Schlaganfall bei Kindern: Psychosoziale Diagnostik ist essenziell

Werden Kinder nach einem Schlaganfall gut betreut, kann dies viele psychosoziale Probleme verhindern.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Kind beim Psychologen: Lern- und Verhaltensstörungen nach einem Schlaganfall können durch frühzeitige Diagnostik verhindert werden.

Kind beim Psychologen: Lern- und Verhaltensstörungen nach einem Schlaganfall können durch frühzeitige Diagnostik verhindert werden.

© Frédéric Prochasson / fotolia.com

GÜTERSLOH. Schlaganfälle bei Kindern können nicht nur funktionelle Defizite, sondern auch Lern- und Verhaltensstörungen zur Folge haben. Vor allem in den kritischen Entwicklungsphasen sollten betroffene Kinder deswegen genau beobachtet werden.

Darauf weist Dr. Monika Daseking vom Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen hin. Sie macht seit 2001 bei Familien eine umfangreiche Analyse, in denen ein Kind einen Schlaganfall erlitten hat.

Insgesamt seien Verhaltensauffälligkeiten bei diesen Kindern eindeutig häufiger als bei Kindern, die keinen Schlaganfall erlitten haben, betonte die Expertin beim 1. Kongress zum Schlaganfall bei Kindern, den die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe vor kurzem in Gütersloh veranstaltet hat.

So habe knapp die Hälfte der Kinder Hinweise auf ein Aufmerksamkeitsdefizit, knapp ein Drittel Hinweise auf eine Angststörung und jedes fünfte Kind Hinweise auf eine affektive Störung, so Daseking.

Nicht immer sei die Verhaltensauffälligkeit freilich Folge der Hirnschädigung. Durch die Behinderung ausgelöster sozialer Stress könne auch sekundär zu auffälligem Verhalten führen.

Diese Probleme lassen sich unter Umständen verhindern, wenn die Kinder optimal gefördert und gut ins soziale Umfeld integriert werden.

Daseking plädierte deswegen auch bei Kindern, die zunächst nur geringe funktionelle Symptome als Folge ihres Schlaganfalls gezeigt haben, für eine ausführliche psychosoziale Diagnostik in den für die Entwicklung kritischen Lebensphasen. Denn nur dann sei gewährleistet, dass mit einer gezielten Förderung auch früh genug begonnen wird.

Vor allem vier Lebensphasen seien bei Kindern in Bezug auf mögliche psychosoziale Folgen eines Schlaganfalls als wichtig anzusehen, so Daseking: die Phase des Spracherwerbs im Alter von zwei bis drei Jahren, die Einschulung, der Wechsel in eine neue Schulform im Alter von 10 bis 12 Jahren und der Übergang ins Berufsleben.

Mit Blick auf die derzeitige Versorgungslage bei Kindern mit Schlaganfall kritisierten die in Gütersloh versammelten Experten und Betroffenen eine mangelnde Kommunikation zwischen dem medizinisch-therapeutischen System einerseits und sozialen Einrichtungen wie Kindergarten und Schule andererseits.

Professor Ulrike Nowak-Göttl vom Universitätsklinikum Münster betonte in Gütersloh, dass es für eine optimale Förderung der betroffenen Kinder wichtig sei, dass beispielsweise Verantwortliche der Schule über den Schlaganfall Bescheid wüssten.

"Das darf natürlich kein Automatismus sein. Die Eltern müssen schon entscheiden dürfen, welche Informationen weitergegeben werden. Aber wir müssen sie auch adäquat beraten und darauf hinweisen, dass ihnen Fördermöglichkeiten entgehen, wenn sie der Schule den Schlaganfall verschweigen. Auch der in den Landesschulgesetzen verankerte Nachteilsausgleich greift natürlich nur, wenn der Nachteil der Schule bekannt gemacht wird", sagte Nowak-Göttl auf der Veranstaltung.

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