Neurologie/Psychiatrie

Psychiater setzen verstärkt auf Kooperation

FRANKFURT/MAIN. Die ambulante Betreuung psychisch kranker Menschen in Deutschland ist unzureichend, kritisieren Psychiater. Und das, obwohl außer der Versorgung durch niedergelassene Psychiater seit 30 Jahren Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA) an Kliniken bestehen. Mit der Initiative "PlusPunkt PIA" soll die Behandlungsqualität verbessert und die Effizienz der PIAs erhöht werden.

Von Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 13.12.2007, 05:00 Uhr

"Wir sind am Limit", sagte Privatdozent Dr. Michael Riedel aus München beim 2. Deutschen Ambulanztag in Frankfurt am Main. Die Psychiatrische Klinik an der LMU München beispielsweise sei permanent überbelegt. Von 1997 bis 2003 habe die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen in Deutschland um 62 Prozent zugenommen, so Riedel. Waren es vor fünf Jahren noch 68 AU-Tage pro 100 Versicherte, so wurden im Jahre 2003 bereits 179 gezählt.

Auch die Zahl der Klinikaufnahmen wegen psychischer Störungen steigt stetig. Nach Angaben von Professor Jürgen Fritze, Gesundheitspolitischer Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), habe sich diese Zahl in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, und zwar auf 1,1 Millionen Klinikaufnahmen im Jahre 2005.

Bereitschaft, zum Psychiater zu gehen, hat zugenommen

Das liege nicht unbedingt an einer zunehmenden Inzidenz psychischer Erkrankungen, meint Fritze. Die Bereitschaft, zum Psychiater zu gehen ist nach Auffassung von Riedel jedoch deutlich gestiegen. Zugleich verschärft sich die Personalsituation: In den psychiatrischen Kliniken müsse man im Mittel mit 90 Prozent des gesetzlich vorgeschriebenen Personals auskommen, ein Viertel der Kliniken sogar mit weniger als 85 Prozent, betonte Fritze.

Zwar sei die Zahl der Weiterbildungsassistenten weitgehend stabil, jedoch sei die niedergelassene Ärzteschaft überaltert bei regional sehr unterschiedlicher Dichte niedergelassener Psychiater.

Um die Versorgungssituation trotz hohen Bedarfsdrucks und knapper Ressourcen qualitativ zu sichern und zu verbessern, sprachen sich die Psychiater für eine verstärkte Kooperation zwischen Kliniken und Ambulanzen sowie niedergelassenen Kollegen aus. So ist mit der von AstraZeneca ins Leben gerufenen Initiative "PlusPunkt PIA" eine Plattform für Fortbildungen und den Austausch zwischen Mitarbeitern der PIAs sowie mit niedergelassenen Fachärzten geschaffen worden. Beim Deutschen Ambulanztag werden medizinische, juristische und gesundheitspolitische Probleme besprochen. Das Konzept setzt sich mit regionalen Veranstaltungen fort. Das PIA-Internetportal bietet die Möglichkeit der Kommunikation und des Meinungsaustausches.

Verbesserungswürdig sei die Kooperation mit niedergelassenen Psychiatern und Nervenärzten, meint Professor Göran Hajak aus Regensburg. Sie müssten besser in die Sachdiskussion um die Patienten eingebunden werden. Zudem müssten neue Organisationsformen in der Versorgung etabliert werden, hieß es.

STICHWORT

PIA

In Deutschland gibt es 418 Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA), um vor allem schwer psychisch Erkrankte auch nach der Krankenhausentlassung engmaschig weiter betreuen zu können. Die Organisation und die finanzielle Ausstattung sind regional sehr unterschiedlich. PIAs sind vor allem für Patienten gedacht, die wegen eingeschränkter Compliance, Therapieabbrüchen, häufigen Krankenhausaufenthalten oder Multimorbidität nicht vom niedergelassenen Psychiater betreut werden können.

Zu den häufigsten Krankheitsbildern in diesen Einrichtungen zählen Schizophrenie, affektive Störungen, schwere Persönlichkeitsstörungen, Suchtkrankheiten mit Komorbiditäten und gerontopsychiatrische Krankheiten. Entscheidend für die Versorgung in einer PIA ist aber nicht die Diagnose, sondern die Schwere des Krankheitsbildes. Die Vergütung der PIAs erfolgt außerhalb der vertragsärztlichen Gesamtvergütung und wird direkt mit den Landesverbänden der Kassen vereinbart. (ner)

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