Fokus, in der Anfangszeit als Arzt, lag immer darauf, wie man Menschen gesund erhalten kann. Ich habe mich zum Beispiel viel mit Bluthochdruck beschäftigt, um ein frühes Risiko zu erkennen, bevor ein Schlaganfall auftritt“, berichtet Jordan.
Er war viel in der Wissenschaft unterwegs und wollte Klinik und Wissenschaft immer zusammenbringen, etwa in der pathologischen Forschung, und herausfinden, wie Therapien funktionieren.
Astronaut ist ein Beruf mit extremen Anforderungen, denn sonst kann eine Mission schnell gefährdet sein. Eine große Rolle spielen dabei Umweltfaktoren, da Astronauten extremen Umweltbedingungen ausgesetzt sind.
„Die Astronauten, die heute ausgebildet werden, unterscheiden sich stark von den Pionieren der Raumfahrt bei ihren Anfängen“, betont Jordan. Früher waren es immer Männer, die keine Angst vor gefährlichen Missionen hatten, oft Testpiloten, die extremen Risiken ausgesetzt wurden und Grenzen ausgelotet haben.
Astronauten müssen nicht nur körperlich fit sein
Die Anforderungen sind heute andere, weiß Jordan, denn seit über 20 Jahren wird in der Internationalen Raumstation (ISS) Forschung betrieben, etwa medizinische Forschung oder zu Materialwissenschaft.
Es leben dort das ganze Jahr über Menschen. „Es geht heute nicht nur darum körperlich fit zu sein, sondern auch darum welchen beruflichen Hintergrund man hat, der einem erlaubt komplexe Experimente zu machen.“
Derzeit würde sich viel in der Raumfahrt ändern, sie wird nicht nur kommerzieller, sondern es gibt auch andere Anforderungen an Astronauten: Es geht nicht mehr darum, die Nadel im Heuhaufen unter den potenziellen Astronauten zu finden, sondern auch Menschen, die etwa mit körperlichen Einschränkungen im All klarkommen und gleichzeitig exzellente Laborfähigkeiten haben.
Eine Mission im Weltraum bringt zudem immer Risiken mit sich, die letzte Artemis II Mission, die den Mond umrundet hat, scheint aber keine offensichtlichen Probleme aufgezeigt zu haben. „Ich habe die Daten noch nicht gesehen, doch die Astronauten litten an keinen offensichtlichen gesundheitlichen Problemen. Es war nur sehr wenig Platz für zehn Tage in der Kapsel.“

Die Orion-Kapsel bei der Aertemis II-Mission vor wenigen Wochen. Durch das Fenster sieht man den Mond und rechts an der Wand eins von vier M42-Strahlungsmess-Instrumenten.
© NASA
Es gibt laut Jordan aber viele potenzielle Dinge, die bei einer solchen Mission passieren können: Zum einen seien es die Folgen der Schwerelosigkeit. Wenn man keine Gegenmaßnahmen ergreift, kommt es zu Muskel- und Knochenschwund und eine Flüssigkeitsverlagerung zum Kopf hin, dadurch wird der Druck im Hirn größer und auch der Augapfel verändert sich, was Auswirkungen auf die Sehschärfe hat.
Ein weiterer Punkt ist die Folge der Strahlenexposition. Auf der ISS ist ein Astronaut einem 300-fachen Anstieg der kosmischen Strahlung ausgesetzt, auf dem Mond dem 500 bis 600-fachen Anstieg und davor kann man sich bisher nicht schützen. „Wir haben deshalb auf der Artemis I eine Strahlenschutzweste getestet und bei Artemis II waren Strahlendetektoren dabei, die am Institut entwickelt wurden“, erklärt Jordan.
Einsamkeit erhögt Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Ein großes Problem sei zudem die Isolation und das man eingesperrt ist, was auch Auswirkungen auf die Psyche hat. „Wir wissen, dass Einsamkeit das Risiko für Krankheiten, wie Herz-Kreislauf oder Stoffwechselerkrankungen erhöht.“ Das könne auch im Weltall zu Problemen führen.
Auch das Thema Entfernung spielt eine Rolle. Zur ISS habe man eine gute Funkverbindung und kann auch innerhalb von Stunden Menschen wieder auf die Erde holen, dass gelingt bei Entfernungen zum Mond und weiter nicht mehr so gut und führt dazu, dass Astronauten Probleme allein managen müssen.
Da die Kapsel eine geschlossene Umgebung ist mit knappen Ressourcen, spielen auch Nahrungsmittel und Wasser eine wichtige Rolle. Ein Dilemma sei dabei, dass die Astronauten für ihre Fitness trainieren müssen, was aber auch bedeutet, dass sie gleichzeitig mehr Nahrung brauchen.
Im All altern Menschen im Zeitraffer
Viele dieser Punkte sind auch relevant für die Erde. „Ich will nicht nur die Menschen im Weltall gesund halten, sondern auch die Patienten auf der Erde.“
Viele Dinge, die im All passieren, zeigen das Altern des Menschen im Zeitraffer. Denn Muskelschwund oder DNA-Schäden aufgrund von Strahlung dauern auf der Erde viel länger als im All. „Für mich gibt es daher einige Parallelen, gerade in der Altersforschung können wir vieles aus der Raumfahrt ableiten.“
Mit den Trainingsmethoden für die Astronauten könnte man auch alte Menschen in Pflegeheimen wieder fit machen und aus dem Bett rausholen. Bei der Strahlung schauen wir uns an, wie Zellen solche Strahlenschäden reparieren können und denken beispielsweise die Krebstherapie dabei auch immer mit.
Auch wenn bei der Auswahl der Astronauten darauf geachtet wird, dass sie fit und gesund sind, kann im All trotzdem immer auch ein medizinischer Notfall passieren. Auf einer Marsmission wäre dies nicht einfach.
„Ich würde dann einen Arzt mitfliegen lassen.“ Auch wenn der am Ende nicht alles machen kann. Aber auch operieren ginge theoretisch. Eine offene Frage sei auch, wie lange sich Medikamente in einer Boardapotheke im All halten, was bei einer Marsmission relevant wäre.
Das Luft- und Raumfahrtinstitut spielt auch international eine große Rolle. „Wir haben hier Modelle für die Raumfahrt und können Umweltaspekte simulieren. Wir führen Bettruhe-Studien mit Verlagerung des Kopfes nach unten und Isolationsstudien durch. Gerade ist die längste Isolation über 100 Tage gestartet. Wir schauen uns an, wie man sich vor der Auswirkung von Isolation auf den Körper schützen kann, und haben dabei immer auch die Erde im Blick.“









