Integrative Medizin

Homöopathie-Wende in Deutschland?

Patienten öffnen sich immer mehr für die Integration der Homöopathie in die Versorgung im Sinne einer integrativen Medizin, so der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte.

Von Matthias Wallenfels Veröffentlicht: 07.01.2019, 05:03 Uhr
Homöopathie-Wende in Deutschland?

Mehr als jeder zweite Patient in Deutschland hat offenbar bereits Erfahrungen mit Globuli zur Krankheitsbehandlung gemacht.

© micha / stock.adobe.com

BERLIN. Homöopathisch tätige Ärzte sind davon überzeugt, dass die Homöopathie eine nützliche und hilfreiche Ressource im gegenwärtigen deutschen Gesundheitssystem darstellt.

„In Zeiten, in denen Ökonomisierung, Zeitverdichtung, Polymedikation und zunehmende Antibiotikaresistenz zu großen Herausforderungen werden, ist die Homöopathie insbesondere für viele chronisch kranke Patienten eine Hilfe“, postuliert Cornelia Bajic, 1. Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“.

Mit Blick auf eine noch unveröffentlichte, repräsentative Forsa-Umfrage, die dem DZVhÄ vorliege, prognostiziert sie seitens der Patienten eine stärkere Nachfrage nach der Einbindung der Homöopathie in den medizinischen Behandlungsalltag. Die Patienten seien somit offen für eine Medizinwende – und damit für den Ansatz der integrativen Medizin.

„51 Prozent der Deutschen stimmen laut Umfrage der Meinung zu, dass die steigende Nachfrage nach Homöopathie eine Wende in der Medizin einleitet hin zu einer integrativen Medizin, also dem Miteinander von Schul- und Naturmedizin“, sagt Bajic. Nur 28 Prozent stimmten dieser Auffassung nicht zu, 21 Prozent trauten sich keine Einschätzung zu („weiß nicht“).

Wie die Befragung weiter ergebe, hätten im Jahr 2010 erst 43 Prozent der Deutschen Erfahrungen mit der Homöopathie gemacht – heute seien es bereits 53 Prozent.

Dieses Ergebnis ist nahezu deckungsgleich mit dem einer im Sommer veröffentlichten, repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar TNS zum Thema Homöopathie und komplementäre Medizin im Auftrag des Homöopathika-Herstellers DHU.

"Bürger wollen Medizinwende"

Wie die Umfrage ergab, haben bereits 56 Prozent der Deutschen Erfahrung mit Homöopathie sowie homöopathischen Arzneimitteln und nutzen sie vor allem bei Alltagsbeschwerden für sich oder andere. „Die Bürger wollen neben einer Energie- und Agrar- auch eine Medizinwende in Deutschland“, so Bajic.

Die Homöopathie sei, wie Bajic betont, narrativ basiert, Empathie spiele eine wichtige Rolle, und die medikamentöse Therapie sei unter Zuhilfenahme sorgsam ausgewählter homöopathischer Arzneimittel auf das notwendigste Minimum reduziert.

Die Patienten in Deutschland scheinen mit ihrer Einstellung zu homöopathischen Mitteln weitgehend unbeeindruckt von der großen Homöopathie-Debatte zu sein, die der Münsteraner Kreis in seinem im Februar 2018 veröffentlichten „Münsteraner Memorandum Homöopathie“ losgetreten hatte.

Darin wollten die Gegner einer zunehmenden Globulisierung der Medizin um die Münsteraner Medizinethikerin Professor Bettina Schöne-Seifert die Bundesärztekammer und die Vertreter der Landesärztekammern argumentativ munitionieren für den 121. Deutschen Ärztetag im Mai in Erfurt, um die Zusatzbezeichnung Homöopathie abzuschaffen. Im Mittelpunkt stand die Streitfrage um die Evidenz homöopathischer Mittel.

Das Ärztetagsvotum fiel nicht im Sinne des Münsteraner Kreises aus, die Zusatzbezeichnung, die rund 7000 Ärzte in Deutschland tragen, hat Bestand. Bajic begrüßt das Votum ausdrücklich und weist auf die Evidenzlage aus Sicht des DZVhÄ hin.

"Klinische Forschung im Bereich Homöopathie unterfinanziert"

„Die evidenzbasierte Medizin basiert auf drei Säulen: auf der klinischen Erfahrung der Ärzte, auf den Werten und Wünschen des Patienten und auf dem aktuellen Stand der klinischen Forschung. Zu jeder dieser Säulen hat die ärztliche Homöopathie Studiendaten und Evidenz zum therapeutischen Nutzen vorzuweisen“, sagt Bajic.

Wie sie ergänzt, verstünden homöopathisch tätige Ärzte auch die Kritik zur spezifischen Wirksamkeit (efficacy) homöopathischer Hochpotenzen. Allerdings lägen auch hierzu zahlreiche positive Daten vor, die nicht außer Acht gelassen werden sollten.

Einziges Manko: „Da die klinische Forschung im Bereich Homöopathie ein unterfinanziertes Feld ist und keine öffentlichen Fördermittel für neue Studien zur Verfügung stehen, wurden bislang nur wenige hochwertige Studien durchgeführt oder wiederholt – das bedeutet, dass das Risiko für Bias in den meisten randomisierten Studien hoch ist“, weist Bajic auf eine essenzielle Problemlage hin.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Chance für integrative Medizin

Kommentare
Dr. Petra Paling

Ernsthaft ?

Sehr geehrter Herr Kollege Oude-Aost,

Ihre Überschrift lädt zum Widerspruch ein: In der Geschichte Deutschlands haben Vorurteile vielen Menschen das Leben gekostet !

Und : Ja, dieses Ideal Hahnemanns sollten wir Ärzte schon haben.

Sicher können wir hier einen Diskurs über die Definition von „Vorurteil“ eröffnen.
Ist bei Ihnen ernsthaft ein „Vorurteil“ nur beschränkt auf das Urteil unserer medizinischen Vorgänger in Forschung und Lehre ?
Ich hätte gedacht, es gäbe einen Unterschied zwischen Urteil und Vorurteil. Hahnemann jedenfalls besaß genug Menschenkenntnis, um das Wort „Vorurteil“ im weiteren Sinne auszulegen und davor zu warnen.

Wir alle beurteilen Phänomene und fällen ein Urteil. Davon lebt die Medizin und auch Ihre, meine Therapie. Ein Urteil darf und muß sogar revidiert werden, wenn später gegenteilige Erfahrungen oder Beurteilungen gemacht werden. Leider beraubt sich die Skeptikerbewegung dieser Erfahrung, sei sie von homöopathischen Ärzten oder Patienten geäußert.
Genügend vorurteilsbehaftete ungläubige Patienten der Homöopathie erfahren an sich eine Besserung ihrer langjährigen Leiden und besitzen die Freiheit zur Änderung ihres (Vor-)Urteils über Homöopathie.

Gehe ich Ihre Zuschrift durch, fallen mir Worte wie „angeblich“, „unkritisch“, „blind“ auf. Die Worte finde ich subtil diskreditierend und tendenziös.
Diese Art von unterschwelliger bis offener Unterstellung sowie eine schlängelnde schrift-verbale Ausweichtaktik charakterisiert die Argumentation der Skeptikerbewegung häufig. Ebenso das Nicht-Eingehen auf doch nachvollziehbare Skepsis bezüglich manchen Bereichen des schulmedizinischen Betriebs.

Unterm Strich: Ich weiß, daß Sie als Vertreter der Skeptikerbewegung sich keinen Deut auf die Homöopathie einlassen können, sowie auch wir Ihre Sichtweisen nicht teilen. So lassen Sie uns hier das „Gespräch“ beenden.

Jan Oude-Aost

Vorurteile retten Leben

Sehr geehrte Frau Paling,

sie wünschen sich einen „vorurteilsfreien Beobachter“ und zeichnen diesen als Ideal in der Medizin. Bilden die Grundlage der homöopathischen „Behandlung“ nicht tausende sogenannter „Arzneitmittelprüfungen“, in denen die angeblich spezifische Wirkung einzelner Globuli bestimmter Verdünnungsstufen beurteilt werden? Sind Sie nicht, so wie wir alle, auf Vorurteile angewiesen? Sind Ihre im Kommentar geäußerten Ansichten nicht auch Vorurteile auf Grundlage der Ansichten Hahnemanns?

Davon abgesehen klingt „vorurteilsfreier Beobachter“ im ersten Moment für unkritische ZeitgenossInnen vielleicht sehr fortschrittlich, hat bei näherer Betrachtung jedoch große Schwächen. Sind für ÄrztInnen, Vorurteile über Anatomie, Physiologie und Biochemie nicht von zentraler Bedeutung, um Symptome professionell beurteilen zu können. Sind wir ohne Vorurteile über Pathophysiologie, Pharmakologie, Epidemiologie u. v. m. nicht blind? Wenn all diese Vorurteile unnötig sind, können wir uns die humanmedizinische Ausbildung sparen.

Dr. Petra Paling

Wünschenswert: Vorurteilsfreie Wissenschaft

Sobald ein homöopathie-freundlicher Artikel in einem Medium erscheint, sind erstaunlicherweise wie abgesprochen sofort homöopathie-kritische Skeptiker des sogenannten Informationnetzwerk Homöopathie (INH) auf dem Plan, um ihre abgenutzen Argumente wiederkehrend zu verbreiten.

Als ob diese Form der Argumentation überhaupt wissenschaftlich ist…..

Hahnemann postuliert für den Arzt, die Ärztin die Haltung eines vorurteilslosen Beobachters.
Diese Haltung vermisse ich im wesentlichen in der Skeptikerbewegung.
Die Unmöglichkeit der Wirksamkeit von (hoch-)potenzierten Arzneien wird als primäres Dogma erhoben und von dort aus argumentiert.

Anders die homöopathischen Ärzte, die nach einem konventionellen Medizinstudium im Arztberuf neben unbestreitbaren Erfolgen auch die Beschränktheit der schulmedizinischen Therapie erkennen und sich auf die Suche nach zusätzlichen Hilfen auf den Weg machen.

Mit welch auch immer gearteten dogmatischen Wiederholungen von Homöopathiekritik können die Skeptiker nicht die positiven Erfahrungen von homöopathischen Ärzten UND Patienten hinwegwischen.

Im Übrigen verweise ich zum angeblichen Risiko der homöopathischen Behandlung nur auf die letzten Rote-Hand-Briefe:

HCT: Risiko von nicht melanozytärem Hautkrebs
Ciprofloxacin und andere Fluorchinolone : Risiko von Aorten Aneurysma
Esmya (Ulipristat) Risiko von schweren Leberschäden

Oder wie stehen die Skeptiker zu den Kosten von Immuntherapien ?

Nachzulesen im Deutschen Ärzteblatt (Heft 40 von 5.10.2018 S. 1736 ff)
Lahme Abwehr scharf machen
Nobelpreis für Medizin - Immunkrebstherapien
(Zitat)
„Während die Nebenwirkungen in der Regel beherrschbar sind, sind es vor allem zwei Umstände, die den Enthusiasmus bremsen. Erstens sprechen nur rund 20 bis 50 Prozent der Patienten auf die Immuntherapie an. Zweitens sind sie extrem teuer. Pro Jahr und Patient belaufen sich die Kosten mitunter auf mehr als 100.000 Euro.
Kombinationen potenzieren dies.
Bedenkt man die demografische Entwicklung, aber vor allem die Zahl der Checkpoint-Inhibitoren in der Pipeline der Hersteller, dann wird dies mit dem herkömmlichen Finanzierungsmodell nicht mehr zu stemmen sein. „

Sehr geehrte Skeptiker: es gibt auch woanders in der Medizin für Sie noch viel zu tun !



Jan Oude-Aost

Nichts hilft nicht.

Monika Königstein [10.01.2019, 01:23:16]

Liebe Frau Königstein,
gerne verlinke ich Beitrag, in dem eine Studie von Frau Prof. Witt besprochen wird, die belegt, dass eine homöopathische Behandlung mit höheren Kosten korreliert (https://www.netzwerk-homoeopathie.eu/standpunkte/249-zur-neuen-homoeopathie-kostenstudie-nichts-ist-immer-zu-teuer).
Als zweiten Punkt möchte ich anmerken, dass ein Medikament, welches durch ein homöopathischen "Arzneimittel" ersetzt werden kann, unnötig verschrieben wurde.
Schließen möchte ich mit dem Hinweis darauf, dass diese Form der Argumentation lediglich eine Variante von "Whataboutism" ist, der in Diskussionen zur Homöopathie gerne genutzt wird. Dazu ist anzumerken, dass kein Mangel der Medizin (derer gibt es einige) dazu in der Lage ist, Homöopathie eine spezifische Wirksamkeit zu verleihen. Außer natürlich man hängt einem magischen Weltbild an. Das sei jedem unbenommen, gehört jedoch nicht in die ärztliche Praxis.

Julius Senegal

Warum können Homöopathen nicht Fakten anerkennen?

An "Dr." "Hümmer":

Auch hier, wieder wüster c&p aus irgendwelchen Quellen, vieles ist einfach falsch:
1) Meta-Analysen:
Nein, Mathie z. B. hatten wir schon als falsch, die anderen sind auch schwach, nicht aussagekräftig und methodisch schlecht. Außerdem stehen dem wie unten schon beschrieben wesentlich mehr Meta-Analysen entgegen, die belegen, dass Homöopathie nicht besser als Placebo ist. Das muss auch nichts "geheimgehalten" werden.

2) Es gibt keine Evidenzen dafür, dass H. besser als Placebo ist. „Will nicht“ oder „Kann doch nicht sein!!!11elf“ ist kein Argument.

3) „die einstigen Arzneimittelprüfungen an Gesunden sind nach heute gültigem Verblindungsstandart nicht zuverlässig aussagekräftig.“ Diese Aussage ist wahlweise falsch oder ergibt keinen Sinn. Übrigens schreibt man Standard mit „d“. Außerdem sind wir nicht anno soundso stehengeblieben, auch neuere Untersuchungen zeigen, dass H. nichts weiter als Placebo ist.

4) Das von Hahnemann postulierte Simileprinzip spiegelt nur wider, dass Hahnemann zu SEINER ZEIT eine Alternative zur damals praktizierten Medizin (Aderlass z. B.) eingeführt hatte. Von Bakterien oder Viren und anderen Erkrankungsursachen hatte er keinen Schimmer.
In der Natur kommt das Simileprinzip gemäß Hahnemann gar nicht vor. Das Prinzip ist sogar höchst unlogisch und widersprüchlich - Naturgesetze sind klar und universell.

5) Gegen die Zuwendungs-, Suggestions- u. Placebowirkung der Homöopathie spricht doch gar nichts. Es ist ja ein toller Beweis, wenn mit vielem Glauben dann der Placebo-Effekt mit der Zeit eintrifft. Oder nicht, dann gibt es Probleme, weil man wertvolle Zeit verschwendet hatte, siehe nächsten Punkt.

6) „Für das Argument die Homöopathie sei schädlich, weil Leute von wichtigen Behandlungen abgehalten werden, gibt es keinerlei Beweise oder Plausibilität.“

Wieder falsch und schon dutzende Male in den Medien, z. B. [1,2]

7) Zum Wirkprinzip: Außer Schwafellei und „es könnte ja sein“ keine Fakten, keine Erklärung. Nichts. Kritiker haben eher Angst davor, dass Homöopathen ahnungslose und gutgläubige Menschen schamlos ausnutzen und nur mit Placebo behandeln, dort, wo wirksame Medikamente von Nöten wären. Führt ja bisweilen zu Todesfällen, wie oben belegt.

8) Auch wieder falsch, H. ist sogar kostenUNgünstiger, siehe [3].

9) H. muss auf den Müllhaufen der Geschichte oder zumindest Krankenkassen haben nichts mehr beizusteuern.

10) Wenn H. wirken sollte - prima, leicht verdientes Geld. Es gibt doch die 50.000 €-Challenge, komisch, warum H. so viel Angst haben, Geld zu verdienen (also mal nicht bei ahnungslosen Patienten): [4] Bisher gibt es nur eine Bewerbung - aber H. soll doch so super duper wirken, seltsam seltsam...

[1] https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/07/21/heilpraktiker-steht-wegen-fahrlassiger-totung-vor-gericht
[2] https://www.mdr.de/investigativ/fakt-homoeopathie-102.html
[3] https://www.derbund.ch/contentstationimport/homoeopathieaerzte-sind-teurer-als-schulmediziner/story/17961920
[4] https://www.gwup.org/challenge-startseite

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