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Pro und Contra

Nahrungsergänzungsmittel – sinnvoll oder Unsinn?

In einer Sitzung beim Internistenkongress wurden Argumente pro und contra Nahrungsergänzungsmittel in den Ring geworfen.

Von Roland Fath Veröffentlicht:
Nahrungsergänzungsmittel: Einige Risikogruppen könnten von Supplementen profitieren.

Nahrungsergänzungsmittel: Einige Risikogruppen könnten von Supplementen profitieren.

© Erwin W. / panthermedia.ne

Nahrungsergänzungsmittel sind ein Milliardenmarkt und werden von vielen Menschen zur Gesundheitsvorsorge geschluckt. Ist das sinnvoll?

Bei einer Pro und Contra-Sitzung beim DGIM-Kongress konnten sich die Kontrahenten zumindest auf einen Minimalkonsens verständigen: Bei Vitamin D und Jod reicht die normale Ernährung in unseren Breiten zur Deckung des Bedarfs nicht aus, Schwangere brauchen natürlich Folsäure. Bei anderen Vitaminen und Mineralstoffen herrschte Uneinigkeit.

Nahrungsergänzungsmittel, kurz NEM, die zu den Lebensmitteln zählen – genauer gesagt: ein Konzentrat von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung – seien nicht bei einem klinischen Mangel indiziert, betonte Professor Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim. Vielmehr dienen sie der Vorbeugung eines Mangels, in erster Linie bei Menschen mit erhöhtem Bedarf an Mikronährstoffen oder eingeschränkter Zufuhr.

Multivitamin bei Kinderwunsch

Altbekannt ist der erhöhte Bedarf von Schwangeren an Folsäure zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten. Biesalski, der auf der NEM-Sitzung den Pro-Part übernahm, empfahl anstelle der standardmäßigen Folsäure-Supplementation bereits bei Frauen mit Kinderwunsch die Einnahme von Multivitamin-Präparaten. In einer Studie wurde durch Gabe eines Multivitamin-Präparats der Anteil von Kindern mit geringem Geburtsgewicht verringert (versus Placebo und Folsäure / Eisen-Supplementation), in einer Meta-Analyse von 41 Studien die Zahl der Fehlbildungen bis 50 Prozent reduziert. Auch Biotin, das "new kid in the block" der Vitaminforscher, sei für die fetale Entwicklung relevant, sagte Biesalski.

Einen gesteigerten Bedarf an Mikronährstoffen haben auch adipöse Menschen (Vitamine D, B12, Folsäure, Mg, Fe, Cu, Zn) sowie Patienten mit COPD (insbesondere wasserlösliche Vitamine) und mit Krebs; eine verringerte Resorption sei bei Patienten mit Kurzdarm und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu berücksichtigen, erinnerte Biesalski.

Eine wichtige Risikogruppe für eine Unterversorgung seien außerdem Senioren, bei denen eine Mangelernährung weit verbreitet ist. Defizite bestünden hier vor allem bei den Vitaminen A, B und D. Die Hautsynthese von Vitamin D sei bei Senioren im Vergleich zu jüngeren Menschen deutlich reduziert.

Last but not least: Auch Trend-Diäten, die Einnahme sogenannter FatReplacer und vegetarische, besonders vegane Ernährung könnten zu einer Unterversorgung an Mikronährstoffen führen, betonte Biesalski und eröffnete damit seinem Gegenpart, Professor Peter Stehle von der Universität Bonn, die Vorlage zu seinem Contra-Part.

NEM könnten kein Ersatz für eine unausgewogene Ernährung sein, betonte der Ernährungphysiologe, und ein Nährstoffmangel könne durch geeignete Auswahl von Lebensmitteln behoben beziehungsweise verhindert werden. Zudem sei noch in keiner Interventionsstudie durch Zufuhr von (hoch dosierten) NEM bei Menschen ohne Mangel an Mikronährstoffen ein präventiver Effekt erzielt worden. Ein weiterer Aspekt: Es gebe zu wenige Daten zur langfristigen Sicherheit von NEM. Nicht einmal die optimale Dosierung sei bekannt und wegen großer individueller Unterschiede oft auch schwer zu klären. Es gebe auch nur wenige kritische Nährstoffe. Stehle nannte Folsäure (in allen Altersgruppen) sowie Vitamin D, vor allem bei Kleinkindern und Senioren.

Vehement sprach sich der Ernährungsphysiologe gegen die Zufuhr sekundärer Pflanzenstoffe in Kapselform wie Polyphenolen, Catechin oder konjugierte Linolsäure (CLA) aus. Es existierten keine Referenzwerte und der Versorgungsstatus in der Bevölkerung sei nicht zu bewerten, eine Zufuhr solcher Wirkstoffe also nicht begründbar.

Kein eindeutiger Gewinner

Ein eindeutiger Gewinner in der Pro und Contra-Diskussion war nicht auszumachen, eine Abschlussbewertung durch das Plenum wurde gar nicht erst versucht. So ging die Aufforderung von Professor Roland Gärtner, Internist aus München und Vorsitzender der Veranstaltung, Patienten nach Möglichkeit über Nahrungsergänzungsmittel aufzuklären, ein bisschen im Mangel guter Evidenzen unter. Dies spricht einerseits für das Fazit von Stehle: Ein bevölkerungsweiter Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln zur Krankheitsvermeidung, Verbesserung des Wohlbefindens und zum Ausgleich diätetischer Missgriffe sei sinnlos. Aber gegen eine gezielte Verwendung von NEM in Risikogruppen ist andererseits sicher kaum etwas einzuwenden.

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