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HINTERGRUND

Mit einem Enzymhemmer gibt es neue Perspektiven für Patienten mit einem hepatozellulären Karzinom

Von Nicola Siegmund-Schultze Veröffentlicht:

Das hepatozelluläre Karzinom (HCC), an dem auch in Deutschland immer mehr Menschen erkranken, wird meist erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Deshalb können nur wenige Patienten darauf hoffen, durch eine komplette Resektion oder eine Organtransplantation geheilt zu werden. Darauf wies Professor Peter Galle von der Uniklinik Mainz beim Internisten-Kongress in Wiesbaden hin. Doch eine neue Option tut sich mit dem Hemmstoff Sorafenib auf.

Die Heilungsmöglichkeiten sind derzeit begrenzt durch Größe und Zahl der Läsionen, eine Pfortader-Infiltration oder extrahepatische Metastasierung. Und bei einer Leberzirrhose ist die funktionelle Reserve oft eingeschränkt, so dass nicht vollständig reseziert werden kann.

Bei einer begrenzten Tumormanifestation haben sich inzwischen lokoregionäre Therapien bewährt, etwa Radiofrequenz-Thermoablation, perkutane Alkoholinjektion und die transarterielle Chemoembolisation, die die Zeit bis zu einer Lebertransplantation überbrücken können. Hat der Tumor stärker gestreut, schon Fernmetastasen gebildet oder die Pfortader infiltriert, sind auch diese Therapie-Möglichkeiten begrenzt. Die bisher erprobten systemischen Chemotherapien, etwa mit Anthrazyklinen, waren nach Angaben von Galle bislang wenig ermutigend.

An der SHARP-Studie hat auch die Uni Mainz teilgenommen

Für Patienten mit fortgeschrittenem HCC zeichne sich eine neue Therapie-Option ab, so Galle: die Therapie mit dem Tyrosinkinase-Hemmer Sorafenib. "Wir erwarten bei der diesjährigen Tagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) Anfang Juni die Ergebnisse einer Phase-III-Studie mit 602 Patienten, die vorzeitig abgebrochen worden ist, weil die primären Endpunkte, die Überlebensrate und die Zeit bis zur Progression, erreicht waren, und zwar zugunsten der Verumbehandlung mit dem Multikinase-Hemmer." Auch das Uniklinikum Mainz hat sich an der SHARP-Studie (Sorafenib HCC Assessment Randomized Protocol) beteiligt.

Der Hintergrund für HCC-Studien mit Sorafenib: Tumor-Entwicklung und -Progression laufen über eine Signalkaskade mit mehreren Molekülen. "Auf diese regelmäßig beim HCC aktivierten Moleküle hat sich die Entwicklung zielgerichteter, neuer molekularer Therapieansätze konzentriert", sagte Galle. Dieser Signalweg kurbelt das Wachstum an und wird durch Sorafenib gehemmt. Auch die Gefäßneubildung im Tumor wird gebremst. Bisher zugelassen ist Sorafenib als Nexavar bei fortgeschrittenem Nierenzell-Ca.

Eine aktuelle multizentrische Phase-II-Studie hatte ergeben, dass Sorafenib das Wachstum des HCC möglicherweise verlangsamt (JCO 24, 2006, 4293). 137 Patienten mit fortgeschrittenem, inoperablem HCC hatten teilgenommen. Bei einem Teil der Probanden wurde untersucht, ob sich anhand molekularer Marker das Ansprechen vorhersagen lässt.

Und das gelang offenbar: Anhand der Aktivität von 18 Genen in Zellen des peripheren Blutes der Patienten ließ sich eine Vorhersage über das Ansprechen treffen. Ein wichtiger Faktor, wenn es künftig um die - auch kostenrelevante - Frage gehen könnte, welche Kranken mit der Substanz behandelt werden sollten (Zeitschr Gastroenterol 45, 2007, 281). Das mediane Gesamtüberleben der Patienten habe in der Phase-II-Studie 9,2 Monate betragen, für diese Gruppe von Patienten viel versprechend, so Galle. Denn historischen Daten zu Folge lebten Patienten mit ähnlicher Diagnose nur etwa noch fünf Monate.

Die jetzt vorzeitig abgebrochene SHARP-Studie ist randomisiert und doppelblind. Auch deren Teilnehmer hatten ein fortgeschrittenes und zum Teil fernmetastasiertes HCC. Sie waren zuvor nicht behandelt worden. Die Patienten erhielten Sorafenib oder Placebo. Nach einem Vorabbericht des Monitor-Komitees der Studie gab es keinen Unterschied bei schweren unerwünschten Wirkungen zwischen Verum und Placebo.

Hoffnung auch für Patienten ohne Fernmetastasen

Eine gute Nachricht gab es in Wiesbaden auch für Kranke mit fortgeschrittenem HCC ohne Fernmetastasen. Erfüllen sie die Mailand-Kriterien - nicht mehr als drei Tumorknoten jeweils nicht größer als 3 cm oder ein Knoten nicht größer als 5 cm -, haben sie die Möglichkeit, sich auf die Warteliste für ein neues Organ setzen zu lassen. Wegen des Organmangels stirbt aber jeder dritte Patient, während er wartet - es sei denn, es gibt einen Leberteil-Lebendspender.

An der Charité Berlin können in einem speziellen Programm auch solche Patienten eine von Gesunden gespendete Teilleber erhalten, die die Mailand-Kriterien nicht erfüllen und zum Beispiel vier statt drei Knoten haben mit einer Knotengröße von bis zu 7 cm statt 5 cm. Das hat Professor Sven Jonas von der Charité berichtet. Für 21 Patienten lägen jetzt Langzeitergebnisse vor: Die Fünf-Jahres- Überlebensrate betrage 60 Prozent. Das entspreche dem Durchschnitt vieler europäischer Zentren nach Organübertragung auf Patienten, die die Mailand-Kriterien erfüllten.



STICHWORT

Hepatozelluläres Karzinom

Immer mehr Menschen in den westlichen Ländern erkranken an einem hepatozellulären Karzinom (HCC): Die Inzidenz liegt derzeit pro Jahr bei vier Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohnern. Im Schnitt sind zwei- bis viermal mehr Männer als Frauen von der Erkrankung betroffen. Der Grund für die zunehmende Häufigkeit des Tumors: die steigende Prävalenz von Patienten mit Hepatitis-C-Virus-assoziierter Leberzirrhose. In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 5000 Menschen an Leberkrebs, doppelt so viele wie vor 30 Jahren. Bei mehr als der Hälfte der Patienten ist eine Virushepatitis die Ursache. (nsi)

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