Adipositas

Mittelmeerdiät oder ausgewogene Mischkost? Genanalyse soll die Qual der Wahl beenden

Nach einer neuen These hängt es von der Veranlagung ab, welche Kost für jeden einzelnen am günstigsten ist. Übergewichtige können ein entsprechendes Konzept fürs Abspecken nutzen.

Von Angela Speth Veröffentlicht:
Mittelmeerkost, wie hier beim IGeL-Kongress in Köln angeboten, schmeckt gut, ist aber nicht für jeden Stoffwechseltyp das Nonplusultra.

Mittelmeerkost, wie hier beim IGeL-Kongress in Köln angeboten, schmeckt gut, ist aber nicht für jeden Stoffwechseltyp das Nonplusultra.

© Foto: Klaus Wohlmann

Mittelmeerkost? Oder besser Low Carb mit viel Fett und Eiweiß? Oder doch Low Fat? Übergewichtige haben nicht nur das Ungemach des Abnehmens, sondern auch die Qual der Wahl unter vielen angepriesenen Diäten. Ein neues Konzept, in das Genanalyse, Laborwerte und Verhalten einfließen, soll den Patienten die individuell richtige Art und Weise der Gewichtsreduktion bieten.

Insgesamt gesehen sei beim Abspecken zwar eine Verringerung der Kalorienaufnahme ausschlaggebend, erläuterte Dr. Martin Lemperle aus Frankfurt beim IGeL-Kongress in Köln. Die gängigen Empfehlungen gelten aber für Kollektive, sie berücksichtigen nicht die Unterschiede im Stoffwechsel. Die genetische Ausstattung jedoch sei maßgeblich dafür, ob jemand besser mit einer kohlenhydrat- oder mit einer fettreduzierten Diät zurechtkommt. So könne die vielgerühmte Mittelmeerkost für manche sogar abträglich sein.

Eine maßgeschneiderte Therapie halte er auch deshalb für wichtig, weil Essen für einige Übergewichtige eine Droge sei und Diät entsprechend ein Drogenentzug. Deshalb liege die Zukunft der Ernährungsberatung - wie in der Drogenbehandlung - in einem individuell zugeschnittenen Programm. "Und Gene sind der Gipfel der Individualisierung. Sie erlauben Aussagen über die genaue Stoffwechsellage", sagte Lemperle. Für sein auch als IGeL angebotenes Konzept (FormMed® Gen-Stoffwechsel-Analyse) habe er solche Gene ausgewählt, die einerseits für die Adipositas bedeutsam sind und deren Auswirkungen sich andererseits durch den Lebensstil beeinflussen lassen.

Zwei Gen-Pakete offeriert er seinen Patienten. Eines gibt Aufschluss über die Metabolisierung der Makronährstoffe. Dazu gehört etwa das Gen des Peroxisomen-Proliferator-Activated-Rezeptors γ. Bei etwa 15 Prozent der Bevölkerung ist an Position 12 des Proteins die Aminosäure Prolin gegen Alanin ausgetauscht. Menschen mit dieser Variante sind weniger dick, haben eher einen niedrigen Insulinspiegel, ein erhöhtes HDL-Niveau und eine gesteigerte Insulinempfindlichkeit. Bei ihnen ist also das Risiko, an metabolischem Syndrom oder Typ-2-Diabetes zu erkranken, verringert. Nach Aussage Lemperles gehören sie bildlich gesprochen - im Gegensatz zur Mehrheit der "Jäger-und-Sammler" - zum "Ackerbauer-Typ", sind also gut an kohlenhydratreiche Ernährung angepasst. "Für sie wäre Low Carb nur unnötige Quälerei", so Lemperle. Ihnen empfiehlt er Mischkost mit etwa 50 Prozent Kohlenhydrate, aber vermindertem Fettgehalt.

Für manche Menschen ist Low Carb eine unnötige Quälerei.

Vor allem auf die richtigen Fette achten müssen Menschen, die im ApoE-Gen die Variante ApoE4 besitzen. Ein Viertel der Bevölkerung ist dafür heterozygot, zwei Prozent gar homozygot. Sie haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Hypercholesterinämie, Atherosklerose und Alzheimer-Demenz. Ihnen rät Lemperle, die Fettzufuhr zu vermindern, vor allem auf gesättigte Fettsäuren zugunsten der ungesättigten weitgehend zu verzichten und dabei wiederum die Omega-3- den Omega-6-Fettsäuren vorzuziehen. "Besonders Männer mit dieser Veranlagung könnten durch das, was viele unter Mittelmeerdiät verstehen, nämlich viel Olivenöl und Rotwein, leicht krank werden, denn dadurch erhöhen sich die pathogenen LDL-Unterfraktionen LDL3-7", sagte Lemperle. Für sie sei Rapsöl günstiger als Olivenöl.

Zum zweiten Paket gehören Gene, die Rückschlüsse auf die Entzündungsneigung im Körper erlauben. Solche Messungen seien deshalb wertvoll, weil Übergewicht, das auch mit einem erhöhten hsCRP-Wert einhergeht, immer mehr als "low grade inflammation disease" verstanden werde. Ein Gen, das diese Tendenz verstärkt, ist daher besonders unvorteilhaft. So tragen etwa 15 Prozent der kaukasischen Bevölkerung eine Variante des TNFα-Gens, die nicht nur entzündliche Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Rheumatoide Arthritis fördert, sondern auch die Insulinresistenz. Empfehlenswerte Gegenmaßnahmen für solche Menschen: eine Kost mit entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren, mit Antioxidantien, wie sie in Obst und Gemüse reichlich vorhanden sind, und vor allem Rauchverzicht.

Weiterhin gehören zu dem Programm 30 weitere Laborwerte zum Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsel sowie die Bestimmung von Lebensmittelallergien, oxidativem Stress und Verhalten. Diese Masse von Daten wird mit einer Software ausgewertet und zu einer je eigenen Broschüre mit Tipps zu Ernährung und Lebensstil zusammengestellt. Nach Lemperles Erfahrung nehmen 90 Prozent der Übergewichtigen mit einer Gendiät in vier Wochen durchschnittlich fünf Kilo ab. Zudem verleihe ihnen das Gefühl, die passende Ernährung gefunden zu haben, eine hohe Zufriedenheit.

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